Bonner Schulen berichten über Staatsjugendtag
Im Dezember 1934 schicken die Bonner Schulen Erfahrungsberichte über den Staatsjugendtag an Kreisschulrat Esterhues.
Die Schule Endenich schreibt:
„1. Gegen den Fähnleinführer ist nichts einzuwenden. Er führt die Jugend in Zucht und Ordnung.
2. Die Heimabende werden zuweilen samstags nachmittags abgehalten. Dann wissen namentlich die Jungen nicht, wie und wo sie den Morgen verbringen sollen. Einige kommen dann zur Schule. Das gleiche war der Fall, wenn am Nachmittage nur eine Schwimmstunde angesetzt war.
3. Ist schlechtes Wetter, so halten einige Eltern ihre Kinder vom Antreten zurück.
4. Ein Junge hat sich einige Zeit an den Wanderungen des Jungvolkes nicht mehr beteiligt, weil er an einem Samstage bis auf die Haut nass geworden war.
5. Mehrere Jungenswaren die Anstrengungen auf der Wanderung zu groß. Es ist vorgekommen, dass das Jungvolk von morgens 9 Uhr bis abends 6 Uhr auf Tour war.
6. Ein Junge wurde von seinem Vater vom Antreten zurückgehalten, weil er ihm bei der Arbeit helfen muss.
Die Punkte 1, 2 u. 3 gelten auch für die Jungmädel.“
Die Nordschule berichtet:
„Wenn in vereinzelten Fällen Angehörige des Deutschen Jungvolks oder der Deutschen Jungmädelschar am Samstag zur Schule kommen, so gaben sie in der Regel an, sie seien von den Eltern wegen schlechter Witterung oder Kränklichkeit geschickt worden.
Fälle, dass die Führer-, Heim- oder Organisationsfragen als Grund angegeben werden konnte, sind von der Nordschule nicht bekannt geworden.“
Aus der Marienschule wird gemeldet:
„Die früher berichteten Fälle, dass Schüler des J.V. oder Schülerinnen des B.D.M. an den Veranstaltungen des Staatsjugendtages nicht teilnahmen und statt dessen die Volksschule besuchten, waren zurückzuführen auf:
- Angst vor Kälte vonseiten des Schülers,
- Verbot der Eltern zu wandern,
- Beurlaubung durch den Jungvolkführer bzw. Führerin wegen ungehörigen Betragens,
- Krankheit des Führers bzw. Führerin,
- Veranlassung der Eltern, um den Nachmittag für Geschäftsgänge frei zu bekommen für den Schüler
- Schuhmangel,
- Fehlen einer Nachricht des Antretens.
Zu 1., 2., 5. Wer mittut, sollte auch ganz mittun.
Zu 3. Dem Führer müssen andere Mittel zur Verfügung stehen, gegen Disziplinlosigkeit, als dass er sagt: ‚Du bist für 4 Wochen ausgeschlossen und hast in die Schule zu gehen.‘
Zu 4. In solchen Fällen muss für Vertretung gesorgt werden.
Zu 6. In solchen Fällen müsste NSV einspringen.
Zu 7. Grund ist mangelnde Organisation.
Im Allgemeinen ist zu sagen, dass viel schärfere Kontrolle durch die Jugendführer erfolgen muss. Jedenfalls muss verlangt werden, dass beim Antreten jeder zur Stelle ist, wenn er nicht sehr krank ist.“
Aus der Remigiusschule ist zu hören:
„1) In der ersten Zeit (Oktober) wagten es unsere Schülerinnen aus Kl IIb (Jungmädel) nicht anzutreten. Frl. Becker traf sie draußen und verwarnte sie ernstlich. Seitdem haben wir kaum weitere Beobachtungen gemacht.
2) Knaben aus III a blieben dem Jungvolk fern, kamen aber zum Unterricht, auf Wunsch der Eltern; ich wies sie zum Jungvolk.
3) Zwei Schüler meiner Klasse brachten einen Urlaubsschein; der eine beantragte Urlaub wegen Kränklichkeit; zu hohe Anforderungen an körperliche Leistung; der andere, um im Unterricht einzuholen.“
Die Südschule schreibt:
„Verschiedene Jungen u. Mädel geben an, sie hätten mehrmals keinen Bescheid bekommen u. hätten deswegen am Staatsjugendtag nicht teilgenommen; sie hätten immer neue Führer im JV.
