Medizinische Experimente
Eine besondere Abteilung bildete in Auschwitz der SS-Gesundheitsdienst, der allerdings keineswegs um die Gesundheit der SS-Angehörigen und erst recht nicht um die Gesundheitsversorgung von Häftlingen ging. Vielmehr nutzten die SS-Ärzte als eine Art „Herren über Leben und Tod“ in unvorstellbarer Art und Weise die Lage der völlig entrechteten und hilflosen Häftlinge aus, um sie als „Menschenmaterial“ für unsinnige medizinische und pharmazeutische Experimente sowie für pseudowissenschaftliche Versuchsreihen einzusetzen.
Es gab drei große Bereiche von an Pseudo-Forschungen. Jener mit den meisten Todesopfer und Verstümmelten waren die durch die SS-Ärzte Horst Schumann und Carl Clauberg durchgeführten Sterilisationsversuche an Frauen und Männern. Schumann setzte arbeitsfähige Juden im Alter von 20 bis 24 Jahren an den Geschlechtsteilen 15 Minuten der Wirkung von Röntgenstrahlen aus, um sie anschließend wieder zur Arbeit zu schicken, ohne sich um die dadurch häufig verursachten Verbrennungen und Vereiterungen zu kümmern. Nach zwei bis vier Wochen wurden die Opfer dann kastriert, um ihre Hoden sezieren und mikroskopisch untersuchen zu können. Clauberg dienten zwischen 1942 und 1944 498 jüdische Frauen als Versuchsobjekte, von denen viele bereits an den Folgen der „Experimente“ starben, während die meisten anderen anschließend ermordet wurden. Für solche Experimente wurden auch Sinti- und Roma-Mädchen missbraucht.
Der in Auschwitz tätige Rassehygieniker Josef Mengele gilt bis heute geradezu als Inkarnation des gewissen- und gnadenlosen Mediziners. Er nutzte dort jede Gelegenheit, um das ihm dort zur Verfügung stehende „Menschenmaterial“ für seine akademische Karriere auszunutzen. Ein Schwerpunkt seiner Aktivitäten stellte dabei die „Zwillingsforschung“ dar. Nach Abschluss seiner medizinischen Untersuchungen wurden auch diese Kinder umgehend ermordet.
Wie in anderen Konzentrationslagern - etwa in Buchenwald - führte die SS auch in Auschwitz im Auftrag der IG Farbenindustrie AG pharmazeutische Experimente durch. In deren Rahmen wurden gesunde Häftlinge mit Krankheitserregern infiziert, um an ihnen anschließend Impfstoffe zu erproben. Ungezählte der körperlich ohnehin geschwächten Häftlinge überlebten diese Menschenversuche nicht. Dabei schreckte die IG Farben selbst davor nicht zurück, zur Durchführung eigener Versuchsreihen der SS Häftlinge regelrecht abzukaufen und darüber zuvor zu feilschen. Das betraf in einem Fall 150 Frauen, für die die Lagerleitung einen „Kaufpreis“ von jeweils 200,- RM ansetzte. Den erklärte das Unternehmen als zu hoch, verhandelte mit der SS und zahlte schließlich 170,- RM für jede dieser Frauen.