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Die „Mehrheitsgesellschaft“

Trotz der isolierten Lage am westlichen Kölner Stadtrand waren die Internierten nie vollständig von der Umgebungsgesellschaft abgeschottet, lag das Deportationslager doch in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung des kleinen, zu dieser Zeit noch eigenständigen Ortes Müngersdorf (heute Köln-Müngersdorf). Der Kirchturm der Gemeindekirche ist bis heute vom Lagergelände aus gut erkennbar.

Damit spielen sich Verfolgung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung vor den Augen der lokalen Bevölkerung ab, die jedoch mit wenigen Ausnahmen wegsah. Die damalige Gymnasiastin Hannelore Gärtner erinnerte sich später immerhin klar und deutlich an die Ankunft der Verfolgten: „Wir haben gesehen, wie die großen offenen Lastwagen kamen und die Menschen brachten. Die fuhren dann hier über die Belvederestraße durch die Eschenallee zum Fort. Sie hatten Hab und Gut dabei.“ Mehr Aufmerksamkeit schenkte man den Internierten dann jedoch nicht mehr – oder verdrängte in der Nachkriegszeit jede Erinnerung daran: „Wie sie wegtransportiert wurden, haben wir nicht gesehen.“[1] Man hielt angstvolle Distanz, wie sich ein damaliger ortsansässiger Volksschüler erinnerte: „Meine besorgte Mutter hatte mir dringend geraten, mich von ihnen fernzuhalten, etwa wenn sie Milch im Geschäft Niebus an der Wendelinstraße holten. Sie hatte Angst, selbst in die Fänge der Gestapo zu geraten.“ Derselbe Zeitzeuge überlieferte aber auch eine Erinnerung seiner späteren Ehefrau, die als junges Mädchen „damals auf Geheiß der Eltern wie unbeabsichtigt im Geschäft Lebensmittelkarten zu Boden fallen ließ, damit anwesende Lagerinsassen sie aufheben und zum Einkauf verwenden konnten.[2]

Daher sind nur ganz vereinzelt Fälle bekannt, in denen Müngersdorfer*innen den Lagerinsassen Hilfe zukommen ließen. So erklärte Lisel Plato, die im Gegensatz zu ihrem Ehemann Dr. Hermann Plato die spätere Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz überlebte, unmittelbar nach Kriegsende: „Mein Mann und ich waren von Mai 1942 bis zu unserem Abtransport im Juni 1943 zusammen mit den anderen Kölner Juden im Fort V, Köln-Müngersdorf untergebracht. Mein Mann war der einzige im Lager befindliche Arzt und ihm lag daher im Wesentlichen die ärztliche Versorgung unserer Leidensgefährten ob. Während dieser Zeit besuchte Dr. Müller verschiedentlich unser Lager. Er äußerte sein Entsetzen über die Art der Unterbringung und bot - soviel ich weiß als einziger von den in Köln ansässigen nichtjüdischen Ärzten - an, bei der Erlangung von Medikamenten behilflich zu sein.“[3]

Das Lager selbst war umzäunt und zumindest zeitweise durch Gestapo und SS bewacht, jedoch nie hermetisch abgeriegelt. Zumindest tagsüber konnten die Internierten – etwa zur Ableistung ihrer Zwangsarbeit - das Gelände mit Sondergenehmigungen verlassen, doch war ihr Radius durch das Verbot der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Ausgangssperren für die jüdische Bevölkerung in der Regel stark begrenzt. Kontakte zur nichtjüdischen Umgebungsgesellschaft gab es kaum noch und auch Besuche von jüdischen Freunden und Angehörigen, die noch in Ghettohäusern in der Kölner Innenstadt lebten, waren äußerst mühsam und beschwerlich. Somit empfanden die im Lager lebenden Menschen trotz der unmittelbaren Nähe zur Gemeinde Müngersdorf ihre Internierung als maximale Isolation und Ausgrenzung.

Obwohl Besuche im Lager insbesondere für nichtjüdische Personen formal verboten waren, sind mehrere Fälle bekannt, in denen Internierte Besuch von Freunden, Bekannten oder Verwandten aus Köln und Umgebung erhielten. So berichtet das Ehepaar Schönenberg in Briefen an Verwandte wiederholt über Besuche von Familienangehörigen aus anderen Städten, die nicht selten mehrere Tage bei ihnen verbrachten. Auch die ehemalige nichtjüdische Haushälterin Gertrud Heuft besuchte das Ehepaar mehrmals und versorgte es zudem mit Lebensmitteln vom elterlichen Hof. Damit repräsentiert sie eines der wenigen Beispiele für Hilfeleistungen aus der Mehrheitsgesellschaft.

Fußnoten

[1] Schlechtriemen, Judenlager, S. 27.

[2] Schlechtriemen, Judenlager, S. 26.

[3] LAV NRW, R, NW 1048/34289. Bei „Dr. Müller“ handelte es sich um den 1912 geborenen Dr. Hermann Müller, der in seinem Entnazifizierungsverfahren am 29.7.1946 u.a. erklärte: „Da ich mich verpflichtet fühlte, die von den Maßnahmen des Hitlerregimes betroffenen Menschen zu unterstützen, habe ich bei den Judenverfolgungen im Jahre 1942 die jüdischen Familien Willner und Zander laufend unterstützt und sie auch, trotzdem es streng verboten war und nach der damaligen Rechtsprechung Freiheit und Leben kosten konnte, im Internierungslager im früherer Marinegefängnis in Köln-Müngersdorf besucht. Da ich feststellte, dass die sanitären und hygienischen Verhältnisse katastrophal waren, bot ich dem ärztlichen Leiter Dr. Plato meine Hilfe an. Auf seine Bitte übergab ich ihm eine Reihe notwendigster Medikamente und Instrumente aus meinem Bestand, damit er wenigstens die einfachsten Untersuchungen und Operationen durchführen konnte.“ (Ebenda, Bl. 43)

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