Leben in Shanghai
Vor Ort ging es dann befremdlich und zumeist wenig hoffnungsvoll weiter. Er sei 13 Jahre alt gewesen, als seine Familie 1939 aus Deutschland haben fliehen müssen, erinnerte sich etwa Michael W. Blumenthal. „Am späten Vormittag des 10. Mai 1939 fuhren wir den Huangpu-Fluß hinauf, und unser Schiff legte an. (…) Als wir von Bord gingen, wurden wir sofort in zwei Gruppen eingeteilt: die, die ausreichend Geld hatten - gerade genug, um sich irgendwo eine Unterkunft zu suchen -, und die, die nichts weiter als 10 Reichsmark pro Person bei sich trugen. Diese Menschen wurden auf Lastwagen geladen und nach Hongkou gebracht, den heruntergekommenen, vom Krieg zerstörten Teil Shanghais.“ Dort habe dann jeder das getan, „was er gerade konnte. Einige Männer, die in Deutschland Briefmarken gesammelt hatten, eröffneten irgendwo einen kleinen Stand und verkauften Briefmarken. Ein anderer verkaufte Uhren.“[8]
Der mit Anstand größte Teil der zumeist mittellosen Neuankömmlinge musste sich mit oftmals äußerst schlechten Lebensbedingungen arrangieren. Neben dem ungewohnten und belastenden tropischem Klima, beengten Wohnverhältnissen, mangelhafter Ernährung und einem schwierigen Arbeitsmarkt war es insbesondere die permanent drohende Gefahr des sozialen Abstiegs, der ihnen schwer zu schaffen machte.[9] Ohnehin derart psychisch „angeschlagen“, zermürbte die monatelange Regenzeit mit häufigen Überschwemmungen, hoher Luftfeuchtigkeit, Temperaturen über 40 Grad Celsius im Sommer und Minusgraden im Winter die in nicht beheizbaren Wohnungen lebenden Jüdinnen und Juden. Hinzu kamen noch fehlende sanitäre Anlagen, das Ungeziefer, der Dreck in den Straßen, Krankheiten und soziales Elend. Wer über ausreichend finanzielle Möglichkeiten verfügte, setzte daher alles daran, in der Französischen Konzession oder im Internationalen Settlement eine Unterkunft zu mieten. Die weitaus meisten der Betroffenen waren jedoch gezwungen, sich im zerstörten Hongkew - inmitten von hunderttausend armen Chinesen - niederzulassen.[10]
Im April 1939 fasste Dr. Hans Cohn, ein aus Köln nach Shanghai emigrierter Zahnarzt aus Köln, seine Erfahrungen in folgenden „Aussichten für jüdische Emigranten“ zusammen: „Ich wünsche jedermann von der Torheit, nach Shanghai zu kommen, abzuhalten. Aussichten hat hier kein Mensch mehr. (…) Die alten Emigranten (1933/34) haben das bekommen, was zu bekommen ist. Die Lage der neuen, zahlreichen Ärzte und Zahnärzte ist verzweifelt. Die Aussichten für Kaufleute sind verheerend. Heute haben wir 6.000 Flüchtlinge hier. Davon haben 200 meist schlecht bezahlte Stellungen gefunden, für ca. 300 hat man eigene kleinste Existenzen gegründet, von denen viele sich nicht halten werden können, da sie keine Reserven haben. Über 5.000 sind also ohne Verdienst und meistens mittellos. (…) Der grossen Zahl der Emigranten steht Elend & vielleicht physischer Untergang bevor. Das Komitee hat nicht einmal jede Woche genügend Geld, um ernstlich Kranke ins Hospital zu legen.“[11]
Die japanische Besatzungsmacht begann im Sommer 1939, den bis dahin freien Zuzug in die Stadt zu regulieren. 1940 führte sie Permits ein, deren Erteilung mit einem Vorzeigegeld in Höhe von 400 US-Dollar verknüpft war. Mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor änderte sich am 7. Dezember 1941 alles schlagartig. Noch am gleichen Tag marschierten die Japaner im gesamten Stadtgebiet Shanghais ein. 1942 wurde dann der größte Teil der „feindlichen Ausländer“ interniert, wobei die sephardischen Jüdinnen und Juden mit britischem Pass ab März 1942 rote Armbinden tragen mussten. Im Februar 1943 ordnete die Besatzungsmacht an, dass alle nach 1937 eingetroffenen jüdischen Emigranten innerhalb von 90 Tagen in die sogenannte „designated area“, wie das in Hongkew eingerichtete Getto genannt wurde, übersiedeln mussten. Die damit angeordnete Konzentration von 20.000 nunmehr in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkten Emigranten aus Deutschland und Österreich brachte zahlreiche zusätzliche Probleme mit sich. Es wurde enger, es gab mehr Konflikte, die Arbeitssuche wurde schwieriger und die Lage der mittellosen und dauerhaft von den japanischen Militärbehörden überwachten jüdischen Bevölkerung spitzte weiter zu.[12]
Trotz aller hier nur kurz skizzierten Unwägbarkeiten entwickelte sich in der Emigrantengemeinde ein vielseitiges kulturelles Leben. Obwohl kaum prominente Künstler nach Shanghai emigrierten, waren fast 200 Kulturschaffende in der Stadt künstlerisch tätig. So entfaltete sich ein vielgestaltiges Kultur- und Gesellschaftsleben mit Theater- und Musikprogrammen, Zeitungen, Synagogen- und Schulgründungen. So wurden im Saal des Kinos „Eastern Theatre” 1939 „König Ödipus“ und 1940 „Nathan der Weise“ aufgeführt. Musiker fanden eine Anstellung im Städtischen Orchester Shanghais. Anspruchsvolle Texte wurden in der Zeitschrift „Gelbe Post“ und „Shanghai Jewish Chronicle” veröffentlicht.[13]