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St.-Apern-Straße 29-31

In dem – völlig zerstörten und nach 1945 überbauten – Gebäudekomplex befand sich bis 1942 die Synagoge der Gemeinde Adass Jeschurun (hebr.: Gemeinde Israels) und verschiedene jüdische Schulen.[1] Damit bildete die St.-Apern-Straße das Zentrum des jüdisch-orthodoxen Lebens in Köln.

Als die Synagoge im Zuge des Pogroms im November 1938 zerstört worden und das Gemeindeleben zum Erliegen gekommen war, wurden die Gebäude 1941 umfunktioniert und als eines der größten Gettohäuser der Stadt genutzt.

Nach Abschluss der großen Deportationen boten sie dann bis zur endgültigen Zerstörung durch Bombenangriffe der städtischen Königin-Luise-Schule Unterkunft.

Die Gemeinde Adass Jeschurun

Dessen Anfänge gingen bis in die 1860er-Jahre zurück, als sich innerhalb des deutschen Judentums reformorientierte Strömungen verstärkten. Als Antwort auf diese Entwicklung schlossen sich „gesetzestreue“ Gemeinschaften zusammen, die in Gottesdienst und Alltag streng an der religiösen Überlieferung festhalten wollten.

Anfang der 1870er Jahre entstand in Köln aus verschiedenen orthodoxen Gruppierungen dann die Gemeinde Adass Jeschurun. Ihre Tätigkeit erfuhr einen deutlichen Aufschwung, als 1876 das jüdische Lehrerseminar nach Köln zog, dessen Direktor Rabbiner Dr. Hirsch Plato ein engagierter Vertreter der Orthodoxie war, dem nun auch die Leitung der Gemeinde übertragen wurde. 1884 konnte in der St.-Apern-Straße schließlich neben einem Seminar- und Schulgebäude auch eine eigene Synagoge eingeweiht werden.

Der viergeschossige Seminar- und Schulbau beherbergte Schlaf- und Arbeitsräume für die Seminaristen, Schulräume, Wohnungen für Direktor, Lehrer sowie Personal, eine Bibliothek sowie Wirtschaftsräume. Bis 1933 absolvierten insgesamt 500 jüdische Lehrerinnen und Lehrer das Seminar, das seit 1910 zur staatlichen Lehrerprüfung berechtigt war. Seit 1933 war nur noch die Ausbildung von Religionslehrern zugelassen.

Gegenüber lag die Synagoge, ein relativ kleiner, gedrungen wirkender Bau aus rötlichem und gelbem Backstein, der 160 Plätze für Männer und 80 für Frauen bot. Ähnlich wie die mehr als zwei Jahrzehnte zuvor entstandene Synagoge in der Glockengasse war auch er im „maurischen Stil“ errichtet worden und bot eine Verbindung verschiedener als orientalisch empfundener Formelemente. Rundbogenfenster setzten starke Akzente, eine zwiebelförmige Kuppel krönte den Bau.

Nachdem die Adass Jeschurun zunächst in der Gesamtgemeinde verblieben war, kam es zur Loslösung, als 1906 in der Synagoge Roonstraße eine Orgel eingebaut wurde. Da dies orthodoxen Gläubigen als eine Nachahmung christlichen Gottesdienstes und daher als nicht annehmbar erschien, erklärten sie ihren Austritt aus der Großgemeinde und wurden zwei Jahre später als selbstständige Synagogen-Gemeinde staatlich anerkannt. Allerdings repräsentierte die Adass Jeschurun trotz der starken Zuwanderung von orthodoxen Gläubigen aus Osteuropa mit bis zu 1.200 Mitgliedern stets eine Minderheit im Kölner Judentum. Sie entwickelte jedoch ein reges Gemeindeleben, zu dem neben religiösen und karitativen Vereine eigene Jugendorganisationen, eine Religionsschule und seit 1910 ein eigener Friedhof in Deckstein zählten.

Als streng gesetzestreue Gemeinde bemühte sich die Adass Jeschurun, die Versorgung der orthodoxen Bevölkerung Kölns und der Region mit koscheren, das heißt entsprechend den jüdischen Speisegesetzen hergestellten Lebensmitteln zu ermöglichen. Eine Reihe von Geschäften befand sich unter ihrer rituellen Aufsicht und garantierte so, dass die dort angebotenen Lebensmittel koscher waren.

Zu diesen meist kleineren Geschäften gehörten Metzgereien, Geflügel- und Milchläden, Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien sowie einige Hotels und Restaurants. Sie lagen vor allem im Stadtzentrum, insbesondere im Umkreis der St.-Apern-Straße und im Viertel um den Griechenmarkt.

Die Gemeinde unterhielt darüber hinaus auf dem städtischen Schlachthof in Ehrenfeld eine eigene Schechita, in der Beauftragte der Gemeinde die religiös vorgeschriebene Schächtung des Schlachtviehs überwachten.

Jüdisches Schulwesen

Mit ihrer Selbstständigkeit entschloss sich die Adassjeschurun zum Aufbau eines eigenen Schulwesens. 1907 wurde die bereits existierende Übungsschule als private orthodoxe Volksschule Moriah neu organisiert und erweitert. 1919 konnte die Jawne, ein Realgymnasium mit Realschule, als einzige jüdische höhere Schule dieser Art im Rheinland eröffnet werden.

