Ottostraße 85: Israelitisches Asyl, Krankenhaus und Altenheim
Unter der Adresse Ottostraße 85 befand sich von 1908 bis 1942 das jüdische Krankenhaus und Altersheim. Offiziell trug es den Namen Israelitisches Asyl für Kranke und Altersschwache, wurde in Köln aber oft auch kurz das „JüddespidohI“ (Judenspital) genannt.[1]
Entstehung
Das ursprüngliche Israelitische Asyl, eine Stiftung der Gebrüder Eltzbacher, konnte am 12. Januar 1869 in der Silvansstraße 10-12 eingeweiht werden. Als um die Jahrhundertwende die Behandlungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichten, wurde nach Plänen des Berliner Architekten Wilhelm Winkler und durch die finanzielle Unterstützung des aus Köln stammenden britischen Bankiers Sir Ernest Cassel in Höhe von 270.000 RM ein weitläufiger Neubau in Ehrenfeld realisiert, der am 19. Februar 1908 eingeweiht und bezogen wurde.
Auf einer Fläche von 21.550 qm zwischen Otto-, Röntgen-, Krupp- und Nußbaumerstraße standen inmitten ausgedehnter Grünanlagen das Krankenhaus (bis zu 200 Betten), das Haus für Altersschwache und Sieche (60 Betten), Liegehallen, das Schwesternhaus, die Wasch- und Kochküche, das Kesselhaus, das Leichenhaus, die Desinfektion. Das Asyl verfügte auch über eine kleine eigene Synagoge.
Nach 1908 wurde dieses Gebäudeensemble mehrfach erweitert, wobei sich die Anstaltsleitung unter Dr. Benjamin Auerbach besonders intensiv auch der Aus- und Weiterbildung jüdischer Krankenschwestern widmete. Die Kölner Bevölkerung schätzte die Einrichtung wegen ihrer ausgezeichneten Ärzte, der modernen technischen Ausstattung und der hervorragenden hygienischen Verhältnisse. Bis 1933 war die Krankenanstalt vorwiegend - zeitweise von bis zu 80 Prozent - von Nichtjuden belegt.
Nach 1933
Als mit der NS-Machtübernahme 1933 Repressalien gegenüber jüdischen Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonal und medizinischen Einrichtungen einsetzten, wurde auch die Tätigkeit des Asyls stark eingeschränkt. Seit Mitte der 1930er Jahre durften nur noch jüdische Patienten behandelt werden, und mit dem schrittweisen Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Gesundheitswesen war das Haus schließlich das einzige Hospital im gesamten Kölner Umland, das noch jüdische Patienten aufnahm. In einer Besprechung erklärte der Kölner Gesundheitsdezernent Coerper den Chefärzten der städtischen Krankenhäuser im Februar 1938 das künftige Verhalten gegenüber jüdischen Kranken erklärt und damit deren Ausschluss aus der stationären Versorgung der Krankenhäuser durchgeführt. Jüdische Patienten fanden nun nur noch im Asyl Aufnahme oder in einer der Privatanstalten. Als es ab Anfang 1939 endgültig zur einzigen Einrichtung in Köln geworden, in der jüdische Kranke medizinische Hilfe und Betreuung fanden, konnte diese Situation nur durch erhebliche Umorganisationen und eine Konzentration aller Kräfte bewältigt werden.
Während des Pogroms vom November 1938 bot das Asyl mit seinen Gebäuden und weitläufigen Kellern vielen verzweifelten Menschen Zuflucht. Unmittelbar vor und während des Novemberpogroms flüchteten sich etwa zweihundert Menschen in die Einrichtung, die dort vor allem in den Kellern versteckt wurden.
Über seine Tätigkeit als Krankenhaus und Altersheim hinaus wurde das Asyl nunmehr auch zum wichtigsten Zentrum für die ambulante medizinische Versorgung der jüdischen Einwohner geworden, da in seinen Räumlichkeiten auch niedergelassene jüdische Ärzte, die sich nun „Krankenbehandler“ nennen mussten, ihre Sprechstunden abhielten.
Weil eine völlige Ausschaltung jüdischer Sozialeinrichtungen zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht im Interesse des NS-Regimes lag, wurde das Asyl nicht aufgelöst, sondern konnte seine Arbeit zunächst weiterführen. Nachdem dann aber das Städtische Bürgerhospital am Neumarkt während des „1.000-Bomber-Angriffs“ am 31. Mai 1942 völlig zerstört worden war, wurde das Israelitische Asyl bereits am Tag darauf in großer Eile und unter Zwang geräumt. Im Zuge der Räumung und der darauffolgenden Neubelegung wurde vermutlich auch das Archiv des Asyls vernichtet. Die Behörden beschlagnahmten die Gebäude und transportierten Patienten und Personal in das Sammellager in Müngersdorf.
