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Ereignisse
1943
November

Der Sicherheitsdienst der SS berichtet

„Wehrertüchtigungslager der Hitler-Jugend

I. Einstellung der Jugendlichen:

Zahlreiche Berichte aus allen Reichsteilen ergeben folgendes Bild:

Schon nach den ersten Wehr ertüchtigungslagern waren viele positive Schilderungen Uber eine gute Ausbildung und „zackigen Dienst“ bei der Mehrzahl der Jugendlichen zu hören. Andere Jugendliche, die davon gehört hatten, sahen daher mit einer gewissen Spannung ihrer eigenen Einberufung entgegen. Den Jugendlichen gefiel besonders, dass sich ihre Führer kameradschaftlich zeigten und bereits an der Front ihre Bewährungsprobe bestanden hatten. Einige Jugendliche erwähnten unter besonderer Betonung, ihre Führer und Ausbilder seien Angehörige der Waffen-SS gewesen (Köln, Kassel, Stettin). An negativen Beobachtungen werden berichtet: Nach Ansichten von Jugendlichen sei der Dienstbetrieb verschiedentlich zu „militärisch“ gewesen, ja sogar da und dort in Schikanen ausgeartet.

II. Einstellung der Elternschaft:

Anfänglich bestanden unter den Eltern ziemlich viele Bedenken gegen diese Wehrertüchtigungslager. So äußerten z. B. Eltern, die militärische Ausbildung der Jugend könne noch früh genug in der Wehrmacht erfolgen.

Es wurde auch befürchtet, dass der harte Dienst gesundheitliche Schädigungen mit sich bringen könne.

«Unser Junge ist zum Besuch eines solchen Lagers noch zu schwach.»

Eltern, die die Einrichtung der WEL an sich begrüßten, äußerten öfter den Wunsch, die Jugendlichen grundsätzlich nicht vor dem 17. Lebensjahr und nicht vor Beendigung ihrer Lehrzeit zu den Wehr ertüchtigungslagern einzuberufen. Es habe sich bereits gezeigt, dass Lehrlinge bei ihrer Gesellen- oder Gehilfenprüfung deswegen ungünstig abgeschnitten hätten, bevor sie zum RAD bzw. zur Wehrmacht einrückten. Auch sei die Arbeitsmoral bei einem Teil der Jugend ohnehin gering und die Gelegenheit werde nur zu gern wahrgenommen, um für einige Zeit von der Arbeit loszukommen. (S. Ziffer I). Man klagt darüber, dass Jungens, denen man mit aller Überredungskunst das Bewusstsein von der Notwendigkeit einer abgeschlossenen Schulbildung beigebracht habe, nach Absolvierung der Lager nicht mehr zu bewegen seien, die Schule weiter zu besuchen oder im Betrieb zu arbeiten, da sie der Überzeugung seien, auch ohne Schlusszeugnis und einer abgeschlossenen Ausbildung gerade als Soldaten zu einem Ausbildungsziel zu gelangen.

«Die Kinder versäumen viel in der Schule und in der Lehre. Militärisch ausgebildet werden sie noch früh genug.» (z. B. Stettin).

Weiter konnte bei einer Reihe von Eltern, die einer Wehrerziehung ihrer Kinder nicht grundsätzlich abgeneigt waren, die Befürchtung festgestellt werden, der Sohn werde nach Besuch der WEL umso eher eingezogen werden.

«Die Jungen müssen den Kopf noch früh genug hinhalten, sie sollen lieber ihre Jugend anständig zu Hause verbringen können.» (Kiel, Frankfurt/M., München).

«Man hat heute von seinen Kindern fast nichts mehr, wenn sie erst von der Hitler-Jugend erfasst sind.» (Königsberg).

«Die HJ hat nur diese Lager aufgezogen, um ihren kriegsmäßigen Einsatz unter Beweis zu stellen.» (Königsberg, Stettin).

Je mehr aber praktische Erfahrungen mit den Lagern gemacht wurden, umso mehr wendete sich die Einstellung der Eltern zu positiver Richtung. Die Notwendigkeit der Lager während der Kriegszeit wird eingesehen und man erhofft von der Ausbildung eine wirksame Hilfe in der Jugenderziehung.

