Kindertransporte (nach Großbritannien)
Das intensivste Mitgefühl der Weltöffentlichkeit und insbesondere in Großbritannien erweckten die von den Nationalsozialisten verfolgten Kinder. Angesichts der zunehmenden Brutalität der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland erklärte sich die britische Regierung unter dem Eindruck des Novemberpogroms Ende 1938 bereit, bis zu 10.000 allein reisende Flüchtlingskinder Aufnahme zu gewähren. Es war insbesondere das British Jewish Refugee Committee - heute als World Jewish Relief bekannt -, das nach 9. November 1938 mit Hilfe zahlreicher Organisationen und Einzelpersonen die Rettung dieser Heranwachsenden initiierte und ermögliche.
Die Kinder im Alter zwischen 14 und 17 Jahren wurden in ihren Heimatländern durch jüdische Organisationen ausgewählt, die mit London in Verbindung standen und die „Kindertransporte“ koordinierten. In England wurden die Kinder zunächst in Lager aufgenommen und dann an Gastfamilien oder Kinderheime im ganzen Land verteilt. Tausende jüdische wie nichtjüdische Familien, unter anderem die Familien zweier zukünftiger Premierminister, James Callaghan und Margaret Thatcher, nahmen jüdische Kinder auf.
Bis September 1939 waren auf diese Art und Weise tatsächlich nahezu 10.000 Jugendliche nach Großbritannien gekommen. Die meisten von ihnen sollten ihre Eltern nie wiedersehen. Viele von Ihnen wurden britische Staatsbürger und traten im Laufe des Krieges in die britische Armee ein. Nicht wenige waren dann 1944/45 an der Befreiung ihres ehemaligen Vaterlandes vom NS-Regime aktiv beteiligt. Die Mehrheit blieb auch nach Kriegsende in Großbritannien, andere gingen nach Israel bzw. in die USA und eher wenige kehrten in ihre Heimatländer zurück.
Aber selbst in jenen Fällen, in denen die Eltern oder andere Familienangehörige Holocaust und Krieg überlebten, war es für deren zuvor emigrierte Kinder nicht leicht: die Trennung in prägenden Jahren und der Verlust der Muttersprache führten oft zu irreversibler Entfremdung. Bis heute erinnern sich viele von jenen, die damals mit einem „Kindertransport“ nach Großbritannien kamen, mit eher gemischten Gefühlen an ihre frühen Jahre in England. Es war eine prägende Phase ihres Lebens, die sie nach der gewaltsamen Trennung von ihrer Familie oft auf sich allein gestellt in einer fremden, nach Kriegsbeginn zuweilen auch feindseligen Umgebung hatten durchleben und bestehen müssen.