Auseinandersetzungen zwischen HJ und Staat in Minden
In Minden kommt es im April und Mai 1934 zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Stellen und HJ, die durch Vorfälle und Verhalten der HJ ausgelöst werden, welche seitens des Staates als Ungehörigkeit und Provokation aufgefasst werden. Die Sache gelangt bis auf die Ebene von Regierungspräsidium und Gebietsführung und wird von dort sogar bis zur Reichsjugendführung weitergereicht. In der Folge kommt es zur Absetzung zweier höherer HJ-Führer.
Direkter Auslöser für die Auseinandersetzung sind zwei Vorkommnisse, die am 15. April und am 1. Mai 1934 in Petershagen bzw. Minden stattfinden.
Am 15. April 1934 kommt es zunächst zu einem tragischen Zwischenfall, als drei HJ-Angehörige, unter ihnen Unterbannführer Wilhelm von List, eine Abkürzung über das Grundstück des Landwirtes August Schnepel nehmen, um schneller zum städtischen Sportplatz zu gelangen, auf dem Übungen der HJ stattfinden. Schnepel, ein, wie es im Polizeibericht heißt, „ganz verkommener, im Übrigen aber durchaus harmloser Mensch“ möchte sich dies nicht bieten lassen und beginnt, die jungen Leute zu beschimpfen. Als sich diese nicht darum kümmern, geht er zu Ausdrücken wie „Schweinehunde“ und „Die Hitlerjugend ist eine Schweinebande“ über, woraufhin die Hitlerjungen Schnepel zur Rede stellen möchten. Schnepel schließt sich daraufhin in seinem Haus ein. Zur Klärung der Angelegenheit verständigen die Hitlerjungen den örtlichen Gendarmerieposten, der schließlich die Tür durch einen Schlosser öffnen lässt, da sich Schnepel nicht meldet und das Dienstmädchen die Befürchtung äußert, Schnepel könne sich etwas angetan haben. Tatsächlich wollte sich Schnepel aus Angst die Pulsadern öffnen, hat sich jedoch nur mit einem Küchenmesser eine Verletzung beigebracht, die durch einen Arzt verbunden werden kann. Für seine Äußerungen, die er in seiner Erregung gebraucht hat, bittet er um Verzeihung.
Obwohl es sich bei Schnepel offensichtlich um einen bedauernswerten Menschen handelt, wird der Vorfall von List am Nachmittag desselben Tages in eine Rede eingebaut, die er anlässlich der Beendigung des Reichsberufswettkampfs vor der angetretenen HJ, vor Eltern, Vertretern der Arbeitsfront, der Kreisleitung und der Behörden auf dem Adolf-Hitler-Platz in Minden hält. Hier instrumentalisiert er die Sache dafür, um seine Ausführungen über die „Spießer“ und „Schweinehunde“, die sich noch nicht an die „neue Zeit“ gewöhnt hätten, zu unterfüttern. Von der Rede fühlen sich viele der Zuhörer stark brüskiert, und der Bürgermeister von Minden verfasst dementsprechend am 21. April 1934 einen scharf formulierten Bericht an den Regierungspräsidenten:
„Die Ausführungen des Unterbannführers von List, der bereits am Sonntag zuvor zu Beginn des Berufswettkampfes von der gleichen Stelle sehr scharf gesprochen hatte, entsprachen nicht dem, was bei dieser Gelegenheit und vor den versammelten jugendlichen Hörern erwartet werden musste. Nationalsozialistische Gedankengänge waren es jedenfalls nicht, und die anwesenden Vertreter der Arbeitsfront und der Kreisleitung gaben ihrem Missfallen unverhohlen Ausdruck.
Von List beschäftigte sich in seiner Rede vor allem mit den ‚Spießern‘, die sich noch immer erlaubten, am Sonntagnachmittag ‚im Gipsverband‘ im Glacis spazieren zu gehen. Es würde noch einmal die Zeit kommen, in der sich niemand mehr das erlauben würde. Der Hinweis auf den ‚Gipsverband‘, womit der weiße Stehkragen gemeint war, war umso herausfordernder, als sowohl Herr Osten als auch ich selbst im weißen Kragen erschienen waren.