«Soldat muss mein Junge ohnehin werden, da kann eine Vorbereitung bestimmt nicht schaden.»

«Es ist nötig, dass die Bengels mal gründlich gehorchen lernen und entsprechend ausgerichtet werden.» (Königsberg, Kiel u. a.).

In vielen Fällen, in denen die Väter an der Front stehen, sind die Wehrertüchtigungslager besonders von den Müttern dankbar begrüßt worden. Günstig äußern sich auch die Elternkreise, deren Jungen Offiziere werden wollen oder sich als länger dienende Freiwillige gemeldet haben. Man betrachtet diese Lehrgänge als beginnende Berufsausbildung; wendet sich nur gegen jeden Druck auf die Jugendlichen, sich zu einer bestimmten Waffengattung oder Formation zu melden.

In den Grenzgebieten waren die Eltern grundsätzlich mit der Einberufung ihrer Jungen einverstanden, da ihnen im Lager die Gelegenheit geboten sei, die deutsche Sprache zu erlernen und sich sonst in die Volksgemeinschaft einzufügen.

III. Einstellung der Betriebsfuhr er und Lehrmeister:

Allgemein konnte festgestellt werden, dass die Einstellung der Betriebsführer und Lehrmeister zu den WEL positiv ist. Schwierigkeiten ergaben sich nur da, wo nach Ansicht dieser Betriebsführer drei Wochen Arbeit bedeutend wichtiger seien, als vormilitärische Erziehung. Begründet wurde diese Einstellung meist mit einem Arbeitsausfall, der angeblich in kein Verhältnis zum Erziehungserfolg zu bringen sei (Salzburg).

IV. Anerkennung der Erfolge durch Eltern- und Erzieherschaft:

Die erzieherischen Erfolge in den Wehrertüchtigungslagern werden von Eltern und Erziehern anerkannt. Hier sei Gelegenheit, den kriegsbedingten Mangel an väterlicher Erziehung durch soldatische Straffheit in den WEL in die Hände älterer, gereifter und ausgeglichener Führer zu legen

«Manches, was ihnen in jahrelanger erzieherischer Arbeit nicht beigebracht werden konnte, wurde durch die Gemeinschaftserziehung im Wehrertüchtigungslager erreicht.» (München).

Auch in der Öffentlichkeit, im Betrieb, im HJ-Dienst und in der Schule merke man die Erziehung durch die WEL dann, wenn innerhalb des Lagers eine Anstandserziehung stattgefunden hat. (Urteil vieler Lehrmeister).

«Die Jungen verlieren größtenteils das „Spielerische“ und „Großsprecherische“ und kehren mit straffer Haltung in den Betrieb zurück. Auch kann eine gesunde Stärkung des Selbstbewusstseins der Jungen beobachtet werden.»

«Die Jungen sind mit Lust und Liebe beim HJ-Dienst. Sie betonen, in den drei Wochen wesentlich Besseres und Gründlicheres an Militärischem gelernt zu haben, als in den vielen Jahren des HJ-Dienstes. Teils sind die Jugendlichen durch die Teilnahme am WEL erst auf die Mängel der Wehrerziehung bei den HJ-Einheiten aufmerksam geworden, sodass sie dem HJ-Dienstbetrieb nach Besuch eines WEL sehr kritisch gegenüber stehen.»

«Ich kann nur das beste Urteil abgeben. Die Haltung der Jungen, die von einem WEL kommen, ist unbedingt straffer, die Disziplin gegenüber der Lehrerschaft hat sich gebessert. Auch das Pflichtbewusstsein der Jungen hat eine Festigung erfahren. Man sah es ihnen an, dass sie eine militärische Schulung genossen hatten. Die Schulbesuche wurden regelmäßiger und pünktlicher.» (Leiter einer Berufsschule).

