Leben im Getto
Im Getto lebten Tausende in den Ruinen zerstörter oder entkernter Häuser ohne fest Böden und Fenster in drangvoller Enge. Bis zu 20 Personen in einem Raum waren dabei keine Seltenheit. Ein aus Berlin nach Minsk Deportierter erinnerte sich später: „Sieben Leute sind wir in unserem Zimmer, das eine Bodenfläche von 5x5 Metern hat. Wasserleitungen und elektrisches Licht gibt es nicht. Die sanitären Verhältnisse spotteten aller Beschreibungen. Es gab noch keine Latrine.“
Neben dem Platzmangel litten die Gettobewohner angesichts der völlig fehlenden Infrastruktur unter unerträglichen hygienischen Verhältnissen. Jeden Tropfen benötigten Wassers mussten sie aus den wenigen Ziehbrunnen mühsam nach oben pumpen. Im Winter 1941/42 tauten sie außerdem Schnee auf. Das so gewonnene Wasser reichte nur knapp zum Trinken und Kochen, während jede Form von Körperhygiene unterbleiben musste; auch die wenigen Latrinen waren äußerst primitiv und genügten nicht den niedrigsten Standards. Ebenso illusorisch war das Waschen und Wechseln von Kleidung, weshalb die Menschen Hosen, Hemden, Kleider und Röcke häufig so lange trugen, bis sie nur noch aus letzten Fetzen bestanden.
Neben Unterbringung und Hygiene entwickelten sich Mangelernährung und daraus resultierender quälender Hunger zum allgegenwärtigen Begleiter. Selbst die offizielle Lebensmittelversorgung lag bereits deutlich unterhalb des Existenzminimums. Wie die im Getto internierten Jüdinnen und Juden weißrussischer Herkunft erhielten auch von deren deutschen und tschechischen Leidensgenossinnen und -genossen in den „Sondergettos“ nur jene eine halbwegs ausreichende Verpflegung, die im „Arbeitseinsatz“ standen. Das waren im Winter 1941/42 aber lediglich rund 900 der nahezu 7.000 Insassen. Ein Gettobewohner beklagte am 21. Dezember 1941: „Hunger, Hunger, Hunger! Die Verpflegung des Lagers ist grauenhaft. Mal erhalten die Lagerinsassen um 9 Uhr eine Wassersuppe und abends etwas Brot. Mal gibt’s solch ‚Essen‘ erst spät nachmittags. Es fiel auch schon ganz aus.“
Die Unterernährung, die katastrophalen hygienischen Zustände und schließlich die winterliche hatten unter den Deportierten einen extrem hohen Krankenstand und eine große Zahl an Toten zur Folge. Dazu brachte der gleiche Autor am 13. Januar 1942 zu Papier: „Der Tod geht um! Im Lager. Die Alten und Kranken gehen ein. Es gibt auch nur noch Massengräber. Alle paar Tage werden an die 20 Toten begraben! - Es ist ein schauerlicher Zustand.“ Hinzu gesellten sich angesichts der eskalierenden Zustände immer mehr Selbstmorde.
Wenn das Minsker Getto bis zum Sommer 1942 auch von „Großaktionen“ des Mordens verschont blieb, so gab es doch immer wieder Tote im Rahmen der seitens der SS in den „Sondergettos durchgeführten Razzien. Ein Überlebender berichtete später: „Kleinere Exekutionen, und damit meine ich Exekutionen von Personen, fanden etwa alle 4-5 Tage statt. Dies während meines ganzen Aufenthaltes in Minsk.“ So pflegte ein SS-Oberscharführer am Ende seiner täglichen Runde durch das Getto willkürlich Insassen zu erschießen.