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Ereignisse
1934
März

Wiederholte Übergriffe von HJ auf KJMV der Pfarre Mariä-Himmelfahrt (Altendorfer Jungenschaft)

Am 9. April 1934 wendet sich Kaplan Heinrich Vogel an der Essener Polizeipräsidenten und berichtet ihm über sich häufende Vorfälle, an denen die Hitlerjugend beteiligt ist und die offensichtlich im Zusammenhang mit deren „Frühjahrsoffensive" stehen. Dabei listet er folgende Ereignisse der Monate März bis April 1934 auf:

1) 2. März: Schaukasten am Marienheim zerbrochen und einige Bilder abgerissen.
2) Nacht von 12. auf 13. März: Fahnenmast zerschlagen (Hüttmannstraße).
3) 24. Februar: Gitarre aus Gartenheim Holdenweg gestohlen.
4) Nacht vom 1. auf 2. April: Scheibe Schaukasten an Marienheim eingeschlagen, Material entrissen.
5) Gleichzeitig weiterer Schaukasten beschmiert.
6) Scheiben von Kasten des ‚Kinderwohl' eingeschlagen
7) An Wohnungen der Geistlichen in Schmitzgasse wurden Plakate geklebt.
8) Am 6. und 7. April: gegen 22 Uhr griffen HJ-Trupps die Jungen der Pfarre an verschiedenen Stellen des Ortsteils an, ohne jede Veranlassung.
9) Nacht von 7. auf 8. April: Fensterscheiben in Marienheim zertrümmert sowie in Gartenheim im Holdenweg; Inventare wurden verwüstet.
10) Sprechchöre bei Andacht für Kommunionskinder ‚Nieder mir der konfessionellen Jugend'.
11) Uniformierte Hitlerjungen entfernen gewaltsam Plakat aus Schaukasten an Marienheim.
12) Nacht vom 8. auf 9. April: vier Fensterflügel Gartenheim Hüttmannstr. ausgehängt und teilweise zerschlagen.

Weiter heißt es in dem Schreiben: „Zeugen, die unter Eid ihre Aussagen bekräftigen wollen, sind für diese Tatsachen zu stellen. Ich kann mir nicht denken, dass in einem Rechtsstaat von einer Jugend, die sich mit Vorliebe Staatsjugend nennt, solche Dinge ohne Strafe getan werden können. Ich stelle fest, dass weder von Kommunisten noch von Sozialisten in dem Umfange Beschädigungen an unserem kirchlichen Eigentum geschehen sind. Ich bin seit über 9 Jahren Kaplan an der hiesigen Pfarrkirche und Jugendpräses und habe dabei manches Schwere erlebt. Derartige Tatsachen jedoch noch nicht. Zu den Taten kommen Äußerungen von Führern, die sicherlich keinen nationalen, sondern einen kommunistischen Geist verraten.
Ich wende mich auch an Sie mit der Bitte, dass von Ihrer Seite alles getan wird, zur Regelung dieser Angelegenheit. Ich erwarte, dass das beschädigte kirchliche Eigentum von den Tätern wieder instand gesetzt wird und die Schmierereien am öffentlichen Tage wieder beseitigt werden. Ferner erwarte ich, dass die Leitung der hiesigen Hitlerjugend sich beim Herrn Pastor Kauws wegen der Verstöße entschuldigt und sich verpflichtet, dass derartige Dinge ihrerseits nicht mehr vorkommen."

Auch das von Vogel informierte Kölner Generalvikariat wendet sich in diesem Fall an den Essener Polizeipräsidenten: „In der Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt in Essen-West haben sich in den vergangenen Wochen eine Reihe von Übergriffen ereignet, die in einer Beschwerde des Herrn Kaplan Vogel ... dem Herrn Polizeipräsidenten mit der Bitte um Abhilfe gemeldet worden sind. Da wir durch weitere Vorkommnisse und Störungen gegenüber dem religiösen Leben katholischer Pfarrgemeinden und Vereine zur Vorstellung bei anderen zuständigen Behördestellen uns veranlasst sehen, bitten wir um baldgefl. Mitteilung über das im Falle der Beschwerden des Herrn Kaplan Vogel bereits Veranlasste. Vor allem wäre uns wertvoll zu wissen, ob Maßnahmen getroffen wurden, die geeignet erscheinen, derartige Eingriffe für die Zukunft auszuschließen."

Tatsächlich reagiert der Polizeipräsident umgehend und teilt am 11. April 1934 bezüglich der „Beschädigungen durch die Hitlerjugend" mit, „dass ich eine strenge Untersuchung eingeleitet habe und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen werde". Gleichzeitig bittet er „um Mitteilung näherer Einzelheiten sowie etwa der Namen der Täter und der Zeugen". „Im Übrigen habe ich veranlasst, dass durch die Führung der Hitlerjugend in Zukunft derartige Vorfälle unterbunden werden."

Tatsächlich jedoch geschieht nichts. Andere, von der Pfarrei ebenfalls informierte Stellen wie die politische Polizei, das Essener Branddezernat oder der Düsseldorfer Regierungspräsident reagieren gar nicht. Stattdessen wird in Altendorf „das unglaubliche Gerücht" verbreitet, „dass die Täter in der katholischen Jugend selbst stecken". „Es wird notwendig sein", so notiert Kaplan Vogel, „dass wir mit allem Nachdruck uns wehren, um gegen Verleumder gewappnet zu sein. Wir bewahren Ruhe. Ein Marsch, der im Ewigen verwurzelt ist, braucht nichts zu fürchten. Ist Gott mit uns, was sollte gegen uns kämpfen können."

