Portugal
Spätestens mit der Ausrufung des „Estado Novo“ (Neuer Staat) mit António Oliviera Salazar an der Spitze wurde Portugal 1933 zur Diktatur und daher nie zu einem Land des Exils.[1] Bis auf wenige Ausnahmen ging das autoritäre Regime von Anfang an massiv gegen die Einwanderung von Emigranten und Flüchtlingen vor. Daher hielten sich 1935 in Lissabon lediglich etwa 600 überwiegend deutschsprachige jüdische Emigranten auf, die tatsächlich beabsichtigen, dauerhaft in Portugal zu bleiben. Im gesamten Land zählte man rund 3.000 dauerhaft hier wohnende Jüdinnen und Juden.
Bis 1938 gab es durchaus freizügige Einreise- und Aufenthaltsregelungen, zugleich aber strikte Arbeitsbeschränkungen, was einen längerfristigen Aufenthalt nahezu unmöglich machte. Auch wenn 1938 eine restriktivere Vergabepraxis von Einreise- und Transitvisa Platz griff, wurde Portugal aufgrund seiner Überseehäfen mehr und mehr zu einem der wichtigsten europäischen Transitländern. Es sollten schließlich rund 80.000 Flüchtlinge werden, die das Land auf ihrem Weg nach Übersee und Palästina durchquerten, um hier dann ein Schiff zu besteigen. Ab Mai 1940 wurde allerdings nur noch gegen Vorlage eines Einreisevisums für ein Überseeland der Zugang ins Land gestattet. Dennoch kam es zu regelrechten „Staus“, was die Einführung von Zwangsunterbringungen zur Folge hatte, wobei diese Unterkünfte nur mit offizieller Genehmigung verlassen werden durften.
Mit der Kapitulation Frankreichs im Frühsommer 1940 erhöhte sich der Andrang von Flüchtlingen weiter. Nachdem nun der Großteil Mitteleuropas von der Wehrmacht besetzt war, bewegte sich eine riesige Flüchtlingswelle in den noch unbesetzten Teil Frankreichs, für die Portugal zu einem der letzten Länder mit Chancen auf eine Zuflucht wurde. Um es aber von Frankreich aus erreichen zu können, war eine Reise durch das faschistische Spanien unverzichtbar, wozu ein portugiesisches Visum benötigt wurde. Daher belagerten tausende von Flüchtlingen das portugiesische Konsulat in Bordeaux.
Obwohl Diktator Salazar bereits am 13. November 1939 allen portugiesischen Diplomaten verboten hatte, solche Visa für Juden auszustellen, die aus ihrem Herkunftsland oder Transitländern vertrieben worden waren. Nach der deutschen Besetzung von Paris am 14. Juni 1940 verschärfte Salazar die Einreisevorschriften dahingehend, dass nur noch jene einreisen durften, die ein Visum für ein außereuropäisches Land besaßen. Der portugiesische Generalkonsul von Bordeaux Aristides de Sousa Mendes widersetzte sich erstmals am 17. Juni 1940 dieser Weisung, indem er alle Betroffenen ausrichten ließ, dass er ausnahmslos jedem in Not befindlichen ein Visum erteilen würde, „ungeachtet der Nationalität, Rasse oder Religion“. Das tat er tatsächlich und rettete durch die dadurch ermöglichte Öffnung der portugiesischen Überseehäfen in der Folge Tausenden von jüdischen Flüchtlingen das Leben. Die tatsächliche Zahl bleibt unklar, denn dem Diplomaten blieb lediglich eine Woche, bis er am 23. Juni 1940 von Salazar seines Amtes enthoben wurde, der tags darauf sämtliche von Sousa Mendes ausgestellten Visa für ungültig erklärte, der in einem Disziplinarverfahren für schuldig befunden wurde. Ihm wurde daraufhin seine Pension und seine Lizenz als Anwalt entzogen, seine Familie gesellschaftlich geächtet.
Da der Handel mit England und Amerika für die Kolonialmacht Portugal von großer Bedeutung war, versuchte das Land sich im Krieg möglichst neutral zu verhalten und weder die Westmächte noch Deutschland zu verärgern. So beschrieben viele Emigranten mit Blick auf Lissabon in Briefen, Berichten und Autobiographien die eigentümliche Koexistenz von amerikanischen und jüdischen Hilfsorganisationen auf der einen sowie deutschen Gesandtschaften und Gestapobeamten auf der anderen Seite.
Ab Mitte 1940 war Lissabon der letzte freie Festlandhafen mit direktem Zugang zum Atlantik. Geschätzte 40.000 bis 50.000 Flüchtlinge und Emigranten flohen daher allein in den Jahren 1940 und 1941 durch Portugal. Um sicherzustellen, dass die Emigranten das Land tatsächlich schnell wieder verließen, stellten die portugiesischen Behörden nur noch Transitvisa aus, die an die Bedingung eines gültigen Einreisevisums in ein Zielland sowie an ein gültiges Schiffsticket geknüpft waren.
Zahlreiche humanitäre Hilfsorganisationen wie die HICEM oder das Unitarian Service Committee unterstützten vor Ort in Lissabon die Flüchtlinge mit Geld, Übernachtungsmöglichkeiten, Verpflegung und bei der Abwicklung der oftmals komplizierten Reisemodalitäten, wobei es ungeheure logistische Probleme zu bewältigen galt. Der Andrang auf die Schiffe und die Clipper der „Pan American World Airways“, die ebenfalls von Lissabon nach New York aufbrachen, war kaum mehr zu bewältigen. Die Schiffspassagen und Flugverbindungen waren über Wochen ausgebucht, wodurch sich Lissabon schnell zum „Wartesaal Europas“ entwickelte.