Beethovenstraße 6: Wohnhaus Familie Carlebach
1930 gab es in der Beethovenstraße 30 Häuser, von denen vermutlich fünf jüdische Besitzer hatten. Drei dieser Gebäude, Haus Nr. 3, Nr. 8 und Nr. 16, wurden 1941 zu Gettohäusern umfunktioniert, alle übrigen Häuser der Straße hatten nach 1938 fast ausschließlich nichtjüdische Bewohner.[1]
Das viergeschossige Wohnhaus Beethovenstraße 6 war 1895 entstanden und gehörte ursprünglich dem Malermeister und Bauunternehmer Simon Stern, Vater des Architekten Robert Stern. In den 1920er und 1930er Jahren war es im Eigentum einer nichtjüdischen Kölner Familie, die die großen Wohnungen vermietete. Die dritte Etage bewohnte seit 1929 die Familie von Dr. David Carlebach, dem Sohn des Kölner Rabbiners Dr. Emanuel Carlebach. 1899 in Ostpreußen geboren, wuchs er in Köln auf, wohin man seinen Vater 1904 als Rabbiner der orthodoxen Gemeinde Adass Jeschurun berufen hatte. Nach Abitur und Kriegseinsatz studierte David Carlebach Philosophie und Orientalistik an der Kölner Universität, an der er 1924 mit einer Arbeit über den jüdischen Gelehrten Maimonides promovierte. Ein Jahr später heiratete er mit Sara van Cleef die älteste Tochter einer Kölner Industriellenfamilie, die zu den einflussreichsten Förderern der Adass Jeschurun zählte. Sara Carlebach teilte die religiöse Einstellung und das Engagement ihres Mannes und zog mit ihm in die litauische Kleinstadt Kovno, wo er 1927 die Leitung einer jüdischen höheren Schule übernahm. Als die Gemeinde Adass Jeschurun nach dem Tod seines Vaters Emanuel dessen Sohn David als Nachfolger im Rabbineramt benannte, kehrte er 1929 mit seiner Frau und den inzwischen geborenen zwei Kindern nach Köln zurück.
Hier konzentrierte sich zunächst auf den religiösen Unterricht, lehrte im Jüdischen Lehrerseminar und an der Jawne. Darüber hinaus bot er Talmudstudien für Männer sowie religiösen Unterricht für Frauengruppen an. Viele dieser Studien fanden in der Carlebach-Wohnung im Haus Beethovenstr. 6 statt, das so zu einem Mittelpunkt des lokalen orthodoxen Lebens wurde.
Als sich die Gemeinde mit dem Jahr 1933 vor existenzielle Probleme gestellt sah, übernahm David Carlebach auch über sein bisheriges Tätigkeitsfeld hinausgehende Aufgaben. Er setzte sich entschieden für ein über religiöse und weltanschauliche Differenzen hinausgehendes gemeinsames Handeln aller Kölner jüdischen Organisationen ein. 1934 traf er sich mit dem Kölner Kardinal Schulte zu einem Gespräch über die antisemitische Agitation des NS-Regimes, ohne dass hieraus konkrete Schritte gefolgt wären. Auf eine öffentliche Solidarisierung des Kardinals mit der jüdischen Gemeinde wartete diese jedenfalls vergebens.
Das Haus Beethovenstr. 6, das seit 1938 keine jüdischen Bewohner mehr hatte, war bei Kriegsende eine ausgebrannte Ruine; später wurde das Grundstück neu bebaut.
Fußnoten
[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 236ff.