In einigen Fällen war der Führer bzw. die Führerin durch Krankheit oder anderweitige Inanspruchnahme (Vorbereitungsarbeiten für das Turnfest, Aufenthalt im Arbeitslager, Fahrt nach Eitorf) verhindert.
In einem Fall war die Mutter zu ängstlich, das Mädchen an der Fahrt nach Köln (Gauparteitag 13.10.) teilnehmen zu lassen; Jungmädel kamen an diesem Tage zur Schule, andere blieben einfach zu Hause.
Oft endete der Dienst am Staatsjugendtag im JV zwischen 1 und 2 Uhr u. in der JM zwischen 12 und 1 Uhr mittags, so dass der Nachmittag also dienstfrei war.
Einige Knaben haben den Staatsjugendtag […] regelrecht geschwänzt.“
Aus der Schule in Dransdorf wird berichtet:
„Die Leitung des Volkvolks liegt, seit Herr Hilfslehrer Henseler die Führung übernommen hat, hier in guten Händen. Worher war es lieder nicht so. Besonders wurde zuweilen versucht, die Schulordnung zu stören.
Seitens der Führung der Jungmädelschar ist das Verhalten der Schule gegenüber jetzt auch viel besser als zuvor. Für die Zusammenarbeit mit der Schule wäre es sehr zu begrüßen, wenn noch mehr junge Lehrer und Lehrerinnen die Führung in Händen hätten. Schule und Jugendorganisationen müssen unbedingt Hand in Hand arbeiten, wenn Ersprießliches geleistet werden soll.
Anfangs kam zuweilen eine größere Zahl Kinder, die den Jugendverbänden angehörten, am Staatsjugendtag zur Schule; in letzter Zeit aber nur wenige. Nach den Feststellungen, die wir Lehrpersonen machten, geschah das aus folgenden Gründen:
1.Wenn schlechtes Wetter war, ließen manche Eltern die Kindern nicht zum Dienst, sondern schickten sie zur Schule. Zuweilen wollten auch die Kinder selbst lieber zur Schule kommen. Dieser Grund ist auch eine Heimfrage. Beiden Jugendorganisationen fehlt es an einem ordentlichen Heim.
2. Der Samstag ist ein Tag, an dem die Eltern die Kinder zu allerhand häuslichen Arbeiten heranziehen, besonders die Mädchen. Die Spielstunden sind um 4.10 Uhr zu Ende, während der Dienst in den Verbänden bis 6 Uhr dauern soll. Aus diesem Grunde wurden auch die Kinder schon mal lieber zur Schule geschickt.
3. Wir haben festgestellt, dass hier noch ein anderer Umstand eine Rolle spielt, nämlich die Versorgung der Kinder mit Proviant bei den Tageswanderungen. Manche Eltern sagen, die Versorgung der Kinder mit Butterbroten koste bedeutend mehr als die Verpflegung zu Hause. Ohne gute Verpflegung wollen die Eltern die Kinder an der Wanderung nicht mitmachen lassen.
