Der Sicherheitsdienst der SS berichtet
„Zur Frage der Lazarettbetreuung durch die Hitler-Jugend
Meldungen aus allen Teilen des Reiches stellen fest, dass die Lazarettbetreuung durch die Hitler-Jugend die größte Anerkennung seitens der Verwundeten finde. Sie werde darüber hinaus auch von den Eltern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und als ein Aufgabengebiet betrachtet, das der Jugend besonders angemessen sei. Im Gegensatz zu den ersten beiden Kriegsjahren vollziehe sich diese Arbeit jetzt zwar in stilleren Bahnen und weniger unter den Augen der Öffentlichkeit, sie sei aber andererseits nach übereinstimmenden Meldungen durch straffere Organisation planmäßiger und stetiger geworden.
Vorteilhaft habe es sich dabei ausgewirkt, dass die früher übliche, erst planlose und in gegenseitiger Konkurrenz durchgeführte Betreuung durch die verschiedensten Stellen, wie Partei, Gliederungen, Schulen, Handwerkerinnungen, Vereine usw., zum großen Teil verschwunden sei und die gesamte Verwundetenbetreuung zu einem fast ausschließlichen Betätigungsfeld der Partei und hier vor allem der NS-Frauenschaft und der Hitler-Jugend geworden sei.
Nach den Berichten ist die Organisation und Trägerschaft örtlich sehr stark verschieden. Umfang und Häufigkeit hänge in starkem Maße vom örtlichen Unternehmungsgeist ab. Die technischen Möglichkeiten spielen dabei eine große Rolle. Meist zeichnet die HJ verantwortlich als Trägerin oder sie stellt doch den überwiegenden Teil der ausführenden Kräfte. Vielfach ist zur Steuerung die NSKOV mit eingeschaltet. Gelegentlich auftretende Schwierigkeiten in der Frage der Zuständigkeit zwischen Hitler-Jugend und anderen Gliederungen, bzw. zwischen Hitler-Jugend und Schule, haben den Einsatz nicht ernsthaft gestört. Eine zentrale Steuerung hat sich hier nützlich ausgewirkt.
Zur Aufrechterhaltung eines bestimmten Niveaus der Darbietungen war die verschiedentlich durchgeführte Zusammenfassung aller Gliederungen zu einem Lazarettbetreuungsring, der den Einsatzplan ausarbeitete, sehr fruchtbar. Vielfach war hierbei die direkte Einschaltung des Hoheitsträgers unumgänglich.
Innerhalb der Hitler-Jugend lag die Betreuung fast ausnahmslos in den Händen der Jungmädel und des BDM, während Jungvolk und HJ lediglich in den teilnehmenden Sing- und Spielscharen mitwirkten. Wenn auch die Beteiligung der einzelnen Einheiten im Rahmen der Gesamtbetreuung örtlich sehr verschieden ist, kann allgemein doch von einer großen Einsatzfreudigkeit besonders bei den BDM-Einheiten gesprochen werden. Verschiedentlich werde sogar von Beschwerden über zu häufige Betreuung gesprochen. Klagen über unzureichenden Einsatz wurden lediglich örtlich bekannt. Durch die Dienstfreudigkeit der Jugend ist in vielen Fällen ein herzlicher Kontakt zwischen den Verwundeten und der Jugend entstanden, so dass sich vielerorts schon eine gewisse Tradition herausgebildet hat.
In den meisten Fällen haben sich innerhalb der Einheiten fest eingespielte Lazarettbetreuungsgruppen gebildet, die regelmäßig ihre Besuche machen. Wo keine Lazarette vorhanden sind, besuchen die Mädel die Krankenreviere der umliegenden Wehrmachtseinheiten. Gerade nach solchen Betreuungsgruppen ist die Nachfrage vielfach so stark, dass den Anforderungen nicht genügt werden kann.
Neben der Gemeinschaftsbetreuung läuft vielfach auch eine Betreuung durch einzelne damit beauftragte Mädel. Die Erfahrungen hierbei sind sehr unterschiedlich. In Hamburg war man mit der Einrichtung eines Vertrauensdienstes des BDM, der z. B. hand- oder armverletzten Soldaten als Schreibhilfe zugewiesen war, sehr zufrieden. Nicht nur die Soldaten hätten sich nach anfänglichen Bedenken gern zum Briefeschreiben an diese Mädels gewandt, sondern auch die Schwestern seien dankbar gewesen, dass diese Arbeit ihnen abgenommen wurde. Bei den Mädels selbst sei gerade dieser Einsatz als besonders unvergesslich bezeichnet worden.
In zahlreichen Meldungen wird allerdings auch auf die Gefahren in sittlicher Hinsicht hingewiesen, die für ältere Mädels bei dieser Einzelbetreuung, aber auch bei der Gemeinschaftsbetreuung, bestehen.
«Hier musste an verschiedenen Orten der BDM-Einsatz eingeschränkt bzw. unter die Aufsicht Erwachsener gestellt werden, da die Mädel von Verwundeten belästigt wurden.»
«In Z. wurden den Mädels von den Verwundeten in die abgelegten Mäntel Briefe mit Einladungen zu einem Stelldichein gesteckt.»
Viele dieser Meldungen besagen, dass die Initiative vor allem auch von den Mädels ausginge. Diese näherten sich in aufdringlicher Weise den Verwundeten und seien darauf aus, Bekanntschaften zu machen.
«Die Lazarettbetreuung durch den BDM musste eingestellt werden, da sie mit tollen „Poussierereien“ endete.»
