Mit dem Kriegsbeginn verschärfte sich die Situation ab September 1939 weiter. Als das NS-Regime im Oktober 1941 schließlich jede Form von Auswanderung verbot, war es den in Deutschland verbliebenen Jüdinnen und Juden nahezu unmöglich, sich vor ihrer Deportation ins Ausland zu retten. Es gab weder Einreisevisa noch sichere Fluchtwege, und insbesondere Schiffe für eine Überfahrt standen kaum noch zur Verfügung.
Exakte Zahlen zur jüdischen Auswanderung aus Deutschland sind aufgrund der lückenhaften Quellenlage nicht zu ermitteln. Auch die Einwanderungsstatistiken der Aufnahmeländer sind nur bedingt aussagefähig. Außerdem wanderten viele jüdische Flüchtlinge von ihrem ersten, oft nur dem Transit dienenden Aufnahmeland zu anderen Ziele weiter. Zu berücksichtigen ist etwa, dass die strenge Quotenregelung der USA, die pro Jahr nur etwas mehr als 27.000 Deutschen die Einreise erlaubte, oft Umwege über andere Länder nötig machte. Schließlich stammen die auf einzelne Länder bezogenen Zahlen aus oft sehr unterschiedlichen Quellen, wobei auch die Quellenlage von Land zu Land nicht immer vergleichbar ist.
Zwischen 1933 und Ende 1937 sollen „nur“ etwa 130.000 Juden aus dem „Altreich“ ausgewandert sein, für die Jahre 1938 und 1939 wird die Zahl der aus Deutschland Geflohenen auf etwa 120.000 beziffert - die meisten von ihnen völlig mittellos.[3] Weitere Angaben gehen für den Zeitraum von 1933 bis 1939 von 247.000 jüdischen Auswanderinnen und Auswanderern aus, von denen allein bis zu 40.000 nach dem Novemberpogrom 1938 flüchten, darunter mehr als 15.000 bereits im Oktober abgeschobene polnische Jüdinnen und Juden. In den acht Monaten zwischen Januar 1939 und Kriegsbeginn kamen für das Gebiet des „Altreichs“ weitere etwa 80.000 hinzu. Danach gelang es bis zum Auswanderungsverbot im Oktober 1941 nur noch etwa 30.000 bis 35.000 von ihnen, aus dem Altreich, Österreich und dem Protektorat zu entkommen - rund 15.000 im Jahr 1940, etwa 7.500 im Jahr danach.[4]
Insgesamt wird man sich wohl dauerhaft mit einigen holzschnittartigen Angaben begnügen müssen. 1933 lebten etwa 500.000 „Glaubensjuden“ in Deutschland. Addiert man die nach den NS-Rassekriterien als jüdisch geltenden Menschen hinzu, kommt man auf eine Zahl von schätzungsweise 570.000. Herbert A. Strauss ermittelte eine Zahl von 278.500 deutschen Jüdinnen und Juden, die zwischen 1933 und 1943 das Land verlassen haben. Laut der „Enzyklopädie des Holocaust“ wurden etwa 200.000 Angehörige der jüdischen Bevölkerung im Reichsgebiet ermordet. Unter ihnen befanden sich auch jene, die in den europäischen Nachbarstaaten von der NS-Mordmaschinerie eingeholt wurden, denn eine im ersten Anlauf als gelungen erscheinende Emigration musste nicht zugleich auch bereits endgültige Sicherheit vor dem NS-Regime bedeuten. Von 98.000 deutschen Jüdinnen und Juden, die zuvor in andere Länder geflohen waren, fielen der Massenvernichtung schließlich mindestens 65.000 doch noch zum Opfer.[5]
Die folgenden Darstellungen zur Lage in den Aufnahmeregionen und in einzelnen Ländern befasst sich ausschließlich mit den Einreisebedingungen und der Lage der Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich, während die Situation der dort zuvor schon ansässigen jüdischen Bevölkerung unbeachtet bleiben muss. Es geht darum, einen Eindruck der „Welten“ zu vermitteln, in die die jüdischen Flüchtlinge unfreiwillig und zumeist ungenügend vorbereitet nach 1933 eintauchen mussten - „Welten“, in denen „sich Zug um Zug die Grenzen möglicher Zufluchtsländer schlossen, in der das Überleben von Visumbestimmungen, Einwanderungsquoten, Landungs- und Vorzeigegeldern, beruflichen Qualifikationen, Arbeitsgenehmigungen und nicht zuletzt von den politischen Gegebenheiten der Zielländer abhing“. Dabei handelt es sich ausdrücklich lediglich um eine skizzenhafte Darstellung.[6]