Es sind auch schon Versuche gemacht worden, Dienst und Schulunterricht zu schwänzen. Unsere genaue Kontrolle hat diesen Versuchen aber bald ein Ende gemacht.“
Die Evangelische Schule in Poppelsdorf schreibt:
„An der Popp. ev. Schule wurde seinerzeit die strikte Anweisung gegeben, alle Kinder über 10 Jahre, die dem JV bzw. dem BDM angehörten, am Staatsjugendtag vom Unterricht zurückzuweisen. Trotzdem kamen fast jeden Sonnabend Kinder zum nationalpolitischen Unterricht, wie Fräulein Abersmeyer heute berichtete. Ich gebe […] die Gründe an:
1) Die Kinder waren nie benachrichtigt worden. […]
2) Kinder hatten erst nachmittags Dienst, kamen darum morgens zum nationalpolitischen Unterricht. […]
3) Gesundheitlich zarte Kinder erhielten von den Eltern nicht die Erlaubnis, bei schlechtem Wetter anzutreten. […]
4) Kinder hatten sich beim Dienst am Staatsjugendtag so erkältet, bzw. waren so überanstrengt, dass sie Sonntags, Montags und Dienstags zweimal hintereinander das Bett hüten mussten. […]
5) Ein Junge erklärte, er hätte keine Lust, die (JVI könnten bei dem dreckigen Wetter allein auf den Berg gehen. […]
6) Der JV-Führer (Herr van den Driesch) hatte ungezogene Knaben gemaßregelt und sie zur Strafe in die Schule geschickt. […].“
Aus der Hindenburgschule ist zu hören:
„Über die Nichtteilnahme von Kinder des Jungvolks und der Jungmädelschar an Veranstaltungen dieser Verbände wird berichtet:
Aus allen Klassen sind vereinzelt Kinder Samstags in der Schule erschienen. Als Grund dafür geben sie an:
a.Verhinderung des Scharführers oder der Scharführerin durch Krankheit,
b. anderweitige Verhinderung (z.B. Teilnahme des Führers oder der Führerin an Schulungslagern)
c. Ausfall des Dienstes an den Vormittagen, Antreten erst für den Nachmittag angesetzt.
Es waren meist die besten Schüler und Schülerinnen, die in solchen Fällen freiwillig zur Schule kamen. Allgemein wurde von den Mädchen darüber geklagt, die Benachrichtigungen, dass nun Dienst sei, käme meistens zu spät, sodass sie sich auf den Weg zur Sammelstelle begeben hätten und hier erst erfuhren, dass der Dienst ausfalle. Aus diesem Grund haben in zwei Fällen Eltern ihre Kinder aus der Jungmädelschar abgemeldet.“
Aus der evangelischen Schule Bonn-Süd heißt es:
„1. Feststellungen in der Schule
In letzter Zeit häufen sich die Fälle, dass Eltern ihre Kinder vom Staatsjugendtag fernhalten und sie statt dessen zur Schule schicken. In Befolgung der in der letzten Schulleiter besprechung erhaltenen Anweisung habe ich gestern nicht weniger als sechs Kinder der Oberstufe nach Hause geschickt. Von ihnen hatten sich drei Mädchen auf längere Zeit von der Teilnahme am Staatsjugendtag befreien lassen; zwei unter Beibringung ärztlicher Atteste, das dritte auf schriftlichen Antrag der Eltern hin. Zwei Knaben vom ‚Fähnlein Schill‘ erklärten nicht zu wissen, ob Dienst angesetzt sei. Ein weiterer Junge, der bereits zur Hitler-Jugend gehört, behauptete, Samstags den Tag über frei zu sein, dagegen jeden Werktag abends von 8-10 Uhr antreten zu müssen.
Aus dem 4. Schuljahr gehören sieben Kinder zum Jungvolk. Obwohl sie 10 Jahre alt sind, erschienen bisher fünf von ihnen regelmäßig zum Samstagunterricht, und zwar handelt es sich bei vieren um Kinder, die Ostern zur höheren Schule wollen. Die Eltern haben ausdrücklich gewünscht, die Kinder auch Samstags zum Unterricht schicken zu dürfen. Andere Eltern haben ihre Kinder gar nicht erst zum Jungvolk angemeldet, weil sie sie nicht dem Samstagunterricht entziehen wollen.
Aus dem Kollegium hat nur ein Mitglied direkte Beobachtungen über den Betrieb des Staatsjugendtages machen könne, und zwar bei Gelegenheit des Spielnachmittags, den er auf dem Venusberg abzuhalten pflegt. Der Kollege hat dabei wiederholt feststellen müssen, dass Gruppen des Jungvolks sich ohne Aufsicht im Walde umhertrieben, auf die Bäume kletterten, Feuer anzündeten, unbeschäftigt herumlungerten, auch bei ungünstiger Witterung auf dem Boden lagerten, sich nach Belieben entfernten usw. Nur sehr selten hätte er ein geordnetes Spiel oder eine vernünftige Übung beobachtet.