Solch Optimismus ist jedoch fehl am Platz, denn erreicht wird zunächst nichts. Im Gegenteil: Am 28. April 1934 ergeht gegen Pfarrer Kauws folgende polizeiliche Verfügung: „Laut Zeugenaussagen haben Sie am 4. April 1934 bei der Entfernung eines Werbeplakates der Hitlerjugend aus einem Kasten des Marienheims die Worte gebracht: ‚Das ist der Schmutz des Deutschen Volkes.' Wenn Sie auch bestreiten, diese Worte gesagt zu haben, so haben Sie doch in Ihrer Vernehmung die Äußerung zugegeben: ‚Der Staat tut mir leid, der das Privateigentum nicht zu schützen weiß!' Da die Äußerung öffentlich vor einer Menschenmenge erfolgte, ist sie geeignet, die Bestrebung staatsfeindlicher Elemente zu fördern. Indem Sie so den ordnungsgemäßen Lauf der nationalsozialistischen Erhebungsarbeit hemmt, verstößt sie gegen die Sicherheit des Staates." Daher wird gegen den Pfarrer auf der Grundlage der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933 ein Zwangsgeld in Höhe von 100 Reichsmark verhängt und ihm vom Polizeipräsidenten im Wiederholungsfall „Zwangshaft" angedroht.

Der Pfarrer selbst stellt die Ereignisse des 4. April folgendermaßen dar: „Als an einem Abend wiederum ein Plakat der Staatsjugend in den Schaukasten geklebt wurde, wurde ich telefonisch von dem Hausverwalter des Marienheims auf diese Beschmutzung aufmerksam gemacht. Um endlich mit den Beschädigungen und Beschmutzungen durch Selbsthilfe Schluss zu machen, ging ich zum Marienheim. Ostentativ riss ich das Plakat aus dem Schaukasten, raffte es zusammen und warf es auf den Boden mit den Worten: ‚Pfui Deubel. Diese Schmierfinken, diese Schweinerei. Seit den ältesten Zeiten achtet der Germane das Privateigentum.' Dann wandte ich mich zu dem Hausverwalter und sagte: ‚'Wenn das noch einmal vorkommt, rufen Sie mich wieder, ich reiße es wieder heraus. Bis 11 Uhr stehe ich zur Verfügung!'
Als ich 30 m vom Marienheim entfernt war, rief ein uniformierter Hitleranhänger hinter mir her: ‚Wir sind die Staatsjugend!' Ich erwiderte darauf, nachdem ich 10 Schritte zurückgegangen war: ‚Der Staat tut mir leid, der das Privateigentum nicht zu schützen weiss!'"

Dann kommt er auf weitere Ereignisse zu sprechen, die offenbar eine direkte Folge des begonnen Konfliktes darstellen: „Am darauffolgenden Sonntage wurden zwei Waggonheime unserer Jungmänner erbrochen, verwüstet, sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen. Daraufhin ließ ich in den zwei letzten Hl. Messen folgenden Text verlesen: ‚Wir machen unsere Pfarrangehörigen darauf aufmerksam, dass seit einiger Zeit fortlaufend kirchliches Eigentum beschädigt und beschmutzt wird. Wir stellen fest, dass in dem Ausmaße weder die Sozialisten noch die Kommunisten unser Eigentum beschädigt und beschmutzt haben!'"

Nach diesen Verlautbarungen, so Klauws, seien „Beschädigungen und Beschmutzungen nicht mehr vorgekommen". „Die Hitlerjugend säuberte sogar das Pfarrhaus und die Kaplaneien von den angeklebten Plakaten" - offenbar eine Folge der oben wiedergegebenen Absicht des Polizeipräsidenten vom 11. April, die Vorfälle zu untersuchen.

Dabei bleibt es jedoch nicht. „Einige Tage später" wird Pfarrer Kauws zur Gestapo vorgeladen. „Dort wurde ein Protokoll aufgenommen. Der Erfolg dieses Protokolls war meine Bestrafung", die er jedoch nicht akzeptiert. „Da ich Gesetz und Ausführung des Gesetzes für Unrecht halte, zahlte ich die 100,- RM nicht, sondern ließ es auf die Zwangsvollstreckung ankommen. Am 11. Mai wurden mir eine Standuhr und ein Sofa aus dem Hause geholt."

Aber auch die Provokationen seitens der HJ nehmen kein Ende. Am 15. Mai sieht sich Kauws veranlasst, die frühere Auflistung der HJ-Aktionen zu ergänzen:

„13) 9. April: Gartenheime an Hüttmannstr. und am Holdenweg in Brand gesteckt. Die Brandstiftung am Holdenweg gelang nicht. Es verbrannte nur ein Teil der Fenstervorhänge. Im Gartenheim an der Hüttmannstr. wurde der Boden stark angebrannt. Das Löschen des Brandes war teilweise sehr schwierig. Durch Zeugen ist festgestellt, dass dieser Brand durch Hitlerjungen gelegt worden ist.
14) Nacht 10. auf 11. April am Holdenweg: Fenstersprossen eingeschlagen und Heim von innen gewaltsam geöffnet.
15) Nacht 12. auf 13. April: 2 Scheiben an Schaukasten des Marienheims eingeschlagen und mit roter Farbe beschmiert."

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