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Ereignisse
1934
Mai

Gestapo wirft katholischen Gesellenvereinen Kampf gegen NSDAP vor

Die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Minden in Bielefeld berichtet dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin am 11. Mai 1934 über die Aktivitäten der katholischen Gesellenvereine vor der Machtübernahme und charakterisiert sie als stark politisierte Gegner der NSDAP:

„Die Mitglieder der katholischen Gesellenvereine sind intensiv im Geiste der katholischen Weltanschauung und der Zentrumspartei geschult worden. Diese Schulung bestand nicht nur in der Behandlung rein politischer Fragen, sondern auch in der Erziehung zum politischen Kampf. Zu diesem Zwecke wurden überall neben dem ‚Jungzentrum‘ noch die ‚Kreuzscharen‘ gegründet, die sich aus besonders zuverlässigen Mitgliedern der Gesellenvereine zusammensetzten und einen ausgesprochenen Kampfcharakter hatten. Seitens der katholischen Kirche wurde vor allem um die Mitte des Jahres 1932 eine rege Propaganda für diese Kampfscharen entfaltet und damit in den katholischen Gegenden gute Erfolge erzielt. In den Kreisen Paderborn, Höxter, Warburg und Büren im hiesigen Bezirk betrug die Zahl der Mitglieder der Kreuzscharen damals etwa 1800 Mann, wovon in der Stadt Paderborn allein etwa 300 Mann vereinigt waren. Die Aufgabe der Kreuzscharen bestand darin, die NSDAP in ihrer Tätigkeit zu stören und aktiv in den Wahlkampf mit einzugreifen. Für diese Aufgabe hat sie sich sehr eingesetzt, so dass es oft zu blutigen Zusammenstößen zwischen ihnen und der SA gekommen ist. Kennzeichnend für die damaligen Zustände ist, dass der SA-Nachrichtendienst im hiesigen Bezirk fast ständig etwa 200 SA-Leute lediglich für den Abwehrdienst gegen die Kreuzscharen verwenden musste.

In der Wahlzeit wurden die Mitglieder der Kreuzscharen in Gemeinschaft mit den Gesellenvereinen und dem Jungzentrum zum Verteilen von Flugblättern, Kleben, Umhertragen und Bewachen von Wahlplakaten herangezogen. Sie arbeiteten dabei nach den gleichen Methoden, wie sie auch von der NSDAP angewandt wurden. Bei Wahlversammlungen der Zentrumspartei stellten sie den Saalschutz. Gelegentlich einer Wahlversammlung des Zentrums Ende Oktober 1932, bei der Mitglieder des Gesellenvereins den Saalschutz stellten, griffen diese mit ein, als die anwesenden Anhänger der NSDAP durch Schutzpolizei aus dem Saale befördert wurden, weil sie das Horst-Wessel-Lied angestimmt hatten. Ferner ist einwandfrei festgestellt, dass z.B. in Höxter das dortige, dem katholischen Gesellenverein gehörige Gesellenhaus für Wahlzwecke zur Verfügung gestellt worden ist. In diesem Hause befand sich bei Wahlkämpfen die Zentrale der Zentrumspartei.

Die Vorsitzenden der Gesellenvereine und Kreuzscharen waren Vikare und Kapläne, die ihre Anweisungen wahrscheinlich aus den Führerkreisen des Zentrums erhielten.“

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