2. Stellungnahme der Eltern
Die Eltern drücken sehr häufig ihre Unzufriedenheit darüber aus, dass die Kinder am Staatsjugendtag weder angemessen beschäftigt noch ausreichend beaufsichtigt werden. Besonders sei auch die Gestaltung der Heimabende oft sehr unbefriedigend. Eine Mutter, deren Verständnis für erziehliche Fragen ich kenne, gibt den Bericht ihres zehnjährigen Töchterchens wie folgt wieder:
Beim Antreten haben wir sehr lange warten müssen, weil die Führerinnen nicht da waren. Als sie endlich kamen, mussten wir sehr lange stillstehen. Dann sind wir ins Heim gegangen. Das war aber schon von einer anderen Gruppe besetzt. Für uns waren keine Sitzplätze mehr da, wir mussten an den Wänden stehen. Als wir singen sollten, ging das nicht, weil der Krach zu groß war. Schließlich sind wir nach Hause geschickt worden. Es war sehr langweilig. Die Mutter fügte hinzu, das Kind sei völlig ermüdet und verärgert heimgekommen.
Ein zwölfjähriger Schüler äußerte sich seinen Eltern gegenüber auf Befragen:
Wenn die älteren Führer da sind, dann ist es immer sehr nett. Es wird vorgelesen, gespielt, gesungen oder irgendetwas Interessantes besprochen. Wenn aber die unteren Führer mit ihren Gruppen allein sind, dann gibt es immer Krach und Getobe. Vorlesen und Spielen ist dann unmöglich. Die meisten Jungens machen dann einfach nicht mit.
Meine eigenen Jungens kommen eines Tages in heller Aufregung und regerecht zerzaust aus dem Heimabend zurück. Es hatte sich eine förmliche Saalschlacht zwischen zwei Gruppen abgespielt. Die eine Gruppe hatte der anderen die Fahrräder versteckt und die Luft aus den Schläuchen gelassen. Darob große Keilerei, die mit Fäusten und verknoteten Schulterriemen ausgefochten wurde. Später ruft ein Vater bei mir an und beschwert sich, mein Ältester hätte seinen Jungen durch einen Faustschlag gegen die Kehle ernstlich in Gefahr gebracht. Als ich meinen Jungen zur Rede stelle, gibt er die Keilerei zu, kann aber nicht angeben, mit wem er sich herumgeschlagen hatte. Alles hätte sich in einem Knäuel streitender Jungens abgespielt.
Vor längerer Zeit beklagten sich wiederholt Eltern, dass die Kinder durch ausgedehnte Wanderungen überanstrengt würden. Folgendes Erlebnis meiner zehnjährigen Tochter gibt sehr zu denken. Das Kind musste morgens 8 ½ Uhr zu einer Wanderung in den Kottenforst antreten. Mittags wurde es plötzlich von sehr heftigen Leibschmerzen befallen. Die Führerin redet ihr gut zu und gibt ihr nach ihrer Darstellung ein Brausepulver. Dann schleppt sich das Kind von Bank zu Bank weiter und kommt nachmittags um 5 ½ völlig erschöpft zu Hause an. Wir stellen über 40 Grad Fieber fest, rufen den Arzt, das Kind wird noch in derselben Nacht wegen einer akuten Blinddarmentzündung operiert. Die Führerin hatte die Gefährlichkeit der Situation überhaupt nicht erkannt.
Am selben Tage kam ein Mädchen der nächsten Nachbarschaft mit gebrochener Hand von einer Übung zurück. Es war von einem Baum heruntergefallen.
Alles in allem lässt sich wohl sagen, dss die Führer der kleineren Gruppen ihren Aufgaben durchweg nicht gewachsen sind. Dem geben übrigens auch die Kinder selbst Ausdruck, indem sie mit einer gewissen Geringschätzung erklären: unsere Führer sind ja noch selbst Kinder. Gelegentlich hat mir eine Führerin bei der Unterhaltung über diese Dinge geantwortet: ‚Wir müssen diese Arbeit natürlich auch erst lernen. Das wird schon besser werden.‘ Auf meine Frage, ob sie für die neuen Aufgaben irgendwelche Anleitung erhielten, bekam ich eine ausweichende Antwort.
