Menschenversuche und Massenexekutionen
Dachau war auch ein Ort, an dem medizinische Experimente an Menschen durchgeführt wurden. 1941 ließ das NS-Regime intensiv am Bau von Düsenjägern arbeiten, wobei die dabei zu berücksichtigenden medizinischen Fragen weit hinter der Entwicklung der Technik zurückblieben, insbesondere jene, ob und unter welchen Bedingungen der Mensch in großen Höhen arbeitsfähig ist. Daher kommandierte die Luftwaffe den wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Wolfgang Romberg nach Dachau ab, wo er in einer mobilen Unterdruckkammer von Februar bis Mai 1942 Versuche an Häftlingen vornahm.
Auch der SS-Arzt Dr. Sigmund Rascher nutzte das KZ Dachau, um sein eigenes, noch weit radikaleres Forschungsprogramm zur Unterkühlung von Menschen zu realisieren. In beiden menschenverachtenden Untersuchungsreihen lag der Schwerpunkt in der Beobachtung der Sterbeprozesse und der Obduktion der Opfer. Die Häftlinge wurden nackt auf Tragen gebunden und über Nacht im Freien ungeschützt der Kälte ausgesetzt. Da der Winter 1942/1943 nicht streng genug war, ließ Rascher sie zusätzlich mit einem Betttuch bedecken und jede Stunde mit kaltem Wasser übergießen. Bis zu ihrer Einstellung im Mai 1943 wurden 300 bis 400 derartige „Versuche“ durchgeführt, die 80 bis 90 Menschen ihr Leben verloren.
Seine Initiative führte Reichsführer-SS Himmler zugleich vor Augen, dass er sein Prestige durch Ausnutzung der Konzentrationslager für die wehrmedizinische Forschung nutzen konnte. Daher rief er am 7. Juli 1942 das „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ ins Leben, dem auch Raschers Forschungsthema der Unterkühlungsversuche eingegliedert wurde.
Im Sommer 1942 wurden in Dachau weitere Versuche durchgeführt, in deren Rahmen biochemisch wirkende Tabletten wurden gegen Phlegmone und Sepsis eingesetzt wurden, die zuvor durch Eiterinjektionen künstlich hervorgerufen worden waren. Mindestens sechs jüdische Häftlinge wurden auf diese Weise ermordet. Anfang November 1942 starben bei Versuchen mit Sulfonamiden weitere 29 Häftlinge qualvoll.
Die größte in Dachau durchgeführte Reihe pseudowissenschaftlicher „Versuche“ führte Dr. Claus Schilling durch, als er von Februar 1942 bis Mitte März 1945 etwa 1.100 Häftlinge mit Malaria infizierte. Infolge der Injektionen starben zehn Menschen noch im Krankenlager, weitere 85 dann nach ihrer Entlassung.
Ebenfalls auf Wunsch Heinrich Himmlers wurden die Konzentrationslager seit Frühjahr 1941 auch in die „Euthanasie“-Aktion einbezogen. Am 3. September 1941 fand in Dachau die erste große Selektion im Rahmen der „Aktion 14f13“ statt, bei der als nicht mehr „arbeitsfähig“ geltende KZ-Häftlinge ermordet wurden. Die ersten „Invalidentransporte“ verließen das KZ dann allerdings erst im Januar 1942 abgefertigt. In der Folgezeit wurden ein- bis zweimal die Woche jeweils 100 bis 120 der ausgewählten und damit zum Tode verurteilten Häftlinge mit zwei Lastkraftwagen in die Euthanasieanstalt Schloss Hartheim in Österreich transportiert - allein im Jahr 1942 insgesamt 2.524 Menschen.
In Dachau praktizierte man bereits während der Endphase der „Aktion 14f13“ im Herbst 1942 auch eine Massenvernichtung tuberkulosekranker Häftlinge durch Phenolspritzen. Und auch nach der offiziellen Beendigung der Aktion sonderten die SS-Ärzte weiterhin drei- bis viermal im Jahr im Krankenrevier Patienten aus, die auf absehbare Zeit nicht „arbeitsfähig“ sein würden.
Die erste Massenexekution im Umfeld von Dachau selbst erfolgte am 27. August 1941 mit der Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener. Diese Hinrichtungen wurden dann ab dem 4. September 1941 bis etwa Mitte Juni 1942 zwei- bis dreimal wöchentlich auf dem nahegelegenen Schießplatz in Hebertshausen durchgeführt. Hierbei wurden etwa 4.500 Soldaten ermordet.