„Marxistische Zeit“ am Wasserturm
Das langjährige SA-Mitglied Otto Sch. sieht sich nach einer Prozession der Kirchengemeinde St. Michael in Essen-Ost veranlasst, einen denunzierenden Bericht an die Polizei zu schreiben:
„Nach Beendigung und Auflösung des Umzuges zogen Sturmschärler und Jungschärler mit sehr viel neu zugelegten Fahnen und Wimpeln in geschlossener Ordnung demonstrierend und provozierend unter Absingen ihrer Kampflieder durch die Straßen in Essen-Ost. Dieses wiederholten sie 3 mal. Der Anblick versetzte mich in die marxistische Zeit zurück. Mit geballten Fäusten standen wir und mussten diesem Spuck zusehen, denn bei diesem Anblick regte sich in uns der alte SA-Kampfgeist wieder. Da wir uns aber nicht befugt fühlten, persönlich einzugreifen und dieses höheren Instanzen überlassen wollten, so wenden wir uns an Sie Herr Polizeipräsident, mit der Bitte, diesem Spuck ein für allemal ein Ende zu bereiten und die Fahnen und Wimpel, sowie auch die Einheitstracht verschwinden zu lassen. Dies ist der Wunsch nationalsozialistischer Kämpfer vom Wasserturm."
Ein daraufhin vernommener Zeuge sagt aus: „Die Jungschärler, etwa 20 Personen, trugen einheitliche blaue Wanderkittel. Dagegen waren die ehemaligen Sturmschärler, ebenfalls etwa 20, meines Wissens nicht einheitlich gekleidet. Sie gingen aber zusammen. Die Gruppe Neudeutschland waren dagegen wieder einheitlich gekleidet. Sie trugen weiße Hemden und lange dunkle Hosen. Koppel oder Leibriemen sind mir nicht aufgefallen. Als sich die Prozession an der Kirche auflöste, zogen diese drei Gruppen in Richtung Wasserturm davon. Jede Gruppe hinter ihrem Banner. Ich nahm an, dass sie die Banner fortbrachten. Es wurde ein Sturmscharlied gesungen. Welches, kann ich nicht mehr sagen. Später hörte ich dann von Sch., [dass sie] einen Umzug durch die Straßen gemacht hätten. Dieses habe ich selbst nicht gesehen. Auch habe ich keine Kommandos wahrgenommen."
Die weiteren Ermittlungen ergeben, dass der „verbotene Umzug von Sturmschärlern, Jungschärlern und einigen Pfadfindern" - im Ganzen etwa 60 Personen - nach der Prozession der St. Michael Pfarre in Essen Ost offenbar ohne Wissen von Kaplan B. von dem Sturmscharführer Fritz L. organisiert worden war. Der bestreitet in seiner Vernehmung jedoch, das Tragen einer „einheitlichen Kleidung" angeordnet zu haben. Auch seien keinerlei spitze Wimpel, sondern „lediglich unsere alten, kirchlich geweihten Banner mitgeführt" worden. Neudeutsche seien nicht mitgegangen. „Nach der Auflösung der Prozession haben Sturmschärler, Jungschärler und Pfadfinder, zusammen etwa 60 Personen, einen Umzug durch die um die Kirche herum liegenden Straßen wie Steuben-, Werder-, Michael- und Wächtlerstraße gemacht. (...) Der ganze Umzug hat vielleicht eine 1/2 Stunde gedauert. (...) Als Lieder haben wir gesungen: ‚Vorerst so wollen wir loben', ‚Margan, die reine Magd' und ‚Wenn wir schreiten Seit an Seit'. Dieses sind alles religiöse Lieder. Fahrten- oder Sturmscharlieder haben wir nicht gesungen. (...) Den Umzug haben wir vorher nicht besprochen. Wir haben ihn aus der Begeisterung für die religiöse Sache unternommen."
Die Gestapo sieht in dem Vorfall dagegen einen „vorsätzlichen und mit geradezu seltener Dreistigkeit begangenen Verstoß gegen das Staatspolizeiliche Betätigungsverbot konfessioneller Jugend und Standesorganisationen vom 28.5.1934" und fordert für die Führer der einzelnen Jugendgruppen die Verhängung von Zwangsgeldern zwischen 20 und 80 RM. Nach deren Beschwerden werden die Beträge vom Düsseldorfer Regierungspräsidenten auf 5 bis 20 RM reduziert. Eine Klage gegen die Zwangsgelder wird hingegen angewiesen, und auch die anschießende Revision hat keinen Erfolg.