Vater berichtet über ND-Feier
Karl Pass aus Köln-Ehrenfeld richtete am 31. Januar 1934 folgendes Schreiben an den Kölner Erzbischof Schulte:
„Die Ritterweihe der Neudeutschen am Sonntag den 28. Jan. in der Apostelkirche gibt mir Veranlassung Ihnen Folgendes mitzuteilen:
An dem Sonntage war ich mit meiner Gattin und meinen beiden Jungen, die Neudeutschland angehören, ebenfalls in der Apostelkirche, Gegen 20 vor 4 Uhr kamen wir gemeinsam dort an und sahen an der Kirche die Hitler-Jugend, die sofort das Gefühl auslösten, dass hier eine Provokation stattfinden würde. Ohne uns jedoch aufzuhalten gingen wir in die Kirche. Während der Feier wurde die Hitler-Jugend lärmend, da ein Wagen mit Fanfaren sich öfters bemerkbar machte, anscheinend um die Feier zu stören. Nach Beendigung der Feier gegen 20 vor 6 Uhr ging ich mit meiner Familie gemeinsam zur Mittelstraße, wartete einige Augenblicke am Rheinischen Braunkohlen-Syndikat und sah die HJ eine Stellung einnehmen, die sofort verriet, dass nunmehr ein Überfall stattfinden würde. Um nun nicht dazwischen zu geraten, ging ich weiter und als ich kurz vor der Pfeilstraße war, ging vor mir ein Neudeutscher mit 2 leeren Fahnenstangen. Da ertönte ein Pfiff und die HJ stürmte auf den Neudeutschen los, um ihm die Fahnenstangen zu entreißen. Da ich dies für ungerecht hielt, habe ich den HJ zurückgedrängt, wodurch der ND laufen gehen konnte. Die Schutzmannschaft, das muss zu deren Ehre anerkannt werden, hat das Unrecht des Angriffs eingesehen und auch energisch die HJ zurückgewiesen. Das umstehende Volk war über diese Handlungsweise der HJ empört und gab auch seiner Empörung Ausdruck mit den Worten: das sind ja Banditen und Strolche, wenn das Volk in 3 Jahren ohne Maulkorb sprechen kann, würde dies auch zum Ausdruck kommen. Ich habe am Montag bei der Redaktion des Lokal-Anzeigers vorgesprochen und um eine entsprechende Darstellung des Vorfalles gebeten, jedoch musste man diese ablehnen, weil sonst mit einem Verbot der Zeitung zu rechnen sei. Die Darstellung des Westdeutschen Beobachters ist vollständig unrichtig, denn die Neudeutschen sangen weder noch verteilten sie Druckschriften noch waren entrollte Fahnen zu sehen. Die HJ, die sich in der Mittelstraße wie Banditen benommen haben, hätten bestraft werden müssen, d.h. diejenigen, die sich besonders hervortaten.
Wenn die katholischen Verbände zufolge des Konkordats erlaubt sind und vom Führer des Deutschen Reiches anerkannt sind, dann dürfen unter keinen Umständen untergeordnete Organe dagegen arbeiten noch viel weniger darf sich m. E. die HJ eine Exekutivgewalt anmaßen.
Im nächsten Monate sollen die Ausführungsbestimmungen wegen den katholischen Jugend-Verbänden, soweit ich unterrichtet bin, festgelegt werden und ich gebe der Hoffnung Ausdruck, dass die Verhandlungen alsdann ein solches Resultat zeitigen, die solche bedauerliche Vorkommnisse ausschalten werden.“