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Lützowstraße 8-10: Städtische Israelitische Volksschule

Die seit 1881 als städtische Einrichtung anerkannte jüdische Volksschule befand sich von 1875 bis etwa 1909 in der Schildergasse, danach an verschiedenen Standorten der Altstadt.[1] 1913/14 ließ die Stadt dann unter der Adresse Lützowstraße 8-10 ein neues Schulgebäude errichten und entschied sich damit für einen Standort inmitten der Neustadt, der sowohl in Nähe des jüdischen Kinderheims als auch der Hauptsynagoge gelegen war. Der ursprünglich drei-, heute viergeschossige Bau ist in die Häuserzeile eingefügt und war zur Straße hin durch zwei gerundete Treppentürme bestimmt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das Gebäude allerdings zunächst als Lazarett, nach Kriegsende dann einige Zeit als Krankenhaus genutzt, bis es erst 1922 von der jüdischen Volksschule bezogen werden konnte.

 

Einrichtung und Schülerzahlen

Sie war als öffentliche Einrichtung in das Schulwesen der Stadt eingebunden, unterstand somit der städtischen Schulaufsicht und wurde von der Stadt finanziert. Damit unterschied sich ihr Status nicht von den zahlreichen übrigen konfessionellen - katholischen und evangelischen - Volksschulen Kölns. Der Unterricht folgte den allgemeinen Lehrplänen, das Lehrpersonal, dem allerdings ausschließlich jüdische Lehrerinnen und Lehrer angehörten, war staatlich geprüft. Über den vorgegebenen üblichen Lehrplan hinaus wurde jüdischer Religionsunterricht und Unterricht in Hebräisch gegeben. Die Schule führte in acht Klassenstufen bis zum Ende der Schulpflicht, das heißt bis zum Alter von etwa 14 Jahren. Jugendliche, die auf eine höhere Schule wechseln wollten, konnten entweder städtische und staatliche Einrichtungen oder das private jüdische Realgymnasium Jawne besuchen.

In den 1920er-Jahren entwickelte sich die Schule zur größten öffentlichen jüdischen Volksschule im gesamten Reichsgebiet. Ein Blick auf Statistiken zum Schulbesuch zeigt jedoch, dass noch Anfang 1933 nur etwas mehr als die Hälfte der rund 2.000 in Köln lebenden jüdischen Kinder und Jugendlichen an jüdischen Schulen unterrichtet wurden: die Volksschule Lützowstraße zählte 700, die orthodoxe Volksschule „Moriah“ 170 und die „Jawne“ 200 Schülerinnen und Schüler, alle übrigen Kinder besuchten andere Konfessionsschulen und religionsfreie Einrichtungen.

Die religiöse Ausrichtung der jüdischen Volksschule war liberal, orientierte sich also an der Mehrheit des Kölner Judentums. Während Schülerinnen und Schüler zunächst vor allem aus „westjüdischen“ Familien stammten, änderte sich diese Situation schrittweise durch eine zunehmende Zuwanderung von Juden aus Osteuropa. Mitte der 1920er Jahre entstammte bereits rund die Hälfte der Kinder aus diesen Familien. Das Lehrpersonal, das sich aus etwa zehn Lehrerinnen und zehn Lehrer zusammensetzte, war dagegen komplett deutscher Herkunft und in seiner politischen Ausrichtung deutsch-patriotisch geprägt.

 

Nach 1933

Nach der NS-Machtübernahme begann das neue Regime 1933 mit erschreckendem Tempo, seine ideologischen Vorstellungen auch in der Schulpolitik in die Tat umzusetzen. Politisch missliebige und jüdische Lehrkräfte wurden aus dem Schuldienst entlassen, aus Berufsverbänden und pädagogischen Organisationen ausgeschlossen. Bald war der gesamte Unterricht auf öffentlichen wie privaten Schulen von antisemitischer Propaganda und NS-ldeologie durchdrungen. Jüdische Kinder sahen sich vielfältigen Repressalien durch Lehrkräfte und Mitschüler ausgesetzt und wurden zunehmend und systematisch zum Verlassen der öffentlichen Schulen gedrängt. Aufgrund dieses wachsenden Drucks stieg die Zahl von Schülerinnen und Schülern der jüdischen Volksschule rasch an: 1934 zählte sie schon 870, 1935 dann mehr als 950 Kinder. Trotz der zahlreichen Emigrationen blieb sie bis 1937 auf diesem Stand, weil zunehmend Kinder aus der Kölner Umgebung auf die Schule wechselten und zahlreiche jüdische Familien aus der Region zuzogen.