Schließlich wäre noch zu erwähnen, dass mitunter sich widersprechende Befehle ausgegeben werden, so dass die Kinder nicht wissen, was sie nun tun sollen. Oft kommen die Befehle auch so spät an, dass sie nicht mehr alle Kinder einer Gruppe erreichen. Sehr unerfreulich ist es, dass sich mitunter die einzelnen Führer gegenseitig befehden und diesen Streit in Briefen an die Eltern auszutragen suchen. Vor längerer Zeit sind mir solche Briefe durch die Post zugegangen.“
Die Münsterschule schreibt:
„An die Lehrenden der drei oberen Klassen habe ich strengste Weisung ergehen lassen, keinen Schüler u. keine Schülerin, die am Staatsjugendtag teilzunehmen habe, in den Samstagsunterricht der Schule zu übernehmen, wenn nicht eine ausdrückliche schriftliche Willenserklärung des Erziehungsberechtigten und das Einverständnis der HJ vorliegen. […]“
Die Karlschule meldet:
„Aus folgenden Gründen erschienen in der Schule statt zum Dienst:
I.Organisationsfragen: Keinen Befehl zum Antreten […] 18
II. Unzufriedenheit mit dem Führer: 6
III. Wegen Verspätung beim Antreten: 1
IV. Wegen schlechten Wetters: 5
V. Aus gesundheitlichen Gründen: 10 (Auf Wunsch der Eltern)
VI. Wegen unzureichender Kleidung: 11 (Auf Wunsch der Eltern)
VII. Auf Wunsch der Eltern ohne bes. Begründung: 3
VIII. Fehlen der Uniform: 1
Weiterhin ist auffallend, dass an Samstagen, an denen die Schule Geländedienst (Kriegsspiel, Schnitzeljagd, Theatervorstellung) ansetzt, die Zahl der in Frage kommenden Schüler besonders hoch ist. Am 1.12. wurden in einer Klasse 10 (von 25) festgestellt, bei der Wallenstein-Vorstellung erschienen zwei Mädchen in der Schule, die nicht zum Dienst gingen.
Weder zur Schule noch zum Dienst gingen, soweit festzustellen war, zwei.“
Aus der Evangelischen Karlschule heißt es:
„Der Schüler Marquart […], aus Kl. Ia sagt folgendes aus:
‚Wir haben Samstags nie Dienst, sondern nur Sonntags, weil unser Führer, Leo Richard, Samstags nicht frei ist. Ich bin einmal […] am Samstag in der Schule gewesen und habe an dem Unterricht der nicht HJ teilgenommen.‘
Zu dieser Aussage bemerke ich, dass der Schüler M. ein sehr zuverlässiger Junge ist; sein Vater ist Polizeibeamter. Die Schüler meiner Klasse, Debus und Scheiffgen, haben einmal Samstags mit der nicht HJ eine Wanderung gemacht, weil sie keinen Dienst hatten.
Herr Dr. Kircher, Geschäftsführer ds NSLB, sah verschiedentlich am Samstag Schüler unserer Schule vom JV, die sich in der Stadt herumtrieben, ‚weil sie keinen Dienst hatten‘. Ich nehme an, dass sich einige derselben vom Dienst gedrückt haben. Nach dieser Beobachtung hat es Herr Dr. Kircher geduldet, dass etwa sechs Hitlerjungen an einer Wanderung der nicht HJ teilgenommen haben. Außerdem sind in etwa sechs Fällen Kinder der HJ Samstags zur Schule gekommen, weil die Eltern glaubten, dass sie nach schwerer Krankheit den Anforderungen des Reichsjugendtages nicht gewachsen seien.
Die Schülerin Käte V. wurde von der Führerin drei Wochen wegen Ungezogenheit aus dem JM verwiesen, mit dem Auftrag, die Schule zu besuchen. […]
Die Führerinnen L., N. und H. haben angeordnet, wenn ein Mädchen ihrer Gruppe aus irgendeinem Grund den Hitlerdienst nicht mitmachen kann, dass es dann die Schule besuchen müsse. Dies ist in etwa fünf Fällen geschehen. Die Schülerin Marte B. wurde von der Führerin D. für den Winter beurlaubt, weil sie keine Uniform hat. Eine andere Führerin, Marianne G., ist berufstätig und kann am Samstagmorgen ihre JM nicht betreuen.
