Einmarsch und Gettobildung
Nachdem Lettland mit seiner Hauptstadt Riga erst im August 1920 zur selbstständigen Republik geworden war, wurde es am 17. Juni 1940 von der Roten Armee besetzt und zur Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik und damit zum Bestandteil der Sowjetunion erklärt. Die Hauptstadt zählte 1935 eine jüdische Bevölkerung von rund 54.000 Menschen, die damit elf Prozent der gesamten Stadtbevölkerung ausmachten. Bis zum des Zweiten Weltkrieges hatte sich diese Zahl auf rund 40.000 reduziert.
Nachdem sich die Rote Armee am 1. Juli 1941 vor der herannahenden Wehrmacht zurückgezogen hatte, wurden die neuen Besatzer von vielen Letten als Befreier begrüßt. Obwohl einige Jüdinnen und Juden aus der Stadt in Richtung Osten geflohen waren, saßen die meisten, die zuvor in Riga Zuflucht gesucht hatten, nun dort fest. Bereits am ersten Tag der Besetzung begannen lettische Kollaborateure damit, Tausende von jüdischen Männern zu verhaften und in Gefängnissen, im Polizeipräsidium und an weiteren Orten zu internieren. Sie wurden zunächst schwer misshandelt, und etwa 2.700 von ihnen anschließend im nahe gelegenen Bikernieki-Wald ermordet. Ihnen folgten im Laufe des Juli weitere Tausende jüdischer Männer. Am 4. Juli setzten lettische Freiwillige zudem die große Synagoge in Brand und töteten dabei jene Angehörigen der Jüdischen Gemeinde, die im Gebäude eingeschlossen waren. Später wurden mit Ausnahme jener in Pietstavas alle weiteren Synagogen der Stadt niedergebrannt.
Mit der Wehrmacht kamen auch die zur „Einsatzgruppe A“ zählenden SS-„Einsatzkommandos“ 1a und 2 ins Land, die das Morden in den folgenden drei Monaten mit großer Brutalität fortsetzten und in Riga eine regelrechte Schreckensherrschaft errichteten. Viele Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und ihre Besitztümer beschlagnahmt, andere wurden zur Zwangsarbeit zusammengetrieben. Die jüdische Bevölkerung wurde gezwungen, zur Kennzeichnung und öffentlichen Diskriminierung einen „Judenstern“ zu tragen. Zugleich wurde ihnen verboten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, auf Bürgersteigen zu gehen und öffentliche Plätze aufzusuchen, eine Schule zu besuchen oder ihren Beruf weiter auszuüben. Ihre ohnehin stark limitierten Lebensmittelrationen durften sie nur noch in drei Geschäften kaufen. Außerdem waren körperliche Übergriffe nun an der Tagesordnung.
Am 25. Oktober 1941 wurde im Rigaer Stadtteil „Moskauer Vorstadt“ für die bis dahin überlebenden Jüdinnen und Juden schließlich ein Getto eingerichtet. In diesem überwiegend aus häufig bereits baufälligen Holzhäusern bestehenden Stadtviertel, in dem es weder ausreichende Sanitäranlagen noch eine funktionierende Wasserversorgung gab, lebten auf engem Raum zahlreiche sozial Schwache. Bis zum 25. Oktober waren um die 32.000 Menschen ins Getto umgesiedelt worden, woraufhin die Wehrmacht den Bezirk abriegelte und mit einem hohen Zaun umgab, der anschließend von lettischen Hilfstruppen bewacht wurde. Es wurde ein „Ältestenrat“ eingesetzt und ein eigener „Jüdischer Ordnungsdienst“ gebildet. Außerdem richtete man in notdürftiger Form ein Krankenhaus, eine Krankenstation, eine Apotheke und ein Altersheim ein. Die Getto-Bewohner hatten für deutsche Stellen Zwangsarbeit zu verrichten; unter anderem wurden sie beim Bau des Konzentrationslagers Salaspils in der Nähe Rigas eingesetzt. Die Bewohner durften das Getto nun nur noch für diese Arbeiten verlassen, wobei jeder Kontakt zwischen jüdischer und lettischer Bevölkerung strengstens verboten war.
Das Getto wurde häufig von deutschen und lettischen Polizisten „besucht“, die die Bewohner dabei ausplünderten und raubten, was ihnen in die Hände kam: Pelze, Bilder, Kristall, Decken, Wäsche und Musikinstrumente.