Orte - Eine Einführung
Vertraute Orte sind für Menschen und deren soziale Einbindung von großer Bedeutung. Sie können Geborgenheit vermitteln und die Möglichkeit eröffnen, einem manchmal beschwerlichen Alltag zu entfliehen. Aus solchen Erkenntnissen entsprang das Konzept der „Topophilie“, unter der eine positive psychische Ortsverbundenheit verstanden wird, dem die „Topophobie“ als negative Ortsbeziehung gegenüber steht. So wie Orte also psychisches Wohlbefinden schaffen und vermitteln können, kann der Entzug vertrauter und geliebter Lokalitäten eben auch das genaue Gegenteil nach sich ziehen. Insbesondere mit dem zweiten Aspekt sah sich zwischen 1933 und 1945 die jüdische Bevölkerung in Deutschland und ab 1939 auch jene im von deutschen Truppen besetzten Europa konfrontiert.
Trotz aller Diskriminierung und Ausgrenzung war den jüdischen Familien während der ersten Jahre der NS-Herrschaft immerhin noch die Möglichkeit geblieben, sich in ihre Wohnungen und die Einrichtungen der Synagogengemeinde zurückzuziehen, um zumindest dort ihre Zeit ohne unmittelbare Beeinträchtigungen zu verbringen. Das änderte sich in einem ersten dramatischen Schritt mit dem Pogrom im November 1938 und der Zerstörung der Synagogen und Bethäuser als religiöser Zentren, zahlreicher öffentlicher Einrichtungen, Geschäften und Wohnungen. Danach folgten in schneller Folge immer neue räumliche Verluste und Einschränkungen. Häuser mussten verkauft und Wohnungen verlassen werden. Mit der Einrichtung von Gettohäusern wurde der jüdischen Bevölkerung zunehmend das Bestimmungsrecht über ihre Aufenthaltsorte genommen, was in der Internierung in menschenunwürdigen Unterkünften unmittelbar vor den Deportationen gipfelte.
Auf die Wegnahme der Orte folgte eine Unterbringung in weitgehend entmenschlichten Stätten. Hierbei handelte es sich in erster Linie um die zahlreichen, in den von deutscher Seite besetzten Gebieten des europäischen Osten eingerichteten Gettos, wo ungezählte Jüdinnen und Juden zusammengepfercht unter unvorstellbaren Bedingungen hungerten und starben. Das Wissen über die dort herrschenden Zustände verbreitete sich trotz aller Geheimhaltungsversuche auch unter den zunächst Zurückbleibenden und löste bei ihnen - mehr als begründete - tiefgreifende Ängste und Verzweiflung aus. Wer dann die in den Gettos durchlittenen Torturen überlebt hatte, wurde schließlich an jene Orte gebracht, die ausschließlich dem Töten dienten und in aller Eile eigens hierzu eingerichtet worden waren. Die großen Vernichtungslager waren für die meisten der zum Abschluss ihrer jahrelangen Verfolgungen und Entwürdigungen dorthin Deportierten dann Höhe- und Endpunkt ihrer Leiden zugleich, denn nur die wenigsten von ihnen überlebten.
Auf jene, denen früh genug die Auswanderung geglückt war, warteten hingegen Orte des Neuanfangs und der - oft nicht erfüllten - Hoffnungen, die deshalb auch beileibe nicht immer zur neuen Heimat wurden. Unter oftmals schweren Bedingungen mussten diese Emigrantinnen und Emigranten hier ihren Lebensunterhalt verdienen und in den meisten Fällen zugleich weitgehend hilflos das Schicksal und schließlich den Verlust zahlreicher Familienmitglieder, Verwandter und Freunde miterleben, durchleiden und verarbeiten. Unter solchen Voraussetzungen war zumeist auch das Leben der Auswanderer mehr als beschwerlich und ihre jeweiligen Ziele wurden - wenn überhaupt - nur langsam zu Orten, an denen sie sich zumindest in Teilen auch wieder wohl und ein Stück weit geborgen fühlen konnten.