Neusser Straße 592: Jüdisches Zwangsarbeiterlager
In der Gaststätte Heinrich Lückerath in der Neusser Straße 592 war während des Zweiten Weltkriegs ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter untergebracht, die bei der Firma Glanzstoff-Courtaulds beschäftigt waren.[1]
Ende 1940 arbeiteten 188 jüdische Männer und 40 jüdische Frauen im Unternehmen, nach den großen Deportationen der Jahre 1941 und 1942 waren es Ende 1942 nur noch insgesamt zwölf, Ende 1943 dann elf Männer und drei Frauen. Sie waren nahezu ausschließlich in der Viskoseabteilung beschäftigt.
Viele der jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren ab Jahresbeginn 1942 offenbar im Barackenlager in Müngersdorf untergebracht. Nachdem am 10. Juni 1942 die jüdischen Arbeitskräfte überraschend ausblieben, am nächsten Tag aber wieder erschienen, notierte das zuständige Glanzstoff-Vorstandsmitglied Schmekel am 11. Juni: „Sie sind aus ihrem früheren Quartier in einem alten Fort entfernt und mußten jetzt von G[lanzstoff]-C[ourtaulds] (Köln) mit den gesamten Familien in der Nähe des Werkes in einem Saal untergebracht werden. Das Werk hat auch die Verpflegung übernommen. Über die Gründe zu den neuen Maßnahmen ist nichts bekannt. Wahrscheinlich sollten zur Unterbringung geeignete Räume für die übrige Bevölkerung frei gemacht werden. Die Arbeitskräfte werden der G.C. jetzt voraussichtlich solange belassen, bis Ersatz zur Verfügung steht.“
Die offenbar überraschte Unternehmensleitung fand mit dem Saal der in der Nähe liegenden Gaststätte offenbar eine schnelle Übergangslösung. Die Vermutung, dass die Verlegung der jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Müngersdorf wegen der Unterbringung bombengeschädigter Kölnerinnen und Kölner erfolgt sei, dürfte allerdings nur indirekt zutreffen, da dort auch nach dem „1.000-Bomber-Angriff“ dort keine nichtjüdischen Bombengeschädigten untergebracht wurden.
Der angekündigte „Ersatz“ kam im Übrigen sehr bald. Bereits ebenfalls im Juni 1942 erhielt Glanzstoff zunächst 200 meist männliche russische Zwangsarbeiter, deren Arbeitsleistung im September 1942 von Vorstandsmitglied Schmekel im Vergleich zu deutschen Arbeitskräften positiv beurteilt wurde.“ Daraufhin werden wohl auch die letzten jüdischen Belegschaftsmitglieder das Werk verlassen haben und dürften deportiert worden sein.
Fußnoten
[1] Vgl. zum Folgenden die über die Website des NS-DOK zugängliche Datenbank der Kölner Zwangsarbeiterlager: https://museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/default.aspx?s=2505&sfrom=2501&suchtext=l%C3%BCckerath&id=258&str=