V. Weltanschauliche Erziehung:

Nach den Anordnungen der Reichsjugendführung wurde in besonderem Maße die weltanschauliche Schulung in den Lehrplan mit aufgenommen, sodass in jeder Woche zwei Schulungsvorträge und ein Heimabend ausschließlich für weltanschauliche Themen zur Verfügung stehen. Diese Anordnung erfolgte, um allen Jugendlichen, die z. Zt. HJ-Einheiten angehören, in denen wegen des Führermangels keine weltanschauliche Schulung mehr durchgeführt werden kann, Gelegenheit zu geben, wenigstens auf diese Weise mit dem nationalsozialistischen Gedankengut vertraut zu werden. Diese Einrichtung wird im wesentlichen begrüßt und kann nach den Berichten als erfolgreich angesehen werden.

VI. Gesundheitliche Betreuung:

Begrüßt wurde, dass der gesundheitlichen Betreuung besonders Aufmerksamkeit zugewendet wird. Die Jungen seien zur Beginn der Lehrgänge auf ihren Gesundheitszustand untersucht und bei sich zeigenden Fehlern einer ärztlichen Behandlung zugeführt worden. Der Gesundheitszustand wird von Fachärzten, Heilgehilfen des DRK und Angehörigen der HJ-Feldschereinheiten überwacht. Nennenswerte gesundheitliche Schädigungen sind bisher nicht bekannt geworden. Besondere Beachtung findet die zahnärztliche Betreuung. Leider musste festgestellt werden, dass oft 40% aller Jugendlichen ausgesprochen schlechte Zähne haben. Besonders auffällig ist, dass Zahnschäden gerade unter der bäuerlichen Jugend beobachtet werden. Nur rund 20% weisen gute Gebisse auf.

VII. Verpflegung:

Die Verpflegung wurde meist als gut, oft aber als zu knapp bezeichnet. Bemängelt wurde lediglich in einzelnen Lagern, dass die Ausbilder ihr Essen für sich bekamen und dies besser gewesen sei, als das der Mannschaften (Kiel).

VIII. Behandlung der Jugendlichen durch die Ausbilder:

Über die Behandlung der Lehrgangsteilnehmer durch die Ausbilder lauten die Stimmen unterschiedlich: Teils werde sie als hart, aber korrekt bezeichnet, teils wird auch von Übergriffen berichtet. Besonders erwähnt wurde immer wieder die „schikanöse Rekrutenbehandlung“.

Sie wird als unwürdig abgelehnt.

«Ich musste auf den Tisch klettern und zur Mannschaft rufen: „Kikeriki, bin ich nicht ein schöner Hahn?“»

Bei schlechten Schießergebnissen mussten die Jungen Kniebeugen und dergleichen machen.

Bei Ungeschicklichkeit wurden einige Jungen auf das Klosett geschickt, von wo sie laut rufen mussten: „Ich bin der Schotenbauer des Zwanzigsten Jahrhunderts“.

Strafen für kleinere Vergehen: „Auf den Schrank! Unter die Betten! Unter den Schrank! Auf die Betten! usw.“

«Wir mussten einen borkigen Baum umfassen, um ihn herumtanzen unter dem Absingen des Liedes: „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein.»

Diese Dinge wurden von allen Jungen mit großem Unwillen aufgenommen. Auch seitens der Erzieher- und Elternschaft wurden Bedenken laut, dass in diesem Alter der Wille der Jugendlichen noch nicht so entwickelt und gefestigt sei, um mit Zumutungen seelisch fertig zu werden.

IX. Urteil der Wehrmacht und Waffen-SS:

Innerhalb der Wehrmacht und Waffen-SS wird die Einrichtung der WEL als willkommene Erleichterung für die spätere militärische Ausbildung be-, grüßt, da hierdurch ein zeitlicher Gewinn zu verbuchen sei. Es wurde in Wehrmachtskreisen hervorgehoben, dass der Unterschied zwischen Lagerteilnehmern und nicht im WEL ausgebildeten Jungen durchaus zu merken sei. Besonders beliebt bei der Jugend sind die Lager, deren Ausbilder Waffen-SS-An-gehörige sind.

Von RAD-Angehörigen (Führern und Unterführern) wurde ebenfalls hervorgehoben, dass sich die zum Arbeitsdienst einberufenen Wehrertüchtigten schneller in den Dienstbetrieb des RAD einfügten, als andere Jugendliche (Köln).

