Jüdische Presse
Unter jüdischer Presse werden hier periodische - meist wöchentlich - erscheinende Druckschriften verstanden, die von jüdischen Verlegern unter gelegentlicher Mitarbeit von Nichtjuden für ein primär jüdisches Publikum produziert wurden und dabei fast ausschließlich „jüdische“, d.h. die Juden als Gruppe interessierende und betreffende Themen behandeln.[1]
Der Aufstieg des Zionismus bei gleichzeitigem Erstarken des Antisemitismus führte gepaart mit allgemeinen Entwicklungen des Zeitungs- und Nachrichtenwesens gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Vielzahl Neugründungen jüdischer Blätter. Mit dem Entstehen der zionistischen Bewegung und der Gründung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (C.V.) und ihrer jeweiligen Publikationsorgane, begann um die Jahrhundertwende die Ära der politischen jüdischen Zeitungen, die ab 1924 in eine regelrechte „goldene Zeit“ mündete. Neben neuen Spezial-Blättern entstanden jetzt vor allem zionistische Zeitungen und eine Vielzahl von lokalen Gemeindeblättern, die weite Verbreitung fanden. 1930 erschienen bereits in Deutschland mehr als 100 jüdische Zeitungen und Zeitschriften, deren Gesamt-Auflage jedoch nicht zu bestimmen ist, da Verleger erst nach 1933 verpflichtet wurden, ihre Auflagenziffern offenzulegen.
Die wichtigsten und meistgelesenen überregionale Blätter waren in den 1920er und 1930er Jahren die C.V.-Zeitung (1922-1938), die Jüdische Rundschau (1896-1938), das Israelitische Familienblatt (1898-1938) und das Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde Berlin (1911-1938). Auch nach 1933 wurden zunächst noch jüdische Periodika begründet - etwa einige Gemeindeblätter und die Mitteilungsorgane der jüdischen Kulturbünde. Und trotz einiger Verbote, die vor allem Zeitungen radikal deutsch-jüdischer Provenienz trafen, existierte noch 1938 eine reichhaltige, wenn auch im Niedergang befindliche jüdische Presse im Reichsgebiet.
Diese befand sich für einen Zeitraum von etwa fünf Jahren in einer einzig- und eigenartigen Lage, denn war, da sie sich nicht im Besitz von „Ariern“ befand, von der „Gleichschaltung“ ausgenommen. Nach Aussage von Robert Weltsch, der von 1919 bis 1938 als Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau“ fungierte, konnten Mitarbeiter jüdische Redaktionen deshalb in den ersten Jahren nach 1933 mit gebotener Vorsicht noch liberale Ansichten äußern.[2] Dabei unterlagen die jüdischen Blätter - wie auch die nichtjüdischen Zeitungen und Zeitschriften -der „Nachzensur“, so dass Redakteure im Nachhinein für schon erschienene Artikel oder Ausgaben verwarnt, ihre Zeitungen für bestimmte Zeit verboten und sie selbst in Schutzhaft genommen oder gerichtlich belangt werden konnten.
Allen etwaigen Einschränkungen zum Trotz steht fest, dass die jüdische Presse für ihre Leser, die sich mit einer massiven schrittweisen politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Verdrängung aus der deutschen Gesellschaft konfrontiert waren, eine zunehmend existenzielle Bedeutung erlangte, die sie weit über den Status eines reinen Kommunikationsmedium heraushob. Dabei übernahm sie für das jüdische Publikum insbesondere immer stärker die Funktion des zentralen und oft einzigen Informationsmediums, zumal nichtjüdische Zeitungen immer weniger gelesen wurden.
Dadurch stieg die Auflage jüdischer Druckerzeugnisse zunächst sogar noch an, erreichte aber bereits 1934 ihren Höhepunkt, als die monatliche Gesamtauflage für Zeitungen und Zeitschriften mit 1.182.000 Exemplaren angegeben wurden. Bis 1937 dank diese Zahl - nicht zuletzt auch durch Auswanderungen - auf 956.200 Exemplare. Zugleich nahm der Umfang fast aller Zeitungen zu - und zwar sowohl im redaktionellen als auch im Anzeigenteil. Die Vermehrung der Inserate dokumentiert ebenfalls den stetig steigenden Wert der Zeitung als Mittel der Kommunikation im jüdischen Milieu. Man kann annehmen, dass die jüdische Presse in Deutschland so gut wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft erreichte.
Der Niedergang der jüdischen Presse setzte bereits ab Mitte der 1930er Jahre durch die Emigration vieler Journalisten und die sich verschärfende Verfolgungspolitik des NS-Regimes ein. Dennoch existierten bis zum November 1938 insgesamt 65 jüdische Zeitungen und Zeitschriften, die dann als Folge des Pogroms sämtlich von einem Tag auf den anderen verboten wurden.
An ihre Stelle trat als einziges verbleibenden jüdisches Publikationsorgan das von NS-Seite streng überwachte und hinsichtlich seiner Inhalten genau kontrollierte „Jüdische Nachrichtenblatt“, das neben der darin verordneten Verkündung neuer Bestimmungen und Gesetze die letzte jüdische Möglichkeit zur Artikulation jüdischer Themen in Deutschland blieb, bis es 1943 ebenfalls eingestellt wurde.[3]