Hier wurden sie in Holzbaracken interniert, in denen viele Patienten wegen unzureichender ärztlicher Versorgung und wegen mangelnder Hygiene starben. Ältere Überlebende wurden von hier aus gemeinsam mit Krankenschwestern, einem Krankenpfleger, zwei Ärzten mit deren Ehefrauen sowie den letzten Kuratoriumsmitgliedern am 15. Juni 1942 mit der ersten großen Deportation aus Köln nach Theresienstadt gebracht. Weitere große Deportationen erfolgten am 20. und am 27. Juli 1942, wobei für den 27. Juli 1942 ausdrücklich angeordnet wurde, auch Kranke in die Transporte einzubeziehen. Es ist anzunehmen, dass die Mehrheit der Bewohner des Asyls bis Juli 1942 verschleppt worden waren.
Die Stadt übernahm die Gebäude des Asyls und richtete hier das „Hilfskrankenhaus Köln-Ehrenfeld“ ein. Im Oktober 1944 wurden die Bauten dann so schwer von Bomben beschädigt, dass sie aufgegeben werden mussten.
Nach 1945
Unmittelbar nach der Befreiung Kölns im März 1945 kehrten die ersten jüdischen Überlebenden, zunächst kaum 100 Menschen, aus Verstecken und Lagern nach Köln zurück. Nachdem das Gelände am 30. Mai 1945 wieder der jüdischen Gemeinde übergeben worden war, verlegte die Synagogen-Gemeinde Köln ihren Sitz Ende Mai/Anfang Juni erstmal in die Ottostraße, da das ehemalige Zentrum der Kölner jüdischen Gemeinde in der Roonstraße völlig zerstört war. Das Hauptgebäude wurde instand gesetzt und die Räume für die Verwaltung und einen kleinen Betsaal genutzt. Im Hauptgebäude, dem ehemaligen Krankenhaus, wurden Flüchtlinge untergebracht.
Der Plan, wieder ein jüdisches Krankenhaus einzurichten, konnte allerdings nicht realisiert werden. und das belgische Militär übernahm 1950 das Gebäude des Krankenhauses, während die jüdische Gemeinde selbst einige Teile des ehemaligen Asyls nutzte, um hier in den folgenden Jahren viele wieder und neu gegründete jüdische Einrichtungen unterzubringen: Kindergarten und Jugendgruppen, Kulturbund, Sportklub Makkabi, Jüdischen Nationalfonds sowie die Israel-Mission. Auch der erste Nachkriegs-Rabbiner der Gemeinde, Zvi Asaria, war hier tätig. Nachdem dann die Synagoge an der Roonstraße wieder aufgebaut worden war, zog die Gemeinde mit ihren Einrichtungen 1959 dorthin in ihr früheres Zentrum zurück, so dass das belgische Militär den gesamten Komplex in Gebrauch nehmen konnte. Die jüdische Geschichte des Areals, das um 1974 in Besitz der Bundesrepublik überging, geriet in Vergessenheit.
Das jüdische Wohlfahrtszentrum
Mitte der 1990er Jahre wurde mit dem Abzug der belgischen Truppen aus Deutschland auch das Gelände an der Ottostraße wieder frei. Da die Bauten marode waren, plante der Bund den Verkauf an ein Immobilienunternehmen, während die Kölner Synagogen-Gemeinde den Beschluss fasste, sich für den Erhalt der historischen Bauten und für eine Nutzung durch jüdische Einrichtungen einzusetzen. Für die Gemeinde, die zu jenem Zeitpunkt rund 2.500 Mitglieder umfasste, deren Zahl sich durch den Zuzug aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion kontinuierlich vergrößerte, waren weitere Räumlichkeiten zwingend erforderlich. Zugleich stellte der Stadtkonservator die Gebäudeteile mit originaler Bausubstanz unter Denkmalschutz. Unter diesen Voraussetzungen kam es Ende 1997 - wie bereits 1950 - zu einer neuerlichen Zweiteilung des Geländes: Die jüdische Gemeinde kaufte den Teil, auf dem die historischen Gebäude standen, die Immobiliengesellschaft erwarb das übrige Gelände und errichtete hier Wohnhäuser.
Nachdem im Jahr 2000 der Um- und Neubau hatte, konnte das Jüdische Wohlfahrtszentrum im Sommer 2004 offiziell eröffnet werden. Heute befinden sich hier der Kindergarten, die Lauder-Morijah-Grundschule - beide überkonfessionell ausgerichtet -, Altersheim, Verwaltung und Sozialdienste der Gemeinde sowie eine Synagoge. Das Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache erhielt damit eine umfassende neue Nutzung, mit der in moderner Form an seine ursprüngliche karitative Zielsetzung angeknüpft wurde.
Unterstützt wird das durch eine Architektur, die durch große Transparenz geprägt ist. Umso auffälliger wird der Kontrast zu den massiven Sicherheitsmaßnahmen, die aufgrund der politisch-gesellschaftlichen Situation notwendig wurden und leider nach wie vor sind: Der Spielplatz von Kindergarten und Schule wird durch eine hohe Mauer abgeschirmt, die unmittelbare Umgebung des Areals ist mit Überwachungskameras ausgestattet und wird durch Sicherheitskräfte kontrolliert. Ein Besuch des Wohlfahrtszentrums ist nur durch einen gesicherten Eingang und nach einer Personenkontrolle möglich.
Fußnoten
[1] Die Darstellung folgt Becker-Jákli, Jüdisches Köln, S. 314ff. Ausführlich Becker-Jákli, Krankenhaus, u.a. S. 285, 301, 312 und 322.