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Ereignisse
1934
April

Priester protestiert gegen Verunglimpfung des ND

Studienassessor Wetzel aus Paderborn beschwert sich in einem Schreiben vom 18. April 1934 beim Regierungspräsidenten in Minden über einen Artikel im „Filter“ (einem Mitteilungsblatt der NSDAP für Paderborn und die Bürener Lande mit dem Untertitel „Wochenblatt zum Kampf um die national-sozialistische Weltanschauung“), der am 17. April 1934 unter der Überschrift „Die Farbe schimmert durch – Wie man im ND-Lager über die Einheit der deutschen Jugend denkt“ erschien.

In dem Artikel geht es um zwei Kommentare zum Übertritt einiger Stuttgarter ND-Mitglieder zur HJ. Im ersten Kommentar sucht das Bundesamt des ND die Übertritte als geringfügig darzustellen: Es handle sich leidglich um zwei ND-Führer, die mit einigen Jungen übergetreten seien. Fünf von insgesamt sieben Stuttgarter ND-Gruppen seien überhaupt nicht betroffen, und auch die beiden anderen Gruppen bestünden weiter.

Dahingegen sucht der zweite Kommentator, der Führer des Bannes 281 Willy Tefehne, den Übertritt und den Kommentar des ND-Bundesamtes zur Kritik an der katholischen Jugend zu nutzen. Er schreibt:

„Es ist mir als nationalsozialistisch und deutsch denkender Führer der Hitler-Jugend nicht möglich, überhaupt nur zu verstehen, wie Führer des Neu-Deutschen Katholischen Bundes einen Übertritt ihrer Führer und Leute zur Hitler-Jugend kritisieren und verurteilen wollen. Es scheint in diesen Kreisen immer noch der Einfluss der ehemaligen Zentrumspartei mit der deutschfeindlichen Einstellung, die sie in den vergangenen Jahren gezeigt hat, zu herrschen.

Das Bundesamt des ND erklärt stolz, dass von den sieben Stuttgarter Stadtgruppen fünf von der Angelegenheit nicht betroffen werden.

Wenn die Herren glauben, auf eine derartige Spaltung der Deutschen stolz sein zu dürfen, dann irren sie sich gewaltig. Als Nationalsozialisten freuen wir uns über jeden Jungen, der von ihnen zur Hitler-Jugend kommt. Wenn sich die sauberen Führer darüber ärgern, so ist das ein Beweis dafür, dass ihre Haltung, ihr Denken und ihre Einstellung mit Nationalsozialismus nicht das Geringste zu tun hat.

Für eine baldige Kaltsetzung dieser Führer, die wir als Feinde der Einheit der deutschen Jugend und damit des deutschen Volkes betrachten, werden wir zu sorgen wissen.“

Zu diesem Kommentar bemerkt Studienassessor Wetzel in seinem Schreiben an den Regierungspräsidenten folgendes:

„Der Bund Neudeutschland ist 1919 unter starkem Einsatz von Kriegsteilnehmern in der Führung durch Kardinal v. Hartmann als katholische, kirchliche Jugendorganisation gegründet worden und hat seitdem in der Formung des katholischen Christen im bewusst deutschen Jungen wegweisende Erziehungsarbeit geleistet. Gerade die Führerschaft Neudeutschlands hat es immer abgelehnt, den Bund für parteipolitische Aktionen bereitzustellen und hat demzufolge auch u.a. den Wahlaufruf der katholischen Verbände vor der Reichstagswahl 1933 nicht unterzeichnet.

Wenn nun Herr Tefehne die Führerschaft Neudeutschlands in einer Paderborner Zeitung, für deren Leser ich jene Führerschaft vertrete, willkürlich des parteipolitischen Missbrauchs ihrer Führung verdächtigt und als ‚saubere Führer‘ sowie ‚als Führer, die wir als Feinde der Einheit der deutschen Jugend und damit des deutschen Volkes betrachten‘ hinstellt, so empfinde ich Wortlaut und Ton jener Äußerung als einen Angriff auf meine Ehre!

Umso schmerzlicher empfinde ich die Äußerung des Herrn Tefehne, als ich mir bewusst bin, meine ebenso nationale wie soziale Gesinnung deutlich genug unter Beweis gestellt zu haben – als Kriegsteilnehmer […], als Kämpfer im Ruhrkampf […], als Führer in Neudeutschland und nicht zuletzt als Religionslehrer, als der ich mir die Pflege eines kameradschaftlichen Verhaltens meiner Schüler in den verschiedenen Verbänden untereinander habe besonders angelegen sein lassen.

Ich sehe keine Möglichkeit, meine Ehre als katholischer Priester und deutscher Mann gegenüber den Anwürfen des Herrn Tefehne in der Öffentlichkeit zu vertreten. Jedoch meine ich, dass es Sache nationalsozialistischer Staatsführung ist, zu verhindern, dass in einem deutschen Mann und Priester das Gefühl aufkommt, seine Ehre schutzlos beliebigen, tiefbeleidigenden Anwürfen ausgesetzt zu sehen. Daher beschreite ich zur Wahrung meiner Ehre diesen Weg.“

Der Regierungspräsident in Minden bittet daraufhin den stellvertretenden Landrat und Gauinspekteur von Paderborn, Homann, in der Sache zu vermitteln. „Derartige Veröffentlichungen tragen nur in unerwünschter Weise zur Verschärfung des Gegensatzes zwischen der HJ und den katholischen Jugendverbänden bei.“

Homann nimmt daraufhin Kontakt zu Tefehne auf und erhält die Auskunft, dass es diesem „ferngelegen habe, den Studienassessor Wetzel persönlich zu kränken“. Nachdem Homann Wetzel über diese Einschätzung am 21. Juni 1934 in Kenntnis gesetzt hat, betrachtet Wetzel die Angelegenheit als erledigt.

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