Bis 1933 wurden die Schulen vor allem von Kindern orthodoxer, aus Osteuropa stammender Familien besucht. Als 1933 die Ausgrenzung der jüdischen Schüler*innen aus dem öffentlichen Schulwesen begann, fanden immer mehr Kinder liberaler und säkularer Eltern den Weg in die rein jüdischen Einrichtungen. Die Schulen bereiteten nun auch auf eine Emigration vor, verstärkten den Englischunterricht, boten Palästinakunde und modernes Hebräisch an. Vielen Kindern und Jugendlichen gelang bis 1938 die Auswanderung, sodass die Klassen nach dem Höchststand 1937 schnell wieder kleiner wurden.

Obwohl auch das Schulgebäude während des Pogroms stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, konnte der Schulunterricht bereits wenige Tage danach wieder aufgenommen werden. Nachdem man 1939 auch die Klassen der städtischen jüdischen Volksschule in die St.-Apern-Straße eingewiesen hatte, konnte hier noch bis zum staatlichen Verbot jüdischer Schulen 1942 Unterricht erteilt werden.

Zugleich begann Dr. Erich Klibansky - seit 1929 Direktorder Jawne – unmittelbar nach dem Pogrom damit, die Verlegung der ganzen Schule nach Großbritannien zu planen. Auch wenn es dazu nicht kommen sollte, gelang es ihm, von Januar bis Juli 1939 vier „Kindertransporte“ mit mehr als 130 Mädchen und Jungen sowie einigen Lehrkräfte zu organisieren und diese in Großbritannien in Sicherheit zu bringen.

Gettohaus

Während des Pogroms war auch das Gemeindezentrum der Adass Jeschurun angegriffen und das Innere der Synagoge völlig zerstört worden. Durch Flucht und Emigration verlor die Gemeinde danach einen Großteil ihrer Mitglieder, sodass das Gemeindeleben im engeren Sinn sein Ende fand.

Schon Mitte 1941, als in Köln die Zusammenlegung der jüdischen Bevölkerung in Gettohäusern anordnet wurde, wurden die Gebäude der Adass Jeschurun eine völlig neue Funktion zugewiesen. Künftig wurden sie als eines der größten Ghettohäuser Kölns genutzt. Hunderte von Menschen mussten hier in drangvoller Enge leben, bis man sie schließlich einem der Deportationszüge zuteilte. Im Sommer 1942 wurden auch die Bewohner des jüdischen Kinderheims und des Waisenhauses in das Ghettohaus in der St.-Apern-Straße eingewiesen.

Als man die Kinder aus den Heimen und Schulen am 20. Juli 1942 nach Minsk verschleppte, zählten hierzu auch Dr. Erich Klibansky mit seiner Frau Meta und den drei Söhnen. Bereits am 24. Juli 1942 wurden alle Zuginsassen bei Maly Trostinez ermordet.

Nach der Verschleppung der letzten jüdischen Bewohner zog die städtische Königin-Luise-Schule in die Schulgebäude ein, die mitsamt des Grundstücks im Mai 1943 von der Stadt Köln erworben wurden. Kurz darauf wurden die Gebäude durch einen schweren Luftangriff stark beschädigt.

Gedenken

Nach dem Abriss der Ruinen Ende der 1950er Jahre wies jahrzehntelang nichts auf die wechselhafte Geschichte des Ortes hin. Es ist das Verdienst des Kölner Ehepaars Irene und Dieter Corbach, dass der Name Erich Klibansky und die Geschichte der Gebäude an der St. Apern-Straße mitten im Zentrum Kölns – trotz allen Desinteresse von Politik und Öffentlichkeit und gegen die ausgeprägte Unbeweglichkeit der Behörden – schließlich doch wieder in das Bewusstsein der Stadt gerückt werden konnte. Sie zählten zu den Ersten, die Mitte der 1980er-Jahre in privater Initiative mit der Spurensuche zur jüdischen Geschichte Kölns begannen und sich vor allem bemühten, an das Schicksal jüdischer Schüler*innen und an die jüdischen Einrichtungen für Kinder zu erinnern.

Aufgrund ihrer Initiative konnte 1990 auf einem Teil des – völlig überbauten - ehemaligen Schulhofs von Moriah und Jawne ein kleiner Platz gestaltet und nach Dr. Klibansky benannt werden. 1997 konnte zudem die Kindergedenkstätte Löwenbrunnen, ein Denkmal für die 1.100 ermordeten jüdischen Kinder aus Köln, eingeweiht werden - auch dies Resultat einer Initiative des Ehepaars Corbach.

Unmittelbar am Erich-Klibansky-Platz liegen nun auch die Ausstellungsräume des Lern- und Gedenkortes Jawne, einer ebenfalls privaten Initiative von engagierten Kölner*innen, die sich in Nachfolge des Ehepaars Corbach vor allem mit der Geschichte der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus Köln befasst und mit Veranstaltungen und wechselnden Ausstellungen Informationen zu jüdischen Schulen, zu Biographien von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften vermittelt.

Fußnoten

[1] Darstellung nach Becker-Jákli, jüdisches Köln, S. 111ff.

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