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Protektorat "Böhmen und Mähren"

Obwohl ihm Großbritannien, Frankreich und Italien im Münchner Abkommen in der Hoffnung, damit den Frieden zu retten, die Abtretung der mehrheitlich von Sudetendeutschen besiedelten Grenzgebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich zugestanden hatten, gab Hitler nur fünfeinhalb Monate später den Befehl zum Einmarsch deutscher Truppen in die sogenannte „Rest-Tschechei“. Nachdem sich die Slowakei tags zuvor für unabhängig erklärt hatte und damit de facto zum Vasallenstaat wurde, verkündete er am 16. März 1939 die Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“, das fortan als Bestandteil des „Großdeutschen Reichs“ galt. Es umfasste ein Gebiet von rund 49.000 Quadratkilometern mit rund 7,5 Millionen Einwohnern, von denen lediglich etwa 250.000 deutschstämmig waren. Die auswärtigen Beziehungen des Protektorats wurden künftig vom Deutschen Reich wahrgenommen, das auch die Aufsicht über das gesamte Verkehrs-, Post- und Fernmeldewesens übernahm. Der zum „Reichsprotektor“ ernannte Konstantin Freiherr von Neurath als Repräsentant des Deutschen Reichs war Hitler direkt unterstellt und konnte nur von ihm Weisungen entgegennehmen. Auch wesentliche Teile der Wirtschaft fielen direkt unter deutsche Kontrolle. Die von Kriegseinwirkungen weitgehend verschonten böhmischen und mährischen Gebiete boten dem NS-Regime optimale geographische und strategische Bedingungen für ihre Kriegsproduktion.

In Hitlers Expansionsplänen stellte dieser Schritt eine wichtige Etappe vor dem Angriff auf Polen und dem weiteren Vordringen nach Osten zu Gewinnung neuen „Lebensraums“ für das deutsche Volk dar. Vordergründig sollte das Protektorat eine autonome Verwaltung behalten, tatsächlich handelte es sich aber um ein völkerrechtswidrig annektiertes Besatzungsgebiet.

Ziel der deutschen „Schutzherrschaft“ war zunächst die schonungslose Ausbeutung der gut ausgebildeten tschechischen Arbeitskräfte, wirtschaftlichen Ressourcen und hoch entwickelten Industrie für die Rüstungsproduktion. Langfristig sollte die tschechische Nation ausgelöscht und die gesamte Region „germanisiert“ werden.

Aufgrund der Tatsache, dass es außerhalb der Reichweite von alliierten Luftangriffen lag, leistete das „Protektorat Böhmen und Mähren“ gezwungenermaßen bis fast zuletzt einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Kriegswirtschaft und diente andererseits als Evakuierungsgebiet, insbesondere im Rahmen der „Erweiterte Kinderlandverschickung“.

Bis Kriegsende kam es immer wieder zu Widerstandshandlungen Einzelner oder sogenannter Nationalausschüsse. Öffentliche Bekanntmachungen mit den Namen hingerichteter Saboteure wurden zur Abschreckung überall im Protektorat ausgehängt, in das aufgrund seiner Lage abseits des unmittelbaren Kampfgebiets immer mehr Rüstungsbetriebe und Lazarette verlegt wurden. Erst am 5. Mai 1945 begann in Prag ein vom kurz zuvor ins Leben gerufenen Tschechischen Nationalrat organisierter Aufstand gegen die deutschen Besatzer, an dem sich bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai circa 30.000 meist schlecht bewaffnete Prager beteiligten.

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