Auflösung des Gettos
Die Vorbereitungen für die Auflösung des Lubliner Gettos begannen bereits im Oktober 1941, wobei dessen Bewohner von Beginn an in zwei Kategorien aufgeteilt wurden: jene Tausende, die in irgendeiner Form für die Besatzer tätig waren und jene andere große Gruppe, für die SS und Wirtschaft keine Verwendung hatten. Im Dezember wurden vor diesem Hintergrund zahlreiche jüdische Arbeitskräfte zur Errichtung des KZ Majdanek ausgewählt und abgestellt, das der Unterbringung der als verwendungsfähig geltenden dienen sollte. Anfang 1942 wurde das Getto dann in zwei Teile geteilt, in Teil „A“, dem sogenannten „Großen Getto“ lebten jene Jüdinnen und Juden, die ohne Arbeit und zu solcher in aller Regel auch nicht fähig waren, während im Teil „B“, dem mit Stacheldraht eingezäunten „besseren“ Teil des Gettos, jene untergebracht waren, die in irgendeiner Form für die deutsche Seite arbeiteten. Außerdem waren hier auch alle wichtigen jüdischen Einrichtungen und Personen angesiedelt wie etwa der Judenrat und die Ärzte aus den jüdischen Krankenhäusern. Die Bewohner der Teile „A“ und „B“ waren auch ihrerseits deutlich getrennt und durften sich nur zu bestimmten Zeiten am Tag mit einer Sondergenehmigung besuchen. Die Teilung des Gettos war nichts anderes als die praktische Vorbereitung zur Umsetzung der bereits gefallenen Entscheidung, dass ein erheblicher Teil der Lubliner Juden unmittelbar nach dessen Fertigstellung als erste im Vernichtungslager Belzec ermordet werden sollten.
Das ging auch daraus hervor, dass sämtliche einsatzfähigen jüdischen Arbeiter in der ersten Märzhälfte 1942 seitens der SS registriert und dabei von der Sicherheitspolizei mittels eines Stempels in ihren Ausweisen kenntlich gemacht wurden. Damit galten sie als von künftigen Deportation ausgenommen und mussten, sofern sie nicht bereits dort wohnten, in Teil „B“ des umziehen. Die Zahl dieser von der SS als „Arbeitsjuden“ Diffamierten belief sich nach offiziellen Angaben auf 2.500.
Am 16. März 1942 informierte dann Hermann Höfle, der „Judenreferent“ Odilo Globocniks, die Vertreter aller in Lublin angesiedelten NS-Einrichtungen von der unmittelbar bevorstehenden Auflösung des Gettos und der Deportation von dessen als nichtarbeitsfähig geltenden Bewohnern ins Lager Belzec, während die übrigen in das noch im Bau befindliche KZ Majdanek verlegt werden sollten. Mit dieser Anordnung nahm die „Aktion Reinhardt“, die Ermordung der im Generalgouvernement lebenden Juden, ihren faktischen Anfang. Darüber wurden die auf deutscher Seite Beteiligten auch nie im Zweifel gelassen. Höfle teilte ihnen nämlich mit, dass Belzec „die letzte Station im Distrikt Lublin“ sei und „dass diese Menschen nie wieder zurückkommen“ würden.
Um 22.00 Uhr dieses 16. März war das Getto von SS und Trawniki-Männern umstellt worden, die die Hauptstraße des Gettos anzündeten und die so aus ihren Häusern vertriebenen Menschen zutiefst, schockierte. Viele von ihnen, vor allem die Alten und Kranken, wurden an Ort und Stelle getötet. Danach traf der zuständige Beamte der Gestapo Lublin den Judenrat und wies ihn an, künftig jeden Tag etwa 1.500 Menschen „zur Arbeit in den Osten“ zu deportieren sei, wobei nur jeweils 15 kg Gepäck mitgenommen werden dürften.
In der Zwischenzeit wurde die erste Gruppe der zur Deportation Ausgewählten in die Große Synagoge gebracht, die als Sammelstelle diente. Von hier aus mussten sie sich in der Nacht zum Umschlagplatz in der Nähe des städtischen Schlachthofs gebracht, um von hier aus am frühen Morgen des 17. März 1942 als erste Lubliner Jüdinnen und Juden nach Belzec deportiert zu werden. Zu diesem Zeitpunkt wusste wohl noch keiner der Betroffenen etwas über den Zielort der Transporte und das dort erbarmungslos wartende Schicksal. Offenbar gelang aber einige Tage später einem unbekannt gebliebenen deportierten Jungen die Flucht aus dem Vernichtungslager, die er nutzte, die noch in Lublin Zurückgebliebenen zu informieren. Angesichts der unglaublichen Erzählung wollte ihm aber augenscheinlich niemand Glauben schenken.