 

1938 verschärften sich die antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes auch im Schulsektor. Mitte des Jahres ordnete die Stadtverwaltung die Verlegung der Schule in ein Schulgebäude im Süden der Altstadt an. Wenige Monate später, im Oktober 1938, verlor die jüdische Volksschule durch die Deportation von Familien polnischer Herkunft einen Teil ihrer Schülerschaft. Es folgte das Novemberpogrom mit der Verhaftung von Lehrern und vielen Vätern von Schulkindern. Ein Jahr später wurde dann schließlich die städtische Trägerschaft der Schule auf Anweisung der Regierungsbehörden aufgehoben und sie mit den privaten jüdischen Schulen in der St.-Apern-Straße 29-31 zusammengelegt. Zu diesem Zeitpunkt zählten diese Schulen insgesamt nur noch 450 Kinder und Jugendliche. Trotz aller Repressalien konnte der Unterricht hier bis zur zwangsweisen Schließung aller jüdischen Schulen im Juni 1942 weitergeführt werden.

Bis 1939 hatten zahlreiche Kinder der Verfolgung entfliehen können - entweder mit ihren Eltern, als Mitglied einer Jugendgruppe oder sie waren - viele als Angehörige eines „Kindertransports“ - allein ins Ausland geschickt worden. Viele aber konnten nicht gerettet werden und wurden ermordet. Auch einige der Lehrerinnen und Lehrer wurden Opfer der Schoah, unter ihnen die letzten Rektoren der Schule: Emil Kahn, Rektor bis 1939, und sein Nachfolger Moritz Rülff.

Nach 1945

Nach Kriegsende wurde das durch Bomben stark beschädigte ehemalige Schulgebäude Lützowstraße 8-10 provisorisch wieder aufgebaut und von einem Kino genutzt, bis es Anfang der 1950er-Jahre teils entsprechend seiner historischen Strukturen rekonstruiert wurde. Zunächst zog eine Handelsschule, später das Städtische Berufskolleg ein. Die Geschichte des Gebäudes als jüdische Schule war hingegen völlig in die Vergessenheit verdrängt worden und wurde erst durch die Initiative des Kölner Ehepaars Irene und Dieter Corbach in den 1980er Jahren wieder in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Auch die Gedenktafel, die seit 1987 sowohl an die Israelitische Volksschule als auch an das Israelitische Kinderheim erinnert, ist ihrem Engagement zu verdanken.

Die in den Trümmern Kölns neu gegründete jüdische Gemeinde zählte nur sehr allmählich wieder erste Kinder unter ihren Mitgliedern. 1947 gab es vier Mädchen und Jungen im schulpflichtigen Alter, 1951 waren es gerade 18, zwei Jahre später dann 30 Kinder. Nachdem man zunächst einen Religionsunterricht durch Laien organisiert hatte, konnte die Gemeinde 1952 einen ersten eigenen Religionslehrer einstellen, der 1954 in den Dienst der Stadt übernommen wurde und an verschiedenen Schulen Unterricht erteilte. 1959 konnten auf diese Weise rund 100 Kinder in jüdischer Religion und Tradition unterrichtet werden. Heute bietet die Synagogen-Gemeinde Religionsunterricht an, der - an staatlichen Lehrplänen ausgerichtet - bis zum Abitur führen kann und im Gemeindezentrum in der Roonstraße stattfindet. Dieses Angebot wird durchschnittlich von 100 Jugendlichen wahrgenommen.

Auch die Einrichtung einer neuen jüdischen Schule wurde in der Gemeinde schon früh diskutiert, aufgrund geringer Mitgliederzahl und beschränkter Finanzen jedoch nicht realisiert. Mit dem Wachstum der Gemeinde in den 1990er Jahren und der Planung des jüdischen Wohlfahrtszentrums in Ehrenfeld konnte schließlich auch das Projekt einer eigenen Grundschule konkretisiert werden. Nachdem sich 2002 ein Trägerverein gebildet hatte, gelang es, die Behörden für eine Unterstützung und die Ronald S. Lauder Foundation zur finanziellen Förderung zu gewinnen. Im Herbst 2002 wurde die erste jüdische Schule in Köln seit 1942 mit 18 Kindern und zwei Lehrerinnen im Gemeindezentrum in der Roonstraße eröffnet. Zugleich mit der Kindertagesstätte zog sie 2004 in Räume des neuen Wohlfahrtszentrums um.

Fußnoten

[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 216ff.

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