Die Lebensbedingungen
Die Lebensbedingungen in den völlig unzureichend her- und eingerichteten Räumen lassen sich nur schwer vorstellen. Sicher ist, dass der sehr harte Winter 1941/42 die Situation für die Betroffenen sicherlich erheblich verschlimmerte. Sie lebten in äußerst beengten Verhältnissen ohne jede Privatsphäre in teilweise unbeheizten, schlecht isolierten und zudem feuchten Räumen. Mehr Platz als für ein Bett und einige wenige persönliche Habseligkeiten wurde den Internierten nicht zugestanden. Von Körperhygiene konnte unter den gegebenen Umständen kaum die Rede sein. Selbst bei Berücksichtigung der Tatsache, dass die meisten der nun in Müngersdorf Internierten aufgrund der fortschreitenden Einschränkungen und Ausgrenzungserfahrungen in den vorherigen Jahren in dieser Hinsicht bereits viel hatten erfahren müssen, stellte die lebensunwürdige Situation im Lager für sie eine völlig neue Dimension der Entrechtung und Entmenschlichung dar. Die hier untergebrachte Luise Oppenheimer erinnerte sich später: „Die Enge war beängstigend, die Räume so nass, dass man teilweise bis zu den Enkeln im Wasser waten musste. Und alles lag hinter Stacheldraht. Kein Sonnenstrahl konnte sich hierhin verirren. Gesunde und Kranke lagen durcheinander in primitiven Betten und Liegestätten, meist familienweise zusammen, oft in einem Bett. Manchmal auch ohne Abtrenn-Verschläge. Die Kochgelegenheiten waren rar, es dauerte endlos lange, bis sich alle Zusammengedrängten ihr bescheidenstes Mahl bereitet hatten.“[1]
Die Lebensbedingungen verschlechterten sich Anfang Juni 1942 nochmals massiv, als in Folge des „1.000-Bomber-Angriffs“ in der Nacht zum 31. Mai 1942 das „Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache“ in Köln-Ehrenfeld samt aller Patienten zwangsweise nach Müngersdorf verlegt wurde. Das lag nicht etwa darin begründet, dass die Gebäude des jüdischen Krankenhauses und Altersheims durch den Angriff zerstört worden wären. Vielmehr beschlagnahmten die Behörden Gelände und Gebäude bereits einen Tag nach der Angriff, um dort fortan das schwer getroffene Bürgerhospital unterzubringen.
Mehr als 400 Bewohner*innen des Altersheimes sowie eine unbekannte Anzahl an Patienten und Belegschaft des Krankenhauses wurden daher am 1. Juni 1942 ohne jede Vorbereitungszeit ins Lager Müngersdorf verlegt, wodurch dessen ohnehin bereits überlasteten Kapazitäten vollends überstiegen wurden. Das hatte zur Folge, dass Alte und Kranke zum Teil in den unterirdischen und feuchten Katakomben des Forts untergebracht wurden oder im Freien schliefen. Aus Platzmangel teilten sich mitunter Pfleger und Patienten ein Bett, in anderen Fällen wurden sie bei Familienangehörigen einquartiert, die bereits im Lager lebten. Die katastrophalen hygienischen Zustände führten gepaart mit der nun sehr großen Zahl an körperlich geschwächten Personen in den folgenden Wochen zu einem signifikanten Anstieg der Todesfälle. Einige (wenige) Schilderungen der Lebenssituation im Lager sind in Briefen überlieferten, die Internierte an Freunde und Angehörige schrieben. Außerdem enthalten auch Zeitzeugeninterviews Beschreibungen der Zustände. Wenn solche Quellen auch dünn gesät sind, vermitteln sie samt und sonders den Eindruck von den menschenunwürdigen Verhältnissen.
Unter solchen Umständen überrascht es kaum, dass auch Selbstmorde belegt sind. So berichtet eine Müngersdorfer Zeitzeugin, dass sich Lagerinsassen „öfter von der Brücke an der Belvederestraße auf die Bahngleise gestürzt“ hätten. „Das wurde dann hier immer erzählt.“ Eine weitere damalige Bewohnerin von Müngersdorf wurde unmittelbar Zeugin eines solchen Suizids: „Einmal im Krieg war mein Zwillingsbruder auf Urlaub hier; da bin ich mit ihm und seiner Freundin über die Bahnbrücke Belvederestraße spazieren gegangen. Ein Mann hatte sich auf die Schienen gelegt, und es war fürchterlich anzusehen: Da lag er, auf der Seite Richtung Königsdorf, er wurde vom Zug überfahren. Ich sehe noch, wie seine Krawatte sich im Fahrtwind hochwölbt. – Danach wurde gesagt, da hat sich ein Jude aus dem Lager vor den Zug geworfen.“[2]
Trotz aller unerträglichen Lebensbedingungen versuchten die meisten Internierten jedoch zumindest rudimentäre Formen eines Soziallebens aufzubauen und aufrecht zu erhalten. So berichten Überlebende, dass der zeitweise ebenfalls im Lager internierte Gemeinderabbiner Isidor Caro Gottesdienste abgehalten und Religionsstunden für Kinder angeboten habe. Auch Singstunden mit hebräischen Liedern fanden offenbar wiederholt statt. Außerdem wurden auch nicht-religiöse Vorträge und Beratungen angeboten. Neben solchen Veranstaltungen hielten regelmäßige Besuche innerhalb der Lagergemeinschaft die familiären und freundschaftlichen Bindungen aufrecht und vermittelten zumindest in Ansätzen ein Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität.
Die Verwaltung des Lagers oblag weitestgehend den Kölner Repräsentanten der Reichsvereinigung der Juden (Bezirksstelle Rheinland), die dabei allerdings permanent unter strenger Kontrolle von Gestapo und städtischen Behörden standen. Zu ihren Aufgaben zählten neben Auswahl und Benachrichtigung der für die jeweilige „Umsiedlung“ ausgewählten Gemeindemitglieder und die Organisation dieser Umzüge auch die Beschaffung von Lebensmitteln und aller weiteren lebenswichtigen Gütern. Außerdem zeichneten sie für die Abwicklung der Mietzahlungen verantwortlich, die die Internierten während ihres Aufenthalts im Lager trotz aller Widernisse monatlich leisten mussten. Unter solchen Umständen war und blieb der Spielraum für Versuche, den Betroffenen ihre Lage soweit wie möglich zu erleichtern, minimal.
Fußnoten
[1] Erinnerungen von Luise Oppenheimer im NS-DOK Köln; ziert nach Becker-Jákli, Asyl, S. 324f.
[2] Kurt Schlechtriemen: Das Judenlager im Äußeren Grüngürtel. Schicksale jüdischer Menschen in Köln-Müngersdorf; in: BlickPunkt Müngersdorf 24 (Sommer 2014), S. 24-35, hier S. 27.