Massentötungen und Opferzahlen
Sachsenhausen diente seit Kriegsbeginn auch als Exekutionsstätte der Gestapo. Das erste Opfer war ein Arbeiter, der aus politischen Motiven seine Mitarbeit beim Ausheben von Luftschutzgräben verweigert hatte und daraufhin auf Anordnung Himmlers in der Nacht vom 7. auf den 8. September 1939 von einem Kommando der Lager-SS in einer Sandkuhle auf dem „Industriehof“ erschossen wurde. Die erste lageröffentliche Exekution fand kurz darauf Mitte September 1939 statt, als alle Häftlinge auf dem Appellplatz antreten mussten, um der regelrecht inszenierten Erschießung des „Bibelforschers“ August Dickmann beizuwohnen. Danach wurden dann in einem im nördlichen Teil des „Industriehofs“ angelegten Graben immer häufiger, ab 1943 dann nahezu täglich, Einzelne oder
Im Frühjahr 1941 begann im Rahmen der Aktion „14f13“ die erste systematische Massentötungsaktion innerhalb des KZ-Systems. Eine Ärztekommission suchte alle Konzentrationslager auf, um dort kranke, geschwächte, behinderte und andere Häftlinge auszusondern. Die erste Station der Kommission war im April 1941 das KZ Sachsenhausen, wo deren Mitglieder auch in ihre Aufgabe eingewiesen wurden. Die anschließend selektierten 269 Menschen wurden in die „Euthanasie“-Anstalt Sonnenstein bei Pirna gebracht, wo sie zwischen dem 4. und 7.Juni 1941 mit Giftgas getötet wurden. Später nahm die Lagerführung in Sachsenhausen noch eigenständige Selektionen vor und ließ diese Häftlinge in der Anstalt Bernburg/Saale ermorden. Weitere Transporte dieser Art verließen Sachsenhausen nochmals im Oktober 1942.
Eine der größten Massentötungsaktionen begann Anfang September 1941. Gruppen sowjetischer Kriegsgefangener, die seitens der SS zuvor als „Kommissare“ ausgewählt worden waren, wurden in zwei zu diesem Zweck eigens geräumten Baracken der „Strafkompanie“ im Häftlingslager einquartiert. Von dort brachte man sie nach und nach per LKW zum „Industriehof“, wo sie in einer zwischenzeitlich errichteten „Genickschussanlage“ ermordet wurden. Diese Anlage hatte man zuvor für solche Zwecke in Sachsenhausen selbst entwickelt, wo sie ab Mitte September auch anderen KZ-Kommandanten vorgeführt wurde. Von den etwa 12.000 von Ende August bis Ende Oktober 1941 eingelieferten Kriegsgefangenen wurden rund 9.000 bis 9.200 auf diese Weise ermordet; weitere 180 waren bereits tot im Lager angekommen. Die weitaus meisten von jenen, die nach Abschluss dieser Massenexekutionen ab Mitte Oktober dann als „Arbeitsrussen“ im Lager eingesetzt wurden, starben in den folgenden Monaten an Hunger, Entkräftung und Krankheit. Einige wurden auch weiterhin Opfer von Erschießungen.
Im Herbst 1941 wurden vor ihrem geplanten mobilen Einsatz an der Ostfront in Sachsenhausen auch sogenannte „Gaswagen“ an KZ-Häftlingen getestet - auch unter ihnen vorwiegend sowjetische Kriegsgefangene vorwiegend jüdischer Abstammung. Rund ein halbes Jahr später wurde dann im Frühjahr 1942 auf dem „Industriehof“ eine regelrechte Vernichtungsanlage mit Krematorium und „Genickschussanlage“ errichtet, die am 29. Mai 1942 in Anwesenheit hochrangiger NS-Vertreter in Betrieb genommen wurde. Um deren „Effektivität“ zu veranschaulichen, wurden an diesem Tag 96 Juden erschossen. Im März 1943 dieser Komplex um eine Gaskammer erweitert, die bis zum Kriegsende in Betrieb blieb. In Analogie zum als „Turm A“ auf dem Eingangstor bezeichnete die SS dieses ganz auf die Vernichtung menschlichen Lebens ausgerichtet Gebäudeensemble zynisch als „Station Z“.
Wie viele von den auf 200.000 geschätzten Menschen, die zwischen 1936 und 1945 im KZ Sachsenhausen und seinen Außenlagern inhaftiert waren, dort auch den Tod fanden, ist kaum mehr zu ermitteln. Schätzungen gehen von 35.000 bis 40.000 Toten aus, zu denen noch die große Zahl jener hinzukommt, die nicht während ihrer Haftzeit in Sachsenhausen, sondern an anderen Orten starben, nachdem sie krank und geschwächt in andere Lager und Einrichtungen verlegt worden waren. Hunderte wurden schließlich noch auf den Todesmärschen im Frühjahr 1945 ermordet oder starben nach Kriegsende an den Folgen ihrer Internierung.