Am 6. Oktober berichtet die Essener Nationalzeitung über 27 Essener Landjahrjungen in Ostpreußen. "Das ist neuer, abermaliger Aufbruch deutschen Blutes nach dem Osten", wird hier getitelt und über das Erleben der „Geschichte dieses Urdeutschen Landes" geschrieben. „Der Führer dieser Gruppe, Paul Remmert, gibt uns im Folgenden eine packende Schilderung dieser Fahrt."
"Bischofswerder, 4. Oktober 1934.
Auf dem Hügel bei Angerburg liegt ein Heldenfriedhof. Er hat den Grundriss eines Kirchenchores, aber mit dem Blick nach Westen, auf dem Schwenzaitsee. In konzentrischen Halbringen sind die Gräber angeordnet. Einzel- und Massengräber, Deutsche und Russen, mit und ohne Namen. In der Mitte ragt das einfache Kreuz. Das Ganze wird von einer lebenden Hecke umschlossen.
Ich stehe mit 27 Essener Landjahrjungen auf diesem Friedhof. (...) Die Jungen stehen schweigend. Hinter dem Kreuz glänzt der weite Wasserspiegel in der Sonne. 'Im Gleichschritt --- marsch!'
Im Schreiten denke ich 20 Jahre zurück und sehe mich als Zwölfjährigen aus den Sommerferien vom großelterlichen Hofe in die Stadt zurückkehren. In Bradwede, wo wir auf die Hauptstrecke stoßen, rollen Stunde um Stunde die Transportzüge an uns vorbei nach Westen. Die Größe und Tragik dieses Augenblicks blieb dem Zwölfjährigen damals verborgen. Aber er kann seine Bilder nicht vergessen und hört augenblicklich wieder das Rattern und Stoßen der Räder auf den Schienen, ihr gleichförmiges dumpfes Rollen.
Was weiß diese Jugend, die hinter mir marschiert, die eben an nur 20 Jahre alten Massengräbern stand, was weiß sie von dem allen!
(...) Wir waren nicht draußen im Krieg und gerieten so schicksalhaft in eine Entwicklung hinein, deren inneres hohes Wesen wir erst später aus dem Munde und den Büchern der Frontsoldaten ganz verstanden.
Von da an hatten wir den Gedanken: Warum bist Du nicht auch an der Front gewesen? Nicht, dass wir einen neuen Krieg herbeiwünschten. Aber wir wussten nun, dass Kampf mit der Waffe in der Hand aus uns andere Kerle gemacht hätte, als die elenden Nachkriegsjahre mit ihrem weichlichen weiblichen Gepräge.
Und die Jugend?
Zucht und Ordnung sind ihre Richtweiser. Sie nehmen ihr nichts vom gesunden natürlichen Frohsinn. Ich habe meine Jungen lange genug beobachtet, um objektiv urteilen zu können. Ich habe den spontanen Ausbruch kindlich jungenhafter Freude gesehen, wenn wir auf unserer "Großen Fahrt" durch Masuren an einen See kamen, die Kleider abwarfen und ins Wasser sprangen. Ich habe gehört, wie sie dann vollkommen frei und natürlich, ohne einen Hauch städtischer Zivilisation , vor sich hin sangen. - Und zehn Minuten vorher waren sie mit dem Affen auf dem Rücken durch die Landschaft marschiert.
Durch den deutschen Osten.
Was wussten denn die Jungen früher vom Osten! Sie kannten den Korridor nicht viel mehr als dem Namen nach. Jetzt haben sie ihn selbst durchquert, sehen täglich vom Lager aus in ehemaliges deutsches Land hinein. Sie haben die Marienburg gesehen, diesen ritterlich-kirchlichen Bau, den wehrhafte Männer, Schwert und Spaten in der Faust, emportürmten." Weitere Stationen der Reise waren: Pillau, Königsberg, Frauenburg.
"Was brauchen die Jungen dabei die genaue Jahreszahl zu wissen. Genug, dass sie erkennen: hier ist altes deutsches Land, alte deutsche Kultur. Hier leben Menschen unseres Blutes. Wir wollen im Landjahr kein uraltes Wissen. Wir wollen für die Idee begeisterte junge Menschen. ---
Dann kam der Aufmarsch der 2000 Landjahrjungs am Bismarckturm in Obereißeln an der Memel. In Zucht und Ordnung, sonst ist ein Lager unmöglich. 2000 Jungs, alle aus dem Westen Deutschlands marschierten angesichts des östlichen, deutschen Stromes, der Memel (...) Das ist neuer, abermaliger Aufbruch deutschen Blutes nach dem Osten. Vor hunderten von Jahren zogen die ersten hinaus, Ritter und Bauern, Soldaten und Arbeiter zugleich, mit Schwert und Spaten, Hacke und Lanze. (...) Es ist wie eine Vorschau, dieses Landjahr in Ostpreußen. Ob es möglich ist, hier zu leben, auf dem Lande oder in einer kleinen Stadt, wenn man Westdeutscher und noch dazu Großstädter ist.
'Ich fühle mich wie zu Haus!'
Natürlich geht der Junge, der so zu mir sagte, gern nach Essen zurück. Selbstverständlich freut er sich Weihnachten auf das Wiedersehen. Aber er weiss doch nun, dass hinter dem Korridor auch noch Deutschland ist, und dass es sich dort gut leben lässt."