Morde und „Aktion Dünamünde“
Nach den Massenerschießungen im Zuge der „Freimachung“ des Rigaer Gettos Ende November/Anfang Dezember 1941 kamen nach Ankunft der Deportationstransporte aus Deutschland auch Gaswagen zum Einsatz, die Mitte Dezember nach Riga gebracht und spätestens im Februar 1942 nach der Ankunft eines Transports, der Wien am 6. Februar verlassen hatte, eingesetzt wurden. Nach der Ankunft in Riga wurden die Insassen des Zuges von einem dieser Gaswagen abgeholt und 700 der insgesamt 1.000 Deportierten auf diese Weise direkt ermordet.
Im Februar und März 1942 fanden sowohl auf „Gut Jungfernhof“ als auch im Getto selbst immer wieder große Selektionen statt. Eine Zäsur für die Deportierten brachte in dieser Hinsicht schließlich der 26. März 1942, an dem unter dem Tarnnamen „Aktion Dünamünde“ auf dem Gut eine besondere infame Maßnahme durchgeführt wurde. Bereits in den Tagen zuvor waren etwa 450 junge und arbeitsfähige Frauen und Männer von den anderen getrennt worden, um sie in der Frühjahrssaison zur Bewirtschaftung und zum weiteren Aufbau des Gutes einzusetzen. Alle anderen sollten abtransportiert werden - angeblich zum Einsatz in einer Fischkonservenfabrik in Dünamünde, wo es angeblich leichtere Arbeit geben würde.
Es handelte sich aber lediglich um ein Täuschungsmanöver, um die späteren Opfer leichter auswählen und abtransportieren zu können. Mit Bussen und abgedeckten Lastwagen fuhren Sicherheitspolizei und sie unterstützende lettische Hilfspolizisten am 26. März dann zwischen 1.800 und 2.000 Menschen mitten durch das Rigaer Stadtgebiet in den Wald von Bikernieki, wo die völlig Verzweifelten gleich nach ihrer Ankunft erschossen wurden. Insgesamt fielen diesen im Februar und März 1942 durchgeführten Selektionen nahezu 3.000 als „arbeitsunfähig“ klassifizierte Menschen zum Opfer. - Danach wandelten sich die allgemeinen Verhältnisse auf dem „Jungfernhof“ grundlegend. In den folgenden Wochen wurden die ersten Ernten eingefahren und der Einsatz der jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter brachte das Gut aus Sicht der NS-Täter tatsächlich voran.
Im Unterschied zum „Jungfernhof“, wo die „Aktion Dünamünde“ als eintägiges Massaker durchgeführt worden war, ging dem Massenmord an den „Arbeitsunfähigen“, Alten und Kindern im Getto selbst offenbar eine mehrtätige, aber nicht minder mörderische Selektion voraus, die am 16. März begann und am 3. April 1942 endete. Ihr fielen erneut etwa 3.000 Menschen zum Opfer.
Diese Mordaktionen des Frühjahrs 1942 überlebten im Getto rund 12.000 Jüdinnen und Juden, die danach bis zu dessen Auflösung im November 1943 weiterhin Zwangsarbeit leisten mussten. In dieser Zeit gab es - abgesehen von zahlreichen Einzelmorden und dem Massaker an der lettischen jüdischen Gettopolizei - keine weiteren Massenerschießungen mehr. Allerdings war das Überleben für jeden einzelnen Gettobewohner niemals gesichert und hing bis zum Schluss von zahlreichen Faktoren ab, die ihrerseits stets von Zufälligkeiten und Willkür beeinflusst wurden.