Von List fuhr dann fort, indem er eine lange Geschichte über einen Vorgang erzählte, der sich am gleichen Sonntagmorgen in Petershagen abgespielt haben soll, es gebe immer noch Schweinehunde, die sich nicht an die neue Zeit gewöhnen könnten, die es verdienten, an den Galgen gehängt zu werden, und die es nicht wert seien, dass die Sonne sie bescheine.
In Petershagen seien heute Morgen einige Hitlerjungen über einen Zaun geklettert. Der Besitzer des Grundstücks, den er verächtlich als ‚Bauer‘ bezeichnete, habe die Jungen mit Schimpfworten empfangen und von dem Grundstück vertrieben. Als die Jungen daraufhin die Polizei herangeholt hätten, um ihn für dieses sein ungehöriges Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen, sei der Bauer in sein Haus geflüchtet und habe die Haustür verschlossen. […] Durch das Fenster hätten sie dann festgestellt, dass der Bauer sich die Pulsadern durchschnitten hätte, um sich der verdienten Strafe für sein Verhalten zu entziehen. Von List bezeichnete es als feige und gemein, sich auf diese Weise der verdienten Strafe zu entziehen, und knüpfte daran entsprechende Bemerkungen über die Reaktion und über die Spießer.
Derartige Ausführungen müssen in den Köpfen der anwesenden Hörer, die meist noch kleine Kinder waren, und wohl weniger der Hitlerjugend als dem deutschen Jungvolk noch angehörten, Verwirrung anrichten. […]
Das Auftreten des Unterbannführers von List, der mit aufgekrempeltem Ärmel auf die versammelte Jugend einredete, unterschied sich nach Form und Inhalt in nichts von den Reden, wie sie früher von kommunistischer Seite gehalten wurden. Dieser Eindruck wurde auch nicht durch gelegentliche Ausfälle auf die früheren marxistischen Parteien verwischt.“
Der Eindruck, dass es sich bei List um einen verkappten Kommunisten handelt, wird durch den Bürgermeister kaum verhohlen noch mit Hinweis darauf unterfüttert, dass „von unbekannter Hand“ von der Rednertribüne ein schwarz-weiß-roter Streifen entfernt worden sei, so dass nur noch der darunter liegende rote Stoff sichtbar gewesen sei. Dass er hier die HJ und vermutlich namentlich List im Verdacht hat, wird dadurch bestätigt, dass der Bürgermeister erwähnt, dass am Vormittag des Tages ein Schüler angeblich im Auftrag der HJ (vergebens) den Abbau der Rednerbühne verlangt habe, da der Aufzug nicht so bedeutend sei.
Im weiteren Verlauf sammelt der Bürgermeister weiteres angeblich belastendes Material gegen List. So ergänzt er seinen Bericht vom 21. April in einem neuerlichen Schreiben an den Regierungspräsidenten in Minden vom 5. Mai 1934 mit Hinweisen auf das kommunistisch und kriminell geprägte familiäre Umfeld von List. Darin verweist er auf die vier Brüder Lists, die allesamt vorbestraft sind und sich kommunistisch betätigt haben bzw. Kontakt zu Kommunisten hatten. Daraus leitet er ab, dass Wilhelm von List, obgleich selbst nie Mitglied der KPD, „mannigfaltige Verbindungen mit den Kommunisten“ gehabt habe. Zudem listet er sämtlich Straftaten und Strafen der Brüder auf (darunter Bettelei, Diebstahl, Waffenmissbrauch und Vergewaltigung) und konstatiert [ohne jeglichen Beweis!]: „Der Unterbannführer Willi von List ist bisher nicht bestraft. Dass er wesentlich anders als seine vier Brüder veranlagt sein könnte, ist nicht anzunehmen.“
Wilhelm von List ist jedoch nicht der einzige Angehörige der Mindener HJ, der wegen angeblicher kommunistischer Betätigung ins Kreuzfeuer der Kritik der Mindener Behörden gerät. Betroffen sind auch Bannführer Kirchhoff, ein Handlungsgehilfe, der am 13. Februar 1912 in Hagen geboren wurde und seit dem 9. Januar 1934 für die Kreise Minden, Bückeburg und Stadthagen als Führer des Bannes 15 Minden tätig ist, sowie dessen Adjutant Ibrügger. Neben dem Vorwurf des Kommunismus spielt dabei immer auch das Verhalten der HJ-Führer eine Rolle, das von den Behörden als unangemessen und respektlos bewertet wird.
