Marsilstein 20: Betten-Stern
1907 war der Kaufmann Markus Stern mit seiner Familie aus Weilerswist nach Köln gezogen und hatte sich zunächst in der Sternengasse niedergelassen.[1] Anfang der 1920er-Jahre kaufte er das Haus Marsilstein 20, um hier ein Geschäft für Bett- und Polsterwaren einzurichten. Sein 1899 geborener Sohn Richard absolvierte nach dem Besuch der jüdischen Volksschule in der Lützowstraße eine kaufmännische Ausbildung. 1917 wurde er als Soldat eingezogen und erhielt 1918 das Eiserne Kreuz. Nach Kriegsende trat er in das Geschäft seines Vaters ein und führte es nach dessen Tod 1928 weiter.
Als Ende März 1933 das NS-Regime auch die Kölner Bevölkerung mit Zeitungsartikeln und Flugblättern auf die bevorstehende Boykott-Aktion gegen jüdische Geschäfte einzustimmen versuchte, entwarf Richard Stern auf der Grundlage eines Vorbilds aus Wesel ein Flugblatt, das er in der im benachbarten Haus Marsilstein 18 untergebrachten Druckerei seines Schwagers Heinz Flögerhöver drucken ließ. In diesem „An alle Frontkameraden und Deutsche!“ gerichteten und mit „Der ehemalige Frontkämpfer Richard Stern“ unterzeichnetem Flugblatt erklärte er zum geplanten Boykott: „Wir fassen diese Aktion gegen das gesamte Deutsche Judentum auf als eine Schändung des Andenkens von 12.000 gefallenen Deutschen Frontsoldaten jüdischen Glaubens“ und erklärte sie zur „Beleidigung für jeden anständigen Bürger“. Während am 1. April SA-Männer vor seinem Geschäft postiert waren, verteilte Richard Stern mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust diese Erklärung an seine Kunden. Das dabei von seinem Schwager Heinz Flögerhöver aufgenommene Foto ist eines der einprägsamsten Dokumente des Boykotts und des jüdischen Widerstands überhaupt.
Richard Stern wurde verhaftet, aber nach wenigen Stunden wieder entlassen. In den folgenden Jahren ging der Umsatz seines Geschäftes aufgrund der antisemitischen Politik des NS-Regimes zurück, und auch die Umstellung des Angebots auf Bedarf für Auswanderer half hiergegen nur wenig. Schließlich musste er sein Ladenlokal aufgeben und verlegte das Geschäft in die erste Etage des Hauses. Während Wohnung und Geschäft am 10. November 1938 vormittags überfallen und verwüstet wurden, tauchte Richard Stern unter und entging so der Inhaftierung. Im Mai 1939 konnte er in die USA auswandern, seine Schwester Martha Romberg und ihr Sohn Rudi, die bei ihm gewohnt hatten, folgten unmittelbar vor Ausbruch des Krieges. Als Richard Stern 1942, kaum drei Jahre später, in die amerikanische Armee einberufen wurde, meldete er sich zum Einsatz an der europäischen Front. Nach Kriegsende traf er im Frühjahr 1945 in Brüssel auch seine Schwester Thekla Flögerhöver und deren Familie wieder. Richard Stern, der in den USA wieder als Kaufmann tätig war, starb 1967.
Von dem Haus Marsilstein 20 war nach Kriegsende nichts als ein Schuttberg übrig geblieben.
Fußnoten
[1] Der Text folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 176f.