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Hohe Straße 41-54: Kaufhaus Leonard Tietz

Die Kaufhauskette Tietz wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem 1849 in Posen geborenen Kaufmanns Leonhard Tietz und seiner Frau Flora gegründet.[1] Aus bescheidenen Anfängen entstanden binnen weniger Jahre in vielen deutschen Städten erfolgreiche Zweigniederlassungen, die sich an den neuen Möglichkeiten von Massenproduktion und -konsum orientierten, dabei auf großen Umsatz bei geringer Gewinnspanne setzten und unter einem Dach ein breites Warensortiment boten.

 

Das Kaufhaus

Das Kölner Kaufhaus Tietz zählte, als es 1891 seine Pforten öffnete, zu den ersten Gründungen der Kette. Es war zunächst in angemieteten Räumen eines kleinen Gebäudes an der Hohe Straße 23-25 untergebracht und umfasste kaum 200 Quadratmeter. Zunächst nur als Textilkaufhaus für Trikotagen, Weiß- und Wollwaren angelegt, wurde das Angebot bald auf andere Bereiche ausgeweitet. Angesichts seines raschen Erfolgs kaufte Tietz schon kurz darauf das in der Nähe gelegene Grundstück Hohe Str. 45, auf dem 1895 ein Geschäftsneubau entstand. Das neue Kaufhaus mit drei Geschossen, großen Schaufenstern in allen Etagen, mit raffinierter elektrischer Beleuchtung, Zentralheizung und Fahrstühlen präsentierte eine umfangreiche Warenauswahl: Von der Kücheneinrichtung bis zu Spielzeug, vom Korsett bis zum Fahrrad gab es fast alles zu kaufen, wobei über 200 Angestellte für Organisation und Verkauf sorgten. Wieder war der Erfolg so groß, dass Tietz schon bald eine Erweiterung in Angriff nehmen konnte. 1898 erwarb er die angrenzenden Grundstücke und ließ ein völlig neues Warenhaus errichten, das 1902/03 eröffnet werden konnte und seitens der Presse als eine „erste Sehenswürdigkeit unserer Stadt“ gefeiert wurde. Künftig bot eine prachtvolle Fußgängerpassage - die „Tietz-Passage“ - auch Einkaufsmöglichkeiten in einer überdachten Verbindung zwischen Hohe Straße und An St. Agatha. In dieser glanzvollen Atmosphäre fanden die Kunden stilvoll arrangierte Gebrauchs- und Luxusgegenstände aller Art.

Nicht nur die Kölner Tietz-Kaufhäuser- es gab inzwischen mehrere Filialen in der Stadt - arbeiteten erfolgreich, sondern das gesamte marktorientierte und innovative Unternehmen wuchs kontinuierlich weiter, was in einem weiteren Neubau zum Ausdruck kam, der bis heute das Köner Stadtbild mitprägt. Anstelle des kaum zehn Jahre alten Jugendstilbaus wurde 1912 ein Gebäude errichtet, das den aktuellsten Konzepten des Warenhausbaus entsprach. Auch dieses 1914 eröffnete Kaufhaus bot Superlativen: Es war das größte und modernste Kaufhaus Europas, riesig im Ausmaß wie im Warenangebot. Das Innere, von dessen Gestaltung sich allerdings nichts erhalten hat, dominierten aufsehenerregende Räume. Ein drei Stockwerke hoher Lichthof mit Glaskuppel schuf ein atemberaubendes Raumgefühl. Der Erfolg des neuen Kaufhauses rechtfertigte die hohen Investitionen. Leonhard Tietz - „der Tietz“ - wurde zum beliebtesten Warenhaus Kölns und des Umlandes.

 

Die Familie

Leonhard und Flora Tietz waren mit ihrer Familie schon in den 1890er Jahren nach Köln gezogen. Hier engagierte sich die Familie, die schnell zum Kreis des Kölner Großbürgertums zählte, intensiv für jüdische Belange und unterstützte zahlreiche jüdische wie auch überkonfessionelle Einrichtungen. Innerhalb des Unternehmens selbst umfassten die sozialen Leistungen für die Beschäftigten eine Betriebskrankenkasse, einen Hilfsfonds und ein Erholungsheim für weibliche Angestellte in der Eifel.

Nachdem Leonhard Tietz 1914 gestorben war, folgte ihm sein Sohn Alfred Tietz in der Geschäftsleitung nach. Wie sein Vater setzte er sich für karitative Einrichtungen ein, wobei viele Initiativen von seiner Frau Margarete ausgingen, die gelernte Lehrerin und Sozialfürsorgerin war. Sie war in einer Vielzahl von Institutionen aktiv tätig, unter anderem im Israelitischen Frauenverein, im Jüdischen Frauenbund sowie im Verband für Mütter- und Kinderrecht.

Die Repressalien gegen den Leonhard Tietz-Konzern, der schon in den Jahren zuvor immer wieder Ziel nationalsozialistischer Hetzkampagnen gewesen war, verstärkten sich unmittelbar nach der NS-Machtübernahme. Alfred Tietz und andere Führungskräfte mussten bereits im April 1933 aus dem Vorstand des Unternehmens ausscheiden, während die Enteignung der jüdischen Besitzer unter extremem Druck weiter vorangetrieben wurde. Im Juli 1933 wurde die Umbenennung der Firma in Westdeutsche Kaufhof AG durchgesetzt, 1934 war die „Arisierung“ dann vollständig durchgeführt. Alfred und Margarete Tietz emigrierten 1934 zunächst in die Niederlande, 1940 dann nach Palästina. Alfred Tietz starb 1941 in Jerusalem, seine Frau 1972 in London.

Das Gebäude an der Hohe Straße war bei Kriegsende bis auf die Mauern ausgebrannt. Der schrittweise Wiederaufbau, der die historischen Strukturen der Außenarchitektur weitgehend übernahm, dauerte bis etwa 1957. Sechs Jahre zuvor war es im Rahmen eines Entschädigungsverfahrens zu einer Regelung zwischen der Kaufhof AG und den ehemaligen Eigentümern gekommen.

Fußnoten

[1] Die Darstellung folgt Becker-Jakli, Jüdisches Köln, S. 143ff.

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