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Palästina

Palästina nahm unter den Zielländern der jüdischen Emigration einen besonderen Platz ein. Nachdem die meisten Jüdinnen und Juden nach der Zerstörung ihrer Tempel in Jerusalem das Gebiet bereits im 1. Jahrhundert nach Christus verlassen hatten und ins Exil gegangen waren, spielte die Rückkehr in das Land „Eretz Israel“ eine wichtige Rolle in der jüdischen Religion und Kultur. So lautete der Segenswunsch zum Pessachfest seitdem: „Dieses Jahr hier, nächstes Jahr im Land Israel.“ Die hierin zum Ausdruck kommende Sehnsucht erlebte im 19. Jahrhundert eine Renaissance, als zionistisch orientierte Publizisten begannen, den Aufbau eines jüdischen Staates in Palästina zu fordern, da sie für Juden in Europa keine Möglichkeit sahen, jemals vollwertige Bürger zu werden. Daher entwickelte sich bereits lange vor 1933 eine Auswanderungsbewegung aus Europa nach Palästina.[1]

Palästina war bis zum Jahre 1936 der Zielpunkt, der mit rund 34.700 Menschen die größte Zahl an deutsch-jüdischen Auswanderer aufnahm und in seine Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur eingliedern konnte. Als dann 1936 ein landesweiter arabischer Aufstand ausbrach, der sich explizit gegen diese jüdische Einwanderung richtete, reagierte Großbritannien als Mandatsmacht mit erheblichen Einwanderungsbeschränkungen, wodurch bei Emigranten andere Ziele, insbesondere die USA, an Beliebtheit zunahmen. Andere jüdische Auswanderer versuchten nun, illegal ins Land zu gelangen - vorrangig auf Schiffen, die von bulgarischen oder rumänischen Häfen aus nach Palästina aufbrachen, woraufhin die Briten ihre Maßnahmen zur Unterbindung illegaler Einwanderung nochmals deutlich verschärften.[2] Insgesamt wanderten zwischen 1933 und 1941 schließlich 55.000 bis 60.000 Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach Palästina ein - unter ihnen etwa 6.000 mit ausländischer - meist polnischer - Staatsbürgerschaft. Damit nahm das Mandatsgebiet nach den USA die meisten Flüchtlinge auf. Sie machten rund 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung aus, die Anfang 1933 zur Zeit der NS-Machtübernahme in Deutschland gelebt hatten.[3]

Palästina unterschied sich von allen übrigen Ländern, die Jüdinnen und Juden zwischen 1933 und 1945 Aufnahme gewährten ganz wesentlich darin, dass hier zionistische Organisationen die jüdische Einwanderung förderten. Die Flüchtlinge aus Deutschland wurden folglich nicht als Emigranten und Exilanten angesehen, sondern als zukünftige Bürger des angestrebten jüdischen Nationalstaates behandelt.[4] Nicht zuletzt auch deshalb lebten sich viele deutsche Jüdinnen und Juden nur schwer in Palästina ein. Sie waren zum Teil eben keine überzeugten Zionisten und fühlten sich eher als Deutsche. Die meisten hatten sich in Deutschland der Mehrheitsgesellschaft angepasst und daher kein Hebräisch gelernt. Dass in Palästina nahezu ausschließlich auf Hebräisch/Ivrit geschrieben und gesprochen wurde, während viele die deutsche Sprache als Tätersprache ablehnten, kam erschwerend hinzu und stellte gerade für Wissenschaftler und Künstler ein Problem dar, sich in Palästina einzuleben. Außerdem wurden sie, die vor Ort nicht als Landwirte eingesetzt werden konnten, oft wegen ihres als betont förmlich empfundenen Verhaltens spöttisch als „Jeckes“ bezeichnet, was eine Integration ebenfalls nicht erleichterte.[5] Dennoch wurde Israel mit der offiziellen Gründung des Staates 1948 dann doch verstärkt zum Aufnahmeland für Überlebende des Holocaust.[6]