Ich habe angeordnet, dass in Zukunft kein Kind des JV und der JM am Samstag die Schule besuchen darf.“
Die Schule in Dottendorf gibt an:
„Ist am Staatsjugendtag schlechtes Wetter, so finden sich regelmäßig einige Mädchen in der Schule ein, denen die Eltern befahlen, wegen Regens oder Kälte den Dienst bei der Hitlerjugend nicht mitzumachen. Sie wurden zum Unterricht zugelassen, wenn sie von der Führerin beurlaubt waren.
Es ist nachweislich einmal vorgekommen, dass beim Jungvolk der Führer verhindert war und darum seine Gruppe dienstfrei blieb. Es ist ferner vorgekommen, dass den Jungen gestattet wurde, Fußball zu spielen, was dazu führte, dass im Schulbezirk die Meinung aufkam, die Schule unterstütze diese Art der Jugendbeschäftigung in einer Zeit, die für den Unterricht oder nationalpolitische Schulung bestimmt ist. Es kann dadurch ein falsches Licht auf die Schule und deren Auffassung von Pflicht und Arbeit fallen.
Es scheint […] den jungen HJ-Führern schwer zu fallen, an Regentagen die Stunden staatskundlich auszunutzen. Ich gestatte mir den Vorschlag, die HJ-Führung möge sich an den Tagen, wo wegen des Wetters ein Dienst draußen unmöglich ist, mit der Schulleitung in Verbindung setzen, damit sich der Schulleiter oder jemand aus dem Lehrkollegium zu einem Schulungsvortrag auf 1-2 Stunden bereithält. Das lässt sich einrichten, wenn die HJ zur dritten Stunde bestellt wird.
Es darf unter keinen Umständen aus dem Staatsjugendtag ein freier oder verbummelter Tag entstehen. Das liegt nicht im Sinne der Charakterschulungsarbeit der heutigen Zeit.“
Die Katholische Karlsschule schreibt im Januar 1935:
„Für Versäumnis der ordnungsmäßigen Teilnahme an dem bezeichneten Staatsjugendtag [12.1.1935] gibt die hier folgende Aufstellung die von den Schlern angegebenen Gründe und die entsprechenden Zahlen der Schüer:
I.Organisation
a)Kein Befehl zum Antreten: 3
Bemerk: In einem weiteren Falle war der Befehl unklar, so dass der Schüler seine Gruppe verfehlte.
b) Noch kein Ausweis: 11
c) Neu zugezogen und noch nicht überwiesen: 2
Bemer: 7 Knaben gehören bereits der HJ im engeren Sinne an, sind also für den Unterricht frei.
II. Unzufriedenheit mit dem Führer: 1
III. Krankheit: 8 (davon 1 Schüler nach seiner Aussage beim Fähnlein entschuldigt)
IV. Ungünstige Witterung: 5
Bemerk: 1)3 Schülerinnen kamen wegen kalten Wetters zunächst zur Schule, haben aber dann – von der Lehrerin zurückgeschickt – am Staatsjugendtag noch teilgenommen.
2) Auch bei 5 Schülern der Klasse Iva ist wohl ‚kaltes Wetter‘ als Grund anzunehmen. Im übrigen haben viele Eltern dieser Klasse, die als Regel 9-10-jährige Schüler hat, erklärt, sie wünschten die Teilnahme ihrer Kinder am Staatsjugendtag erst im folgenden Jahre, da der Stundenplan dieser Klasse den Staatsjugendtag noch nicht vorsehe.
V. Mangel an entsprechender Kleidung: a) keine guten Schuhe: 3
b) das Braunhemd in der Wäsche: 2
VI. Unentschuldigte Versäumnisse: 6
Bemerk: 1)Der Staatsjugendtag wird mit großer Wahrscheinlichkeit von einigen Schülern zum Schwänzen missbraucht.
2) Bei einem Schüler wurde festgestellt, dass er noch nie am Staatsjugendtag teilgenommen hat, ebenso wenig aber zur Schule gekommen ist. Der Schüler wurde – wie ich höre – an diesem Tage immer zu häuslichen bezw. gewerblichen Arbeiten herangezogen, wie auch sonst bei ihm unentschuldigte Schulversäumnisse aus diesem Grunde öfter vorgekommen sind.“