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Körnerstraße 93: Synagoge

In der Körnerstraße 93 befand sich für lediglich elf Jahre die Ehrenfelder Synagoge, die 1927 gebaut wurde, um den rund 2.000 Juden, die sich inzwischen in diesem Industrie- und Arbeitervorort niedergelassen hatten, einen religiösen Mittelpunkt zu geben.[1] Die heutige Bebauung lässt allerdings nichts mehr von den zerstörten Vorgängerbauten erkennen.

 

Die Synagoge

Die Entscheidung zum Bau einer Synagoge in Ehrenfeld fiel um 1925, als die Kölner Synagogengemeinde beschloss, das religiöse Leben in den stark expandierenden westlichen Vororten durch die Errichtung eines eigenen Mittelpunktes zu stärken. Als Standort wurde die Körnerstraße gewählt, weil sie als ruhige Verbindung zwischen Venloer und Subbelrather Straße zentral und entsprechend gut erreichbar im Geschäftsviertel Alt-Ehrenfelds lag. Die soziale Mischung war vielfältig. Hier wohnten neben Arbeitern und Handwerkern auch Angehörige der bürgerlichen Mittelschicht. So wohnten 1927 als Mieter im Haus neben der Synagoge je ein Tagelöhner, Fabrikarbeiter, Gärtner, Schlosser und Straßenbahnschaffner mit ihren Familien. Es schlossen sich Betriebe zur Herstellung von Goldleisten und Rahmen an, während gegenüber eine Villa mit wohlhabenden Eigentümern stand.

Nach einjähriger Bauzeit konnte die neue Synagoge 1927 eingeweiht werden. Der Ehrenfelder Anzeiger betonte zu diesem Anlass, dass der „Flaggenschmuck in der Umgebung des neuen Gotteshauses der israelitischen Gemeinde“ ein Beleg sei für das „gute Einvernehmen, das in Köln zwischen den verschiedenen Bekenntnissen besteht“.

 

Die neue Synagoge, die etwas zurückgesetzt hinter einem kleinen, von einer Mauer eingeschlossenen Vorhof lag, fügte sich gut in die Atmosphäre der Körnerstraße ein. Rechts von ihr stand ein einstöckiges Haus mit der Wohnung des Kantors. Architekt Robert Stern hatte sich bewusst gegen orientalisierende Formen entschieden und war zeitgemäß einer „neuzeitlich-klaren Baugesinnung“ gefolgt. Getrennt in einen Betraum für Männer und eine Empore für Frauen, bot die Synagoge insgesamt 400 Sitzplätze. Der Hauptraum war in der Form eines Oktogons gehalten und von einer Zeltkuppel überdacht, was an die Zeit der Wanderung der Israeliten und so an biblische Traditionen anknüpfte.

Der Gottesdienst der Ehrenfelder Synagoge entsprach wie in den meisten Kölner Synagogen dieser Zeit dem liberalen Ritus. Zusätzlich stand ein kleiner Betraum mit 60 Plätzen einer orthodoxen ostjüdischen Gemeinschaft zur Verfügung. Als Rabbiner an der Synagoge wirkte zunächst Lazar Dünner, seit Mitte der 1930er Jahre dann Isidor Caro. Obwohl die Zahl der Gemeindemitglieder seit 1933 durch Fortzug und Emigration dauerhaft zurückging, fanden bis zum Pogrom 1938 regelmäßige Gottesdienste statt.

Pogrom und Ende

Am 10. November 1938 drang dann eine Gruppe von Männern in die Synagoge ein, zerstörte ihr Inneres und zertrümmerte die gesamte Ausstattung. In der Hauptsynagoge wurden während des Pogroms zerstört oder geraubt: 26 Thora-Rollen mit Gold- und Silberkronen, Thora-Schilder und -Zeiger, 650 Gebetbücher für die Hohen Feiertage, 1.200 Gebetbücher, 200 Gebetmäntel, 200 Gebetsriemen, ein Ewiges Licht (eine Öllampe in Gold), 20 silberne Leuchter, zwei goldene Leuchter, acht Sabbat-Öllampen aus Silber, ein goldener Chanukka-Leuchter, eine Laubhütte, vier Kandelaber in Silber, zwölf Thora-Vorhänge, silberne Waschgefäße, Weinbecher, Gewürzdosen und Sederschüsseln. Auch die Wohnung des Kantors Leopold Grünebaum und seiner Familie wurde verwüstet, das Mobiliar auf den Hof geworfen. Schließlich setzte man die Gebäude in Brand, während sich die Feuerwehr darauf beschränkte, die anliegenden Häuser vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen.

