Menü
Ereignisse
1934
November

CVJM-Funktionär fordert Aufhebung des Sportverbots

Am 8. November 1934 richtet Heinrich Riemann aus Bielefeld folgendes Schreiben an den Regierungspräsidenten in Minden, in dem er die „Wiederzulassung des Eichenkreuz-Turnverbandes zur sportlichen Betätigung“ fordert:

„Heute lese ich in den hiesigen ‚Westfälischen Neuesten Nachrichten‘ einen Aufruf der Herren Reichsminister Dr. Frick, Reichsminister Dr. Goebbels und Reichssportführer v. Tschammer und Osten zur deutschen olympischen Schulung. Dies ist mir Anlass genug, Sie zu bitten, sich dafür einzusetzen, dass die Frage der sportlichen Betätigung der Christlichen Vereine junger Männer im hiesigen Bezirk, und nach Möglichkeit in allen behinderten Teilen des deutschen Vaterlandes, baldigst einer endgültigen Klärung zugeführt wird. Der jetzige Zustand ist der in den einzelnen Vereinen zusammengeschlossenen Jugend unwürdig. Bitte, erinnern Sie sich, dass wir schon seit 1918 einen Kampf gegen die rote Front geführt haben, der wahrlich nicht ohne Verachtung, ohne Opfer, ja auch nicht ohne Blut abgegangen ist. Dass dieser Kampf nicht ohne Bedeutung gewesen ist, werden Sie sicher genauso gut wissen wie wir. Für uns bedeutet das Ergebnis dieses Kampfes gewiss eine große Freude.

Ich möchte ferner erinnern an die bedeutsame und Aufsehen erregende Stellungnahme der Weltkonferenz der CVJMs in Cleveland gegen die Kriegsschuldlüge.

Zuletzt weise ich noch auf die am 8. und 9. September 1934 in Bremen stattgefundene Hundertjahrfeier des Bremer CVJM hin, wo außer Vertretern des Weltbundes (keine internationale Organisation!), der Schweiz, von Schweden, von Holland, von Frankreich auch der Generalsekretär der indischen CVJM-Bewegung, eine stärkere englische Sportmannschaft und auch der amerikanische Botschafter aus Berlin anwesend waren.

Ich möchte hier nur auf die sportlichen Wettkämpfe eingehen und erwähne, um mit dem krassesten Beispiel anzufangen, dass in dem 100 m-Endlauf neben 5 Engländern nur 1 Deutscher vertreten war. Im 800 m-Lauf blieb allerdings ein Stuttgarter CVJM-Sekretär vor den Engländern in ausgezeichneter Zeit siegreich. Im 5000 m-Lauf starteten 3 Engländer und nur 2 Deutsche; die beiden Deutschen gaben auf, und die Engländer teilten sich den Sieg. Diese Ergebnisse zeigen, wie beschämend es für die deutschen Teilnehmer war, auf deutschem Boden in dieser Weise abzuschneiden. Die Schuld lag aber m.E. in folgendem: Das Hauptgebiet unseres Westbundes, nämlich Rheinland und Westfalen, durfte in den letzten Monaten keinen Sport treiben. Es fehlte also das erforderliche Training. Aber gerade die Turner des Westbundes wären in der Lage gewesen, den Engländern Sieg und Plätze streitig zu machen und somit ihnen - einer gewiss nicht zu unterschätzenden Zahl - ein anderes Bild vom neuen Deutschland zu geben. Aus dem Westbund waren bei den sportlichen Wettkämpfen neben zwei Faustballmannschaften nur drei Bielefelder vertreten.

Soll dieser Zustand noch fortdauern? Ich antworte: Nein! das darf nicht sein. Es ist tatsächlich nicht gleich, was die Mitglieder der ausländischen Brudervereine über Deutschland und über die Stellung des Staates zum deutschen CVJM denken, denn der Einfluss der CVJMer in anderen Ländern, z.B. in England, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Schweden, