Archiv der Selbstzeugnisse
Privaten Korrespondenzen und Tagebüchern kommt für das Verständnis der NS-Zeit auch über Details zum Alltagsgeschehen eine zentrale Rolle zu.[1] Mit einem Fokus auf die jüdische Bevölkerung kam dabei in Zeiten von Emigration, Vertreibungen und Deportationen Insbesondere Briefen in der zwischenmenschlichen Kommunikation eine immer wichtigere Funktion zu, tauschten sich im Normalfall im privaten Rahmen doch jene untereinander aus, die zeitweise oder dauerhaft voneinander getrennt waren. In der deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ handelte es sich dabei während der der Zeit des Zweiten Weltkriegs um Kriegsteilnehmer und deren Familien, die Feldpost in unvorstellbarer Menge untereinander austauschten.[2]
Im Fall von Jüdinnen und Juden handelte es sich in den Jahren zwischen 1933 und 1945 bei den Schreibenden und Berichtenden hingegen in aller Regel um Individuen, die - ursprünglich zumeist eng zusammengehörig - aufgrund ihrer individuellen Schicksale unter dem Druck des NS-Regimes unfreiwillig getrennt worden waren. Da unter solchen Vorzeichen gerade Briefen als einer der wichtigsten Form von Selbstzeugnissen eine besonders große Bedeutung im gegenseitigen Austausch beizumessen ist, soll hier einleitend ausführlicher auf die Chancen und Grenzen solcher Quellen bei der Erschließung der damaligen Lebensumstände eingegangen und sie in ihrer Gesamtheit als vielsagender und ausdrucksstarker „Spiegel ihrer Zeit“ vorgestellt werden.