 

Der Sohn des Kantors, der 1923 geborene Henry Gruen, berichtete später über die Ereignisse des Pogroms 1938:

„Wir wohnten indem Häuschen, das direkt an der Synagoge lag. (...) Am Morgen des 9. oder 10. November versammelten sich einige Leute vor dem Gittertor, das auf den Hof der Synagoge führte. Zwei Leute, die in Halbzivil gekleidet waren - sie hatten lange Stiefel und dunkle, schwarze Hosen an -, läuteten und verlangten Eintritt. Sie bestanden darauf, Einlass in die Synagoge zu bekommen. (...) Sie hatten auch Äxte dabei. Ich ging mit ihnen in die Synagoge, und siefingen an, mit diesen Äxten die Bänke zu zerschlagen. (...) Sie kümmerten sich nicht um mich, sondern schlugen auf alles, zerschlugen auch den Almemor, das heißt das Pult, auf dem die Thorarollen verlesen werden. Nach einiger Zeit ging ich hinaus. Für das Folgende ist mein Gedächtnis nicht mehr so klar. Ich weiß aber noch, dass dann eine neue Gruppe von Leuten hereinkam, den Eintritt in unser Häuschen erzwang, anfing die Möbel herauszuwerfen und sie auf dem Hof in Brand zu stecken. In der Zwischenzeit hatte sich draußen eine ziemliche Menschenmenge versammelt, und - in dieser Beziehung ist mein Gedächtnis ganz klar - es war eine Menschenmenge, aus der gar kein Laut kam. Es herrschte Schweigen. Es war weder Anteilnahme für uns noch Ermutigung für die Aktivitäten dieser Leute zu merken. Als die Männer begannen, unsere Wohnung zu zertrümmern, bekam meine Mutter einen Weinkrampf. Mein Vater war scheinbar gefasster und sagte mir, ich sollte besser gehen und das Nötigste für mich mitnehmen. Ich ging in die Wohnung hinauf und holte einen Schlafanzug, ein Hemd und mein Klavieralbum: Johann Sebastian Bachs Stücke für Maria Magdalena, das waren meine Lieblingsstücke. (...) Ich setzte mich aufs Fahrrad und fuhr durch das Tor hinaus.«

Nach dem Brand standen von Synagoge und Wohnhaus nur noch die Mauern, die Ende 1939 eingerissen wurden. 1942 wurde das Grundstück an einen Kölner Kaufmann verkauft. Neben diesem Trümmergrundstück wurde 1942/43 auf einer unbebauten Gartenfläche ein Luftschutzbunker gebaut.

Nach 1945

Der während des Krieges erbaute Hochbunker blieb in seiner ursprünglichen Form erhalten und wurde 1995 unter Denkmalschutz gestellt. Er befindet sich also nicht, wie häufig angenommen und berichtet wurde, auf dem Grundstück der Synagoge selbst.

Das Gelände der Synagoge selbst blieb in der Nachkriegszeit unbebaut; erst um 1950 ebnete man Mauerreste und Keller ein. Eigentümer des Grundstücks war seit dem Wiedergutmachungsverfahren in den 1950er Jahren die Jewish Trust Corporation, die es 1954 schließlich an die Stadt Köln verkaufte. Das Areal blieb weiter unbebaut und wurde bis in die 1980er-Jahre als Spielplatz genutzt. Erst 1988, also zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms, wurde ein erster Versuch unternommen, durch eine entsprechende Gestaltung einer damals noch freien Hauswand links der ehemaligen Synagoge mit einem großen Wandbild an die jüdische Geschichte des Grundstücks zu erinnern. Mitte der 1990er-Jahre beschloss die Stadt Köln dann eine Bebauung des Areals. Bis 2000 entstanden auf dem ehemaligen Synagogengelände ein Wohnhaus und eine Kindertagesstätte, wodurch das Wandgemälde überdeckt wurde.

Heute erinnern mehrere Elemente an die Ehrenfelder Synagoge: eine Gedenktafel mit dem Grundriss der Synagoge und einem kurzen Text sowie ein kleines Wandgemälde, das in stilisierter Form die Front der Synagoge mit ihren drei Rundbogen darstellt und über dem als Zeichen der Versöhnung ein Regenbogen angedeutet ist. Außerdem wurde auf dem Boden des Hofs der heutigen Tagesstätte der Grundriss der Synagoge mit eingelassenen Steinen nachgezeichnet.

Fußnoten

[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 332ff.

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