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Massenmord

Am 11. Mai 1942 trafen als erste Opfer 1.000 Jüdinnen und Juden aus Wien ein, die direkt in das Waldstück Blagowschtschina gebracht wurden, wo sie in einer der etwa 60 Meter langen und drei Meter breiten, zuvor von sowjetischen Kriegsgefangenen ausgehobenen Grube erschossen wurden. Bis Oktober 1942 folgen 15 weitere Transporte mit jeweils etwa 1.000 Personen. Nur wenige überleben zunächst, weil sie zur Zwangsarbeit ausgewählt werden.

Noch weitaus mehr der Opfer werden aus Minsk zum Massenmord in das Waldstück transportiert. Vor allem Ende Juli 1942[1] und bei der Auflösung des Gettos im Herbst 1943 werden immer wieder Jüdinnen und Juden von dort und den Minsker Haftanstalten nach Blagowschtschina gebracht, wo 80 bis 100 Schutzpolizisten und Angehörige der Waffen-SS auf sie warteten. Beim Entladen der LKWs gingen die SS-Männer ebenso brutal vor, wie beim durch Genickschuss ohne jede Gnade vollzogenen Tötungsakt. Vor ihrer Erschießung mussten sich die Opfer entkleiden, letzte Wertgegenstände aushändigen. Kleidung und ihr Gepäck wurden anschließend im Lager Trostenez zur anderweitigen Nutzung sortiert.

Schreie und vereinzelte Todesschüsse wurden dabei von lauter Musik übertönt, die aus einer eigens hierfür installierten Lautsprecheranlage tönte, damit die Bevölkerung der umliegender Dörfer die Exekutionen nicht wahrnahm. Die SS hatte die Abläufe derart akribisch organisiert, dass den Opfern keinerlei Möglichkeit zum Widerstand gelassen wurde.

Nachdem die Gruben mit Leichen gefüllt waren, musste ein Sonderkommando aus Kriegsgefangenen die Leichen mit Erde abdecken, die daraufhin von Planierraupen oder Traktoren eingeebnet wurden.

Etwa ab Anfang Juni 1942 wurden hierzu auch drei mobile „Gaslastwagen“ eingesetzt, die von der einheimischen Bevölkerung als „Dushegubki“ - „Seelentöter“ - bezeichnet wurden.

Die Deutschen und ihre lettischen und ukrainischen Helfer ermordeten hier zudem Partisanen und Widerstandskämpfer, aber auch unbeteiligte Zivilisten, um Angst unter der Bevölkerung zu schüren. Bis zum Herbst 1943 blieb Blagowschtschina der zentrale Exekutionsort von Sipo und SD in Minsk. Die Sonderkommission schätzte die Gesamtzahl der in Blagowschtschina Ermordeten im Sommer 1944 auf 150.000.[2]

Auch von den Hunderten auf dem SS-Gut in Maly Trostenez in einem Arbeitslager untergebrachten und dort eingesetzten jüdischen Häftlingen erlebten nur sehr wenige das Kriegsende. Auch dieses so harmlos als „Gut des Kommandeurs“ bezeichnete Lager wurde zu einem Ort permanenten Mordens. Die 150, später 250 Männer der SS-Lagermannschaft hatten jegliche Freiheit, Gefangene willkürlich zu schlagen, zu quälen und zu ermorden.

Fußnoten

[1] Blagowschtschina diente auch während des „Juli-Massakers“ im Minsker Getto als wichtigste Hinrichtungsstätte: Zwischen dem 28. und 31. Juli 1942 wurden nahezu 10.000 als „arbeitsunfähig“ kategorisierte Getto-Bewohner mehrheitlich in Gaswagen erstickt worden. (Vgl. Rentrop-Koch, Maly Trostinez, S. 159ff. und den hier einzusehenden Beitrag zum Minsker Getto).

[2] Bereits am 14. Juli 1944 traf zwei Wochen nach Rückeroberung des Gebietes eine von sowjetischer Seite eingesetzte Sonderkommission in in Malyj Trostenez ein, auf deren Arbeit sich ein Großteil der Kenntnisse über Maly Trostenez stützt. Sie entdeckte nach Befragung von Anwohnern im Wald von Blagowschtschina auch 34 Massengräber. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass Trostenez die größte nationalsozialistische Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der Sowjetunion war. (Vgl. https://www.trostenez.org/ausstellung/#malyj-trostenez (5.5.2022).

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