Die Abstellung der Ausbilder erfolgte bisher reibungslos. Seitens der HJ-Führerkreise wird allerdings darauf hingewiesen, dass bei der Abstellung der Ausbilder besonders darauf geachtet werden müsste, dass ehemalige HJ-Führer ausgewählt würden, da sich diese aufgrund ihrer Erfahrungen in der HJ-Arbeit leichter auf die Mentalität der Jungen einstellen könnten und in der Lage wären, die weltanschauliche Erziehung durchzuführen.

X. Klagen und Schwierigkeiten bei der Einberufung:

Verschiedentlich wird gemeldet, dass oft die doppelte Zahl von Jugendlichen

einberufen werden müsse, da ein hoher Prozentsatz der Einberufenen zum Lager nicht erscheine. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass seitens der Betriebsführer den Jugendlichen viel Schwierigkeiten bereitet würden. (Halle)

Schulpflichtige Jugendliche werden aufgrund der Anforderungen gewöhnlich ohne Schwierigkeiten beurlaubt, wenn auch von den Schulen dauernd gefordert wird, dass die Einberufungen auf die Ferien beschränkt bleiben, wie dies in den Anordnungen vorgesehen ist.

Bei der Beurlaubung und Freistellung der betriebsgebundenen Jugendlichen ergaben sich besondere Schwierigkeiten, wenn mehrere Jugendliche eines Betriebes gleichzeitig eine Einberufung erhielten oder die Einberufungen zu kurzfristig erfolgten. Mehrfach musste allerdings festgestellt werden, dass die Jugendlichen selbst die Schuld an diesen Schwierigkeiten trugen, da sie ihre Einberufungsbefehle zu spät den Betriebsführern vorlegten und so kein rechtzeitiger Ausgleich geschaffen werden konnte. Andererseits konnte beobachtet werden, dass den Betriebsführern wenig an einer Einberufung ihrer jugendlichen Fachkräfte lag, weil sie auf diese nicht verzichten wollten. Diese Beobachtungen konnten besonders in den Kleinbetrieben gemacht werden, in denen der Lehrling bereits eine volle Arbeitskraft ersetzen muss. (Köln)

In den Gegenden, in denen Industrie und Handwerk stark für die Kriegsproduktion arbeiten, ist die Abneigung der Betriebsführer sehr groß; an einzelnen Orten bedurfte es bis zu 5 Aufforderungen, um einen Jugendlichen für die Teilnahme an einem WEL freizubekommen (Frankfurt/O.). Seitens der bäuerlichen Bevölkerung wird viel über die Einberufungen von HJ-Angehörigen zu den Wehrertüchtigungslagern während der Erntezeit geklagt. Die Bauern finden es unverständlich, dass gerade während der größten Arbeitszeit die Jugendlichen auf zwei bis drei Wochen eingezogen würden.

XI. Tag der Wehrertüchtigung der HJ:

Der in diesem Jahr zum ersten Male durchgeführte Tag der Wehrertüchtigung der HJ wurde in der Regel in den zentral gelegenen Standorten begangen. Die gezeigten Vorführungen wurden sehr unterschiedlich beurteilt. Besonders hervorgehoben wurden immer wieder die Übungen der Sondereinheiten, vor allem der Marine-, Flieger- (Modellflieger), Feuerwehreinheiten der HJ. Die gezeigten Leistungen seien überall recht ansprechend gewesen. In einzelnen Standorten fanden Mannschaftswettkämpfe, verbunden mit Orientierungsmärschen und Schießen, sowie Hindernisläufen, Keulenziel- und -weitwurf statt. Vereinzelt wurden auch Kampfspiele gezeigt.

Die Bevölkerung hat im Allgemeinen vom Tag der Wehrertüchtigung kaum Notiz genommen, obwohl in der Presse genügend Hinweise erfolgten. Als Zuschauer waren es in der Hauptsache Eltern, deren Jungen in der Hitler-Jugend waren, politische Leiter und Vertreter der Wehrmacht.“

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