Der „Nisko-Plan“
Im Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) entstand unter maßgeblicher Mitarbeit des damals als Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien tätigen Adolf Eichmann im September 1939 der Plan, im östlichen Polen zwischen den Flüssen Bug und San rund um die Städte Nisko und Lublin ein „Judenreservat“ einzurichten. Hierhin sollten nach Möglichkeit alle Jüdinnen und Juden aus Deutschland, Österreich und anderen bereits deutschbesetzten Gebieten deportiert werden. Wie aus einigen überlieferten Andeutungen ersichtlich, nahmen schon diese frühen Planungen der späteren Haupttäter des Holocaustin Kauf, dass die geplante Ansiedlung so vieler Menschen in einem relativ kleinen Gebiet den Tod vieler der Deportierten bewusst in Kauf.
Nachdem auch Adolf Hitler dem Vorhaben kurz vor dem 21. September zugestimmt hatte, trafen zwischen dem 18. Oktober und dem 1. November 1939 fünf Transporte aus Mährisch-Ostrau und Wien mit rund 3.000 Insassen im Zielgebiet ein. Praktisch umgesetzt wurden im Kontext des „Nisko-Plan“ aber lediglich die Errichtung eines „Durchgangslagers“ in Zarzecze bei Nisko, in dem die aus Wien und Mährisch-Ostrau Kommenden und weitere Deportierte aus Kattowitz untergebracht wurden. Obwohl der Plan bereits Ende Oktober 1939 am Widerstand regionaler Befehlshaber der Wehrmacht und neu eingesetzter NS-Kreisdienstleiter scheiterte, die gerade mit Pogromen gegen die einheimische jüdische Bevölkerung begonnen hatten, gilt er bis heute häufig aber als Vorstufe für die „Endlösung der Judenfrage“. Das Lager in Zarzecze wurde erst im April 1940 wieder aufgelöst.[1]
Parallel zu diesem Vorhaben wurde der Distrikt Lublin auf Initiative der SS-Führung zum Aufnahmeort für weitere Deportationen aus dem Reichsgebiet einschließlich der neugeschaffenen „Reichsgaue“. Von Dezember 1939 bis Februar 1940 wurden Tausende Jüdinnen und Juden hierher transportiert, bis auch dieses Projekt nach der Ankunft von rund 6.300 Menschen - darunter eine große Zahl aus Stettin und Schneidemühl[2] - gestoppt wurde. Die meisten von ihnen wurden daraufhin in kleinen Gettos in Piaski, Glusk und Belzyce untergebracht.
Fußnoten
[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Nisko-Plan
[2] Über die Ankunft des Stettiner Transports in Lublin wurde berichtet: „Bei der Ankunft am 17. Februar 1940 in Lublin, reißen Soldaten die Türen auf und ziehen alte, gebrechliche Leute an den Beinen aus den Wagen. Bei 40 Grad Kälte müssen die Verschleppten, zu Fuß und auf offenen Schlitten, kilometerweit durch Schneefelder. Am nächsten Tag, so eine Überlebende, seien im Lubliner Krankenhaus 130 Amputationen erfrorener Gliedmaßen vorgenommen worden. Die Deportierten werden auf drei Städtchen verteilt. Die ganzen Zustände sind unbeschreiblich und auf die Dauer nicht zu ertragen.“ (Zitiert nach http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/transportliste-der-deportierten-1940/transport-12021940-stettin-schneidemuehl.html (17.9.2021).)