Gedenken
Die öffentliche Erinnerung an die Kriegs- und Besatzungszeit folgte auch über 25 Jahre nach dem Ende der UdSSR bis weit in die 2010er-Jahre noch weitgehend sowjetischen Mustern. In dem sich als ehemalige „Partisanenrepublik“ verstehenden Belarus galten und gelten die Jahre zwischen 1941 und 1944 nach wie vor als ebenso heroischer wie opferreicher Kampf des weißrussischen Volkes gegen die deutschen Invasoren.
Dabei blieb, obwohl mit 500.000 bis 550.000 Jüdinnen und Juden acht bis neun Prozent aller Holocaust-Opfer aus Weißrussland stammten, in der monolithischen Kriegserzählung vom heroischen Volkskampf kaum Raum zur Darstellung von deren Verfolgungsgeschichte. Insofern spielte Maly Trostenez als Ort der Massenvernichtung in der Nachkriegszeit zunächst praktisch keine Rolle. Das wurde schrittweise seit den 1960er-Jahren insofern umgedeutet, dass es in der weißrussischen Kollektiverinnerung zu einem Todeslager wurde, aber eben zu einem, in dem mehrheitlich nichtjüdische Menschen als Angehörige der Zivilbevölkerung, als Untergrundkämpfer und Partisanen sowie sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden.
Die einzige Ausnahme stellte ein - auch erst 2002 errichteter - Gedenkstein nahe der Hinrichtungsstätte im Wald von Blagowschtschina dar, auf dem - allerdings erst an letzter Stelle! - auch „Juden aus dem Minsker Getto und vielen Ländern Europas“ als Opfer benannt wurden. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Ermittler der staatlichen sowjetischen Untersuchungskommission bereits 1944 intern festgehalten hatten, dass in Blagowschtschina insbesondere deportierte Jüdinnen und Juden getötet worden seien.
Im Juni 2015 eröffnete Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko schließlich nahe dem ehemaligen Lager von Maly Trostenez eine neue Gedenkanlage, die in ihrer Gestaltung aber weiterhin in spätsowjetischer Tradition steht und als deren übergreifendes Thema das durch Krieg verursachte menschliche Leid zum Ausdruck gebracht werden soll. Die an diesem Ort ermordeten Jüdinnen und Juden erscheinen dagegen weiterhin als marginale Gruppe, die zudem nicht explizit erwähnt wird.
Das versucht seit 2010 der Wiener Verein „IMMER Initiative Malvine - Maly Trostinec erinnern“ zu verändern, indem er sich für die Errichtung eines dauerhaften Gedenkzeichens vor Ort einsetzt und ein dauerhaftes Mahnmal mit den Namen der über 10.000 österreichischen Jüdinnen und Juden, die zahlenmäßig die größte Opfergruppe unter den Deportierten stellten, errichten möchte. Auf deutscher Seite engagiert sich in dieser Hinsicht seit 2013 das mit der Arbeit in Weißrussland vertraute Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund.
Am 29. Juni 2018 konnte im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seines österreichischen Amtskollegen Alexander von der Bellen dann nach jahrelanger Planung der Wiener und Dortmunder Initiativen der zweite Bauabschnitt des auf insgesamt 100 Hektar ausgelegten Erinnerungsortes Trostenez eingeweiht werden. Damit, so die von Steinmeier beim Eröffnungsakt zum Ausdruck gebracht Hoffnung, solle der von ihm so bezeichnete „Ort des Todes“ endlich und dauerhaft in das „historische Bewusstsein Europas“ zurückgeholt werden.[1]
Fußnoten
[1] Vgl. https://ibb-d.de/erinnern/gedenkstaette-trostenez/. Auf der Website der IBB findet sich eine ausführliche Darstellung einer Wanderausstellung zum Thema und eine Dokumentation der die Eröffnung der Gedenkstätte begleitenden zweitägigen Konferenz. Die Rede des Bundespräsidenten zu diesem Anlass ist komplett nachlesbar unter https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2018/06/180629-Belarus-Trostenez.html (23.9.2021). Vgl. auch Spiegel, 30.6.2018 (https://www.spiegel.de/politik/ausland/frank-walter-steinmeier-weiht-gedenkstaette-maly-trostinec-ein-a-1215867.html (Zitat) --- 23.9.2021).