Der Einsatz älterer Mädel musste daher vielfach eingeschränkt bzw. unter strengere Kontrolle erfahrener Führerinnen oder eines Hoheitsträgers gestellt werden. In gleicher Weise musste die Einzelbetreuung zugunsten der Formationsbetreuung eine Einschränkung erfahren. Das verstärkte Heranziehen von Jungmädeln wurde nicht nur von erfahrenen BDM-Führerinnen, sondern auch von den Eltern lebhaft begrüßt.
Unter den kulturellen Darbietungen sind an erster Stelle die musikalischen Veranstaltungen zu nennen. Eine große Rolle spielen die Sing- und Spielscharen der HJ-Banne, die in den Stuben und Gängen der Lazarette mit kleineren Klangkörpern musizierten, z. T. aber auch in Sälen vor Verwundeten, Ärzten und Pflegepersonal größere Konzerte gaben. Einen breiten Raum nehmen auch die Stehgreifspiele, Vorträge, Lesungen, Volkstänze, Scharaden, Kasperlspiele usw. ein, wobei besonders die Arbeitsgemeinschaft „Spiele und gesellige Kultur“ im BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ große Erfolge erzielte. Neben regelmäßig wiederkehrenden „Bunten Nachmittagen“ wurden vielfach besondere Spielnachmittage eingerichtet, an denen die Mädel Gesellschaftsspiele mit in das Lazarett brachten. Besonderer Beliebtheit hätten sich bei den Verwundeten die allmonatlichen Teenachmittage, die sich nicht nur durch sauber gedeckte Tische, gute Speisen, sondern auch durch ausgesuchte Programme ausgezeichnet hätten, erfreut. Verwundete, die gehen konnten, wurden auch zu Veranstaltungen innerhalb der HJ-Heime eingeladen, wo sowohl das Singen gemeinsamer Lieder als auch die Besprechung politischer und weltanschaulicher Fragen Anklang gefunden hätte. Anfängliche Befangenheit und Schwierigkeiten bei der Auswahl des Programms seien bald verschwunden und man habe hier das dem Wesen und den Wünschen der Verwundeten Entsprechende richtig getroffen. Besonders begrüßt wurde bei all diesen Veranstaltungen auch die Ausschmückung der Räume mit Blumen usw. sowie die Überreichung kleiner Geschenke wie Obst, Kuchen, Zigaretten, Bücher, Zeitschriften usw.
Die Aufnahme der gesamten Betreuungsarbeit bei den Verwundeten ist nach übereinstimmenden Meldungen eine denkbar gute. Zahlreiche Anerkennungen durch Wehrmachtsstellen werden gemeldet. Vor allem wird hervorgehoben, dass mit dieser Art der Betreuung das Bedürfnis der Verwundeten, immer wieder jungen Menschen zu begegnen, am besten befriedigt werde. Selbst wenn die Darbietungen in manchen Fällen nicht dem Geschmack der betreuten Verwundeten entsprochen hätten, so seien diese doch über den Besuch beglückt gewesen. Als bezeichnend kann ein Ausspruch eines Verwundeten gelten: „Lieber wollen wir frische BDM-Mädel schlecht singen hören, als einen Gesangverein ernster, würdiger Männer gut.“ Die Soldaten sähen in diesen Besuchen eine willkommene Auflockerung und Abwechslung des Krankenlageralltags. Die Art der Betreuung gefalle den Soldaten so gut, dass sie immer wieder um Besuch bäten, ja vielfach gerade die Betreuung durch den BDM als ihr schönstes Soldatenerlebnis - vom Fronterlebnis abgesehen - bezeichneten. Besonders anerkennend wurde von vielen Verwundeten, aber auch von Eltern, die an den Betreuungsveranstaltungen teilnahmen, hervorgehoben, dass die Jugend in ihren Darbietungen stets sauber bleibe.
In zahlreichen Berichten kommt allerdings auch zum Ausdruck, dass die Verwundeten weniger an den Darbietungen selbst als an den Mädeln Interesse zeigten.
«Wir freuen uns sehr, wenn die HJ, vor allem aber, wenn der BDM kommt.» (23-jähriger Leichtverwundeter)
«Die Soldaten wollen eine Augenweide; bei BDM-Veranstaltungen geht es um die Mädel; die HJ-Veranstaltungen, die nimmt man dann in Kauf.» (Junger Leutnant)
«Den Soldaten geht es nicht um HJ-Veranstaltungen, sondern einzig und allein um die Mädel. Wenn es heißt, der BDM kommt, dann rennt alles, wobei es meistens gleichgültig ist, was die Mädel bieten.» (Uff.)
Ähnlich äußerte sich eine Rote-Kreuz-Schwester:
«In Reserve-Lazaretten der Heimat konnte ich beobachten, dass die BDM- und HJ-Veranstaltungen interessieren, mehr den Mädeln zuliebe als dem Dargebotenen.»
Dies gelte besonders für die Leichtverwundeten, während die Schwerverwundeten in ihrem Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung besonders durch die unbefangene, ungekünstelte Art der Jungmädel immer wieder seelisch beeindruckt würden.
Versuche von konfessioneller Seite, auf die Lazarettbetreuung durch die Hitler-Jugend einzuwirken, wurden nur vereinzelt bekannt. Selbst in konfessionell geleiteten Lazaretten entstanden kaum Schwierigkeiten. Lediglich verschiedene konfessionell gebundene Eltern zeigten gegenüber dieser HJ-Arbeit eine negative Einstellung und verböten teilweise auch ihren Kindern die Teilnahme.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Einsatz der Hitler-Jugend für die Verwundetenbetreuung positiv gewertet und dankbar anerkannt wird. Der Hitler-Jugend sei durch diese Aufgabe ein der Mentalität der Jugend und ihrem Tätigkeitsdrang in hohem Maße entsprechendes Aufgabengebiet erwachsen, durch das sie Freude in das Dasein der verwundeten Soldaten bringen.“