Als besonders belastend wird dabei von den Behörden ein Vorfall angesehen, der sich auf der Feier zum 1. Mai 1934 in Minden ereignet. Für den Tag ist durch einen Erlass des Reichsministers des Innern eine gemeinsame Feier der Volks-, Mittel- und Höheren Schulen vorgesehen, die in Verbindung mit der zuständigen Stelle des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda vorbereitet werden soll. Infolge dessen findet beim Mindener Regierungspräsidenten eine Besprechung mit dem Vizepräsidenten, dem Oberregierungs- und Schulrat Wentz, der zugleich Verbindungsmann zur HJ ist, dem Kreispropagandaleiter und dem Kreisobmann des NS-Lehrerbundes statt, um das Programm aufzustellen.
Demnach soll bis 8.30 Uhr ein Aufmarsch sämtlicher Schulen stattfinden, an den sich Reden von Schulvertretern anschließen sollen, welche zu einer Übertragung aus dem Lustgarten in Berlin überleiten sollen. Das Programm wird am 27. April 1934 mit dem Bannführer der HJ, Paul Kirchhoff, und der Ringführerin des BDM sowie sämtlichen Schulleitern der Stadt Minden durchgesprochen und auch in der Presse veröffentlicht. Kirchhoff teilt auf der Besprechung noch mit, dass am 1. Mai auch noch um 11 Uhr eine besondere Feier zur Ehrung der Sieger des Berufswettkampfes geplant sei.
An die Planung der Feier hält sich die HJ dann jedoch nicht, was ihr von den Behörden stark verübelt wird. Schulrat Wentz schildert den Vorfall in einem Bericht vom 8. Mai 1934 an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung folgendermaßen:
„Die von dem Höhenfeuer am 30. April gegen Mitternacht heimkehrenden Glieder HJ nebst Jungvolk und BDM teilten ihren Angehörigen mit, dass sie von ihren Führern den Befehl bekommen hätten, um 7 Uhr 30 in ihren Formationen geschlossen anzutreten und sich nicht bei ihren Schulen einzufinden. Die bei dem Höhenfeuer anwesenden Schüler mussten zu der Überzeugung kommen, dass die Anordnungen der Schulen inzwischen abgeändert seien, während die nicht anwesenden der richtigen Auffassung waren, dass dies nicht der Fall sei.
Dies hat bei vielen Schülern und Eltern zu schweren Gewissenskonflikten geführt, zumal die Drohung geäußert wurde, dass diejenigen, die der Weisung der Schule folgten und sich nicht bei den Formationen der HJ einfänden oder nicht in deren Verband blieben, als Feiglinge angesehen und ausgestoßen würden. So wurde es zu einer Kraftprobe gemacht, welcher Autorität die Kinder folgen würden. Dies wurde besonders offensichtlich dadurch, dass Unterführer den Befehl bekommen hatten, am Morgen des 1. Mai dafür zu sorgen, dass die nicht beim Höhenfeuer anwesenden Hitlerjungen und –Mädel auf dem Wege zur Schule abgefangen und dem Sammelplatz der HJ zugeführt würden.
Zu Beginn der Feier 8 Uhr 30 standen die Schulleiter und meine Vertreter vor der unangenehmen Lage, dass die Schulklassen, z.T. in schwacher Besetzung, auf der einen Seite des Festplatzes aufmarschierten und die HJ, JV und BDM auf der anderen Seite, erstere etwa ein Drittel, letztere zwei Drittel der Teilnehmer. Sie standen sich wie zwei Heerlager gegenüber; die Gemeinsamkeit der Schulfeier war zerrissen.
Die Schulleiter teilten mit, dass von der Führung der HJ über die neuen Befehle ihnen keinerlei Mitteilung gemacht war. Sie protestierten gegen diesen eigenmächtigen Eingriff in die Anordnungen der Schule, z.T. in größter Erregung. Es bedurfte energischen Auftretens der Vertreter der Behörde, um vor der Öffentlichkeit einen schweren Zusammenstoß und damit eine unheilbare Störung der Feststimmung zu verhüten.