Die Einwanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina wurde nach 1933 durch ein System von Einwandererkategorien geregelt, deren Quoten die Mandatsregierung jeweils zweimal jährlich festlegte. Eine gewisse Ausnahme stellte die Einreise von ,,Kapitalisten“ dar, die im Besitz eines Vorzeigegeldes von jeweils 1.000 Palästina-Pfund (LP) und deshalb von der Quotenregelung befreit waren. Mehr als ein Drittel der deutschen Flüchtlinge reisen als Angehörige dieser „Kategorie A“ mit eigenem Vermögen ein. Zur „Kategorie B“ zählten Personen mit gesichertem Lebensunterhalt, in „C“ wurden Arbeiter eingruppiert, in „D“ solche Einwanderer, die durch Verwandte oder Unternehmen angefordert wurden. Ein gesondertes Kontingent stand außerdem der Jugend-Alija zu, einer Organisation für die Einwanderung von Kindern und Jugendlichen, die zuvor in Deutschland in landwirtschaftlichen Ausbildungszentren auf das Leben in Palästina vorbereitet wurden.[7]

Mit Beginn der Unruhen im Jahr 1936 drosselten die Briten als Mandatsmacht die Einwanderungsquoten drastisch. Legal einreisen durfte nur noch, wer über eines der streng limitierten Einwanderungszertifikate verfügte. Die Folge der neuen restriktiven Handhabung der Einreise war, dass aus legalen Emigranten zusehends illegale Flüchtlinge wurden, die nunmehr versuchen mussten, auf verbotene und oftmals sehr gefährliche Art und Weise ins Land zu gelangen. Hierbei wurden sie von zionistischer Seite unterstützt, die solche Aktionen vielfach auch organisierte. Die Briten ihrerseits reagierten auf solche Versuche, ihre Vorgaben zu unterlaufen, mit Internierungen und Deportationen.

Einmal in Palästina angekommen, schloss sich ein kleinerer Teil der Einwanderer den bestehenden Kibbuzim an oder gründete neue. Andere versuchten sich - zumeist ohne durchschlagenden Erfolg - in anderen Bereichen der Landwirtschaft eine Existenz aufzubauen, etwa als Hühnerzüchter. Viele Zogen nach Haifa, Jerusalem oder Tel Aviv und versuchten, dort auf unterschiedliche Weise Fuß zu fassen. Trotz oft erheblicher anfänglicher Schwierigkeiten gliederten sich die meisten deutschen Jüdinnen und Juden rasch in ihrer neuen Umgebung ein und prägten später in vielerlei Bereichen den heranwachsenden Staat „Israel“ mit. Nur ein kleiner Teil von ihnen kehrte nach 1945 nach Deutschland zurück.[8]

Fußnoten

[1] Vgl. https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/palaestina.html (29.8.2021)

[2] Vgl. Wasserstein, Ausländer, S. 83

[3] Die Zahlenangaben schwanken. Während Jüdische Emigration, S. 139f. eine Zahl von 55.000 angibt, nennen Heimat und Exil, S. 99 und „Künste im Exil“ 60.000. Insgesamt wanderten während der „fünfte Alijah“ genannten Einwanderungsperiode der Jahre 1932 bis 1945 insgesamt 278.000 (an anderer Stelle: 265.000) Personen in das unter britischer Verwaltung stehende Gebiet ein. Vgl. jüdische Emigration, S. 143 und https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/palaestina.html (29.8.2021)

[4] Vgl. Heimat und Exil, S. 99

[5] Während den Briefen vieler Jugendlicher die Bereitschaft zur „Einordnung“ in Palästina und die Begeisterung über die gelungene Einwanderung zu entnehmen ist, kommt in den Selbstzeugnissen älterer Erwachsener sehr viel stärker eine Sehnsucht nach dem Altvertrauten in Deutschland zum Ausdruck. (Vgl. Hoba/Schlö, Jeckes, S. 103.)

[6] https://kuenste-im-exil.de/KIE/Content/DE/Themen/palaestina.html (29.8.2021). Vgl. auch Hoba/Schlö, Jeckes, S. 103.

[7] Vgl. jüdische Emigration, S. 143 und Heimat und Exil, S. 99

[8] Vgl. Heimat und Exil, S. 99

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