Griechenmarkt-Viertel
Das als Thieboldsgassen- oder Griechenmarktviertel bezeichnete Gebiet südlich des Neumarkts war bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs in weiten Teilen durch enge Straßen und einfache Bebauung geprägt.[1] Insgesamt lebten hier um 1925 rund 20.000 Menschen, die vor allem zu unteren und kleinbürgerlichen Schichten zählten. In dieses ursprünglich proletarisch-katholisch Umfeld waren seit der Jahrhundertwende zahlreiche jüdische Immigranten aus Osteuropa gezogen, die – zumeist aus ländlichen Gebieten stammend - von der orthodoxen, chassidischen Form des Judentums geprägt waren.
Während sich manche rasch von ihren Traditionen lösten, blieben andere ihren auf die Kölner Bevölkerung fremd wirkenden Gebräuchen verhaftet. Solche Familien hielten sich streng an die religiösen Speisegesetze und versammelten sich in eigenen kleinen Betsälen, von denen es um 1930 mehrere gab - etwa in der Bayardsgasse, am Kleinen Griechenmarkt, in der Poststraße und der Agrippastraße. Auch einige betont orthodoxe Vereine waren im Viertel angesiedelt. Die Versorgung der orthodoxen Einwohner mit Lebensmitteln übernahmen koscher geführte Bäckereien, Metzgereien und Lebensmittelhandlungen. Daneben gab es zahlreiche Betriebe jüdischer Schreiner, Schlosser und Schneider sowie verschiedene Alt-und Haushaltswarengeschäfte. Hinzu gesellten sich Praxen jüdischer Ärzte. Während der Großteil der Bewohner nur über geringe Einkommen verfügten, gelang Einzelne ein wirtschaftlicher Aufstieg zu bescheidenem Wohlstand. Manche Familien konnten ein Haus kaufen oder ihr Geschäft erweitern. Bei größeren Geschäftserfolgen verließ man jedoch die Gegend und zog in eines der bürgerlichen Viertel.
Insgesamt bildeten die jüdischen Bewohner eine kleine Minderheit im Viertel, während die große Mehrheit der Hauseigentümer, Mieter und Geschäftsinhaber nicht jüdisch war und blieb. Das Zusammenleben der oftmals bunten Mischung von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, verschiedenem Glauben und deutlich voneinander abweichenden Traditionen verlief vor 1933 nach Schilderungen jüdischer wie nichtjüdischer Zeitzeug*innen im Wesentlichen konfliktfrei und wird oft sogar als herzlich beschrieben. Die weitaus meisten der jüdischen Neukölner versuchten, sich an ihr Umfeld anzupassen, Kontakte zu Nachbarn zu knüpfen und sich trotz eigener Traditionen in den Alltag des Viertels zu integrieren. Während die älteren Immigranten Jiddisch sprachen, bemühten sich die jüngeren, rasch Hochdeutsch zu lernen. Die Kinder wuchsen dann in aller Regel bereits wie selbstverständlich mit Hochdeutsch und dem kölnischen Dialekt auf.
Entsprechend den Regionen, aus denen die Zuwanderer stammten, besaßen sie die polnische, russische oder österreichische Staatsangehörigkeit oder waren staatenlos. Nur wenige ließen sich formell einbürgern. Dennoch beabsichtigten fast alle von ihnen dauerhaft in Köln zu bleiben. Das führte dazu, dass gerade in diesem Viertel zionistische Vorstellungen zwar von einem erheblichen Teil der jüdischen Bevölkerung unterstützt wurde, es vor 1933 in den Familien aber kaum konkrete Pläne zu einer Auswanderung nach Palästina gab. Der Druck hierzu war zunächst auch nicht sehr groß. Weil SPD und KPD unter den Arbeiterschichten des Viertels jeweils große Anhängerschaften hatten, fanden die jüdischen Bewohner in ihnen gegenüber der zunehmenden Agitation und Aggressivität der Kölner Nationalsozialisten zunächst erhebliche Unterstützung. Hiervon zeugt unter anderem folgender Artikel aus dem Kölner Jüdischen Wochenblatt vom 25. Juni 1932:
„Am vergangenen Sonntag, der im Zeichen der Ausschreitungen der uniformierten SA stand«, berichtete das Kölner Jüdische Wochenblatt im Juni 1932, »kam es am Nachmittag und in den Abendstunden zu Angriffen auf jüdische Personen, insbesondere im Thieboldsgassenviertel. (...) Die Thieboldsgasse und die benachbarten Straßen der Altstadt sind dadurch bekannt, daß dort ein relativ hoher Prozentsatz kleiner jüdischer Geschäftsleute und Händler wohnt. Schon seit Wochen versuchen die Nationalsozialisten gegen diese ‚Kaftanjuden‘ eine regelrechte Pogromstimmung zu entfesseln. (...) Der Erfolg hat sich am Sonntag gezeigt. Ohne jeden Anlaß stürmten (...) mit Knüppeln bewaffnete SA-Leute über den Neumarkt nach der Thieboldsgasse zu. Rufe wie ‚Straße frei! Los zur Thieboldsgasse!‘ ertönten andauernd. Es wurde auch geschossen. Einem älteren jüdischen Anwohner, der, weil er nicht recht die Ursache der Tumulte erfaßte, noch etwas an seiner Tür stehen geblieben war, wurde ein Knüppel über den Kopf geschlagen und als er auf dem Boden lag, noch mit schwergenagelten Stiefeln getreten. Auch andere Juden wurden in roher Weise beschimpft und geschlagen. Durch den Lärm waren jedoch die Anwohner allesamt alarmiert worden, die nun tatkräftig sich zur Wehr setzten und das rauflustige Gesindel vertrieben. Ferner trafen sofort starke Polizeikräfte ein.“
Auch während des Boykotts im April 1933 kam es noch erheblichen Solidaritätsbekundungen der „Mehrheitsbevölkerung“ mit ihren jüdischen Nachbarn.
Schließlich aber beugten sich auch hier fast alle dem zunehmenden Druck des sich stabilisierenden NS-Regimes oder wechselten sogar die Seiten, was massive Konsequenzen nach sich zog: Die meisten der jüdischen Bewohner lösten ihre Geschäfte auf, verkauften ihre Häuser - eine Reihe von Gebäuden im Viertel erwarb im Übrigen die Stadt Köln - und wanderten, sofern sie das finanziell ermöglichen konnten, in den folgenden Jahren aus. Von den in Köln Zurückbleibenden wurden viele am 28. Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen, zwei Wochen darauf wurden während des Pogroms auch hier zahlreiche Wohnungen und Geschäfte verwüstet. Einige der Häuser, die jüdische Eigentümer hatten, nutzten die NS-Behörden ab 1941 dann als sogenannte „Judenhäuser“ zur Gettoisierung der jüdischen Bevölkerung. Bis Mitte 1942 waren dann schließlich nahezu alle jüdischen Einwohner des Viertels deportiert.
Bei Kriegsende bildeten die Straßenzüge zwischen Griechenmarkt und Neumarkt ein einziges Ruinenfeld. Im Zuge des Wiederaufbaus veränderte sich die gesamte Struktur des Viertels dann nachhaltig, und nichts erinnert mehr an die frühere Anwesenheit der „Ostjuden“ und ihrer Kultur. Stattdessen finden sich hier heute neben ruhigen Wohngebieten auch einige Straßen mit einer bunten Mischung aus Werkstätten, Büros und Einzelhandelsgeschäften, unter der sich in den letzten Jahren eine Art Kölner asiatisch-indisches Zentrum entwickelt hat. Im östlichen Bereich entstanden hingegen größere öffentliche Gebäude: die städtische Zentralbibliothek, die Volkshochschule und als neuester Großbau das Rautenstrauch-Joest-Museum.