Mein Vertreter traf die im Augenblick bei der gegebenen Lage zweckmäßige Verabredung mit dem Kreispropagandaleiter und dem Bannführer, dass außer den vorgesehenen kurzen Ansprachen der Schulvertreter auch dem Bannführer von den zwei von ihm für die HJ und den BDM geforderten Ansprachen eine kurze Ansprache nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Zeit zugestanden wurde, und dass nach Beendigung der Übertragung aus dem Lustgarten die Schulen abmarschieren und die Siegerehrung des Berufswettkampfes seitens der HJ sich anschließen solle.
Der Bannführer hat dieses Entgegenkommen zu einer so langen Rede benutzt, dass der Kreisobmann des NSLB, der die unmittelbare Überleitung zur Übertragung der Berliner Schulfeier vornehmen sollte, bereits im ersten Satze durch den Beginn der Übertragung unterbrochen wurde.“
Wentz hält das Betragen der HJ-Führer, „die doch zur Achtung vor der Staatsautorität erziehen sollen“, für „unerträglich“. Durch eigenmächtiges Vorgehen hätten sie die Anordnung des Ministers und das gemeinsam besprochene Programm sabotiert und dies sogar, obwohl der Reichsinnenminister noch am 30. April im Rundfunk betont habe, dass die Schüler gemeinsam marschieren sollten und keine Jugendorganisation, einschließlich der HJ, die Schüler aus den Schulgemeinschaften herausnehmen dürfte. Dies sei eine „bewusste Störung des Gedankens der Volksgemeinschaft“.
Um diesen Eindruck zu untermauern verweist Wentz zudem auf eine Mitteilung der Bannpressestelle über die Maifeier, in der ein „sehr bedenklicher Gegensatz zwischen Jungarbeiterschaft und Schülerschaft aufgerissen und die letztere höhnisch als die ‚Besseren‘ bezeichnet“ werde. Das nämliche Ziel habe wohl ein Zeitungsbericht vom 2. Mai verfolgt, in dem alles weggelassen worden sei, was den Charakter der Schulfeier habe erkennen lassen. Statt dessen sei dort das Auftreten der HJ und insbesondere die Rede von Kirchhoff in den Vordergrund geschoben worden. Damit habe die Öffentlichkeit kaum den Eindruck erhalten, dass es sich um eine gemeinsame Schulfeier gehandelt habe.
Ähnliche Klagen seien auch aus anderen Teilen des Bezirkes gekommen.
Durch das Verhalten der HJ-Führer, so Wentz, sei eine „äußerst bedenkliche Lage“ geschaffen worden: „Die HJ-, JV- und BDM-Mitglieder sind aufgehetzt gegen ihre Lehrer und Schulleiter. Diese ihrerseits erblicken in der hiesigen Leitung der HJ eine Gefahr für die Ordnung der Schule. Das Verhältnis der HJ zur Behörde ist gestört, wie übrigens auch das zur Kreisleitung der Partei gefährdet ist. Unter diesen Umständen ist für ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten, das für alle Teile notwendig und insbesondere gerade um der Zusammenfassung der gesamten Jugend in der HJ willen dringend erwünscht ist, kein Raum, und zwar, soweit z.Z. hier festgestellt werden kann, durch Schuld der Führer des Banns und Unterbanns, die, wie die teilweise sich widersprechenden Anordnungen in der Presse erkennen lassen, auch mit der Kreisleitung, insbesondere dem Kreispropagandaleiter, der die Oberleitung der Feier des 1. Mai hatte, sich nicht genügend in Verbindung setzten.“
Daher fordert Wentz das Entfernen der beiden verantwortlichen Führer, Bannführer Paul Kirchhoff und Unterbannführer Wilhelm von List.
Dem Bericht von Schulrat Wentz folgt am 9. Mai ein weiterer Bericht von Regierungspräsident von Oeynhausen [Berichterstatter ist Regierungsrat von Winterfeld], der an den Preußischen Minister des Innern gerichtet ist. Darin wird betont, dass der Regierungspräsident seit seinem Dienstantritt im Frühjahr 1933 HJ und BDM stets nach besten Kräften unterstützt habe und engen Kontakt mit ihr gehalten habe. Vor allem mit Oberbannführer Breipohl aus Bielefeld, der auf Betreiben des Regierungspräsidenten zum Bezirksjugendpfleger ernannt worden sei, sei entgegenkommend gewesen. Auch hätten die unterstellten Behörden die HJ gefördert, so der Bürgermeister von Minden durch das unentgeltliche zur Verfügung stellen von Turnhallen, Büroräumen und Heimen sowie durch eine wiederholte finanzielle Unterstützung.
Diese Bemühungen, so Oeynhausen weiter, habe bei Unterführern der HJ jedoch „nicht die geringste Anerkennung“ gefunden. „Im Gegenteil macht sich in letzter Zeit immer mehr das Bestreben bemerkbar, sich den Behörden gegenüber absichtlich widerspenstig zu zeigen und durch taktloses und herausforderndes Benehmen nicht nur den Unwillen staatlicher und kommunaler Dienststellen, sondern auch der NSDAP und weiter Kreise der Bevölkerung zu erregen. Allgemein fällt auf, dass manche HJ-Führer in ihrem Auftreten nicht die erforderliche Bescheidenheit, Disziplin und Zurückhaltung, wie sie von der Jugend gerade im Dritten Reich gefordert werden muss, zeigen.“
Dabei verweist Oeynhausen auf die Vorkommnisse vom 1. Mai und das Fehlverhalten von u.a. Kirchhoff und List, denen er nicht nur mangelnden Respekt, sondern auch Sympathien mit dem Kommunismus zum Vorwurf macht. Zudem beschwert er sich über den Gebietsführer, mit dem er die Vorfälle habe besprechen wollen, und der einen dafür anberaumten Termin kurzfristig durch seinen Adjutanten habe absagen lassen, weil er zum Obergebietsführer habe reisen müssen. „Diese rücksichtslose Handlungsweise“, so Oeyenhausen, „solcher für ihre Posten zu jungen und unerfahrenen Menschen ist bezeichnend für den Begriff, den sie von ihrer Stellung haben.“
Zudem kritisiert er, dass die HJ nicht angemessen haushalte. So verstehe es die Bevölkerung nicht, dass neuerdings bei den Dienststellen von HJ und BDM große und starke Autos beschafft worden seien, obwohl kleine Wagen den Zweck ebenso erfüllen würden. Diese Großzügigkeit bei der Geldausgabe stehe im Gegensatz zu den Schwierigkeiten, die das Aufbringen der Beiträge für die HJ den Eltern der zugehörigen Kinder bereite.
Der Vorwurf des Kommunismus wird im Falle von List mit den bereits genannten familiären Hintergründen und mit seinem Verhalten am 1. Mai untermauert, im Falle von Kirchhoff mit einer Rede, die er anlässlich der Einholung der Bannfahne aus Potsdam am 26. Januar 1934 gehalten hat. Diese Rede, so ein Bericht des Bürgermeisters von Minden vom 5. Mai und ein Bericht, der vermutlich von der Gestapo Bielefeld am 19. Mai verfasst wurde, sei hauptsächlich kommunistischen Inhalts gewesen. Kirchhoff habe dabei die anwesenden „Spießer“ beschimpft und hätte „sehr abfällig über die Frontkämpfer gesprochen […] und zwar so, dass zum Ausdruck kam, als wenn das alles nicht gewesen sei und nur die Jugend das Vaterland gerettet hätte“.
Zudem wird Kirchhoff zur Last gelegt, als Adjutanten den Studenten Heinz Ibrügger berufen zu haben, der in „kommunistische Umtriebe“ verwickelt sei. Ibrügger sei von Dezember 1930 bis August 1932 Angehöriger der NSDAP und der SA gewesen, dann jedoch aus der Partei ausgetreten, da er nach eigenen Angaben „die Politik derselben nicht mehr mitmachen konnte, ohne mit seinem Gewissen in Konflikt zu geraten“. Danach habe er an zwei Kursen der marxistischen Arbeiterschule in Masch teilgenommen. Er bestreite allerdings, einer kommunistischen Organisation angehört zu haben oder sich kommunistisch betätigt zu haben. Im Dezember 1933 sei er wegen „kommunistischer Umtriebe“ in Haft gekommen. Sein Verfahren sei aber am 10. Januar 1934 mangels Beweises eingestellt worden.
Gleichwohl lautet die Einschätzung in beiden Berichten, dass man es bei Ibrügger mit einem „gefährlichen Kommunisten“ zu tun habe, der nun versuche, in der HJ seine kommunistischen Pläne weiterzuverfolgen. Da er unmittelbar nach seiner Freilassung von Kirchhoff zum Adjutanten gemacht wurde, wird vermutet, dass auch Kirchhoff als Kommunist anzusehen ist.
Diese Einschätzung widerspricht in starkem Maße der Selbstdarstellung Kirchhoffs, die er bereits am 3. Mai 1934 Regierungspräsident von Oeynhausen gegenüber dargelegt hat, um die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nach der misslungenen Schulfeier zu entkräften. Darin bezeichnet er die Umstände, die zu den Vorfällen am 1. Mai geführt haben, als „Missverständnis“ (tatsächlich lag neben der Anordnung, den 1. Mai als Schulfeier zu begehen, auch eine solche der Oberbannführung vor, der zufolge die Feier im Einvernehmen mit der Gaupropagandaleitung als geschlossene HJ-Feier begangen werden sollte!). Zudem zeichnet er sich als frühen überzeugten Nationalsozialisten:
„Als Mitbegründer der Ortsgruppe Hagen-Vorhalle trat ich im Juni 1930 der NSDAP bei (Mitgl.nr. 280403). Bereits 1931 im Januar als 19-Jähriger wurde ich Propagandaleiter der Ortsgruppe. Dieses Amt behielt ich bis Ende 1932, um dann auf eigenen Wunsch die Führung der örtlichen Hitlerjugend zu übernehmen. Im Juni 1933 wurde ich vom NSSBO Kreisleiter, Pg. Siebert, Hagen, zur Deutschen Arbeitsfront berufen. War dort stellv. Verbandskreisleiter im Deutschen-Fabrikarbeiter-Verband. Gleichzeitig Kreisjugendleiter in der Deutschen Arbeitsfront. Auf Wunsch des dam. Gebietsführers der HJ, Loewer, habe ich dann diese Ämter aufgegeben und die Führung des Bannes 15 in der HJ übernommen.“
Letzten Endes findet der Kommunismusverdacht gegen Kirchhoff denn auch keine Bestätigung. Jedenfalls kann er sich im Amt halten, dies jedoch auch nur durch die Fürsprache des Gebietsführers von Westfalen, Langanke. Erst durch diesen wird schließlich eine Klärung der gesamten Situation herbeigeführt. Am 5. Juni 1934 trifft er sich mit dem Regierungsvizepräsidenten von Minden, wobei beide Seiten ihrem Wunsch Ausdruck verleihen, dass wieder ein „gutes Miteinander“ der behördlichen Stellen und der HJ-Führung herbeigeführt wird. Langanke ist dafür auch bereit, auf Forderungen nach Änderungen in der örtlichen HJ-Führung einzugehen.
Dabei nimmt er Bannführer Kirchhoff ausdrücklich in Schutz. Ihm sei nicht die Schuld an den Vorkommnissen anzulasten, da für Minden Unterbannführer von List zuständig sei. Unter den Umständen erklärt sich der Regierungsvizepräsident bereit, auf die Abberufung Kirchhoffs zu verzichten, sofern List schnellstens seines Amtes enthoben würde. Dies sichert Langanke zu. Zudem verspricht er, sich über Ibrügger zu informieren und ggf. ebenfalls gegen diesen Schritte einzuleiten.
Zudem wird ein weiteres Treffen vereinbart, an dem neben Langanke auch Bannführer Kirchhoff teilnehmen soll. Damit wird die Angelegenheit als erledigt betrachtet.
Am 4. Juli 1934 werden Wilhelm von List und Heinz Ibrügger durch ein Schreiben der Gebietsführung Westfalen „beurlaubt“, d.h. ihrer Ämter enthoben. Im Falle Lists wird dabei vermerkt, dass man den Bann über eine mögliche andere Verwendung Lists außerhalb Mindens benachrichtigen wolle.
Ibrügger geht später nach Danzig. Am 22. November 1934 meldet er sich dorthin polizeilich ab. Die Staatspolizeileitstelle Bielefeld benachrichtigt daraufhin das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin und regt an, Ibrügger in Danzig „vertraulich“ überwachen zu lassen.