Lagerleben
Die Häftlinge waren von ihrer Ankunft an dem Terror der SS-Männer unterworfen und ausgeliefert. Bereits die Empfangsprozedur nahm zur Einschüchterung der Neuankömmlinge immer gewalttätigere Formen an, was insbesondere die jüdischen Häftlinge zu spüren bekamen, die zahlreiche Bestialitäten und Erniedrigungen wie etwa Schläge mit dem Ochsenziemer - über sich ergehen lassen mussten.[1] Bereits in den ersten Wochen seiner Existenz kam es in Dachau bei der Ankunft neuer Internierter zu Mordexzessen durch das Wachpersonal, in deren Rahmen zwischen dem 12. April und Ende Mai 1933 allein 13 Menschen ermordet wurden, ohne dass die zuständigen Stellen der Justiz dagegen eingeschritten wären.
Der Tagesablauf, der zugleich die festgelegte „Zeitstruktur“ des Lagers widerspiegelte, gestaltete sich in der Regel so: Um sechs Uhr morgens gab ein Trompetenstoß das Signal zum Aufstehen. Nach Waschen und Bettenbau erhielten die Häftlinge dünnen Ersatzkaffee. Danach musste das gesamte Lager um 6.30 Uhr auf dem Appellplatz antreten, wo eine hölzerne Tribüne stand, von der aus Befehle erteilt, Verordnungen bekannt gegeben und die Namen der Entlassenen sowie derjenigen verlesen wurden, die zum Verhör anzutreten hatten.
Auf den Befehl „Arbeitskommando formiert!“ reihten sich sämtliche Häftlinge nach Abschluss des Appells in ihre jeweiligen Arbeitskommandos ein, an deren Spitze die „Kapos“ standen. Von Wachen begleitet zogen diese Kommandos anschließend zu ihren Arbeitsplätzen. Um 11 Uhr kehrten sie ins Lager zurück, um eine halbe Stunde später in Kompanien in die große Speisehalle außerhalb des Lagers zu marschieren, in der das Mittagessen eingenommen wurde. Darauf folgte die Mittagspause zur freien Verfügung, bis um 13 Uhr nach einem kurzen Appell die Arbeit wieder aufgenommen wurde, die um 17 Uhr endete.
Eine halbe Stunde später wurde das Abendessen ausgegeben, und um 18 Uhr hatte sich jede Kompanie vor ihrer Baracke zum Zählappell zu versammeln, wobei die Zahl der Häftlinge kontrolliert wurde. Bis die Trompete um 21 Uhr zum „Zapfenstreich“ blies, hatten die Internierten frei. Danach durfte kein Licht mehr brennen, und die Wachen waren angewiesen, auf jeden zu schießen, der seine Baracke verließ. Samstags wurde nur vormittags, an Sonntagen gar nicht gearbeitet. Geweckt wurde an diesen Tagen eine halbe Stunde später, die Arbeitsappelle entfielen. Am Samstag und Sonntag mussten sich die Häftlinge die Haare militärisch kurz schneiden. An jedem zweiten Sonntag durften sie Briefe oder Postkarten schreiben.
Fußnoten
[1] Barbara Distel, die frühere Leiterin der Gedenkstätte Dachau, schrieb am 9. November 1978 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Dachauer SS-Männer stürzten sich mit Schlägen und Beschimpfungen auf die Neuankömmlinge (...). Das Ritual der ,Aufnahme‘ mit Registrierung, neuen Misshandlungen im Bad und Einkleidung (...) zog sich über Tage hin. Zunächst gab es keinerlei Verpflegung. (...) Nachts wurden sie in die überfüllten Baracken gepfercht, tagsüber mussten sie unbeweglich auf dem Appellplatz stehen. (…) Unterbrochen wurde das Stehen durch ,Turnübungen’ und ,Strafexerzieren’, das die SS von Zeit zu Zeit durchführte und bei dem auf Kranke und Verletzte ebenso wenig Rücksicht genommen wurde wie auf Alte und Gebrechliche. (...) Da es für die vielen Menschen nicht genügend Arbeitsplätze gab, mussten die meisten auch nach ihrer Eingliederung ins Lager den Tag damit verbringen, auf dem Appellplatz zu stehen oder unter Anleitung der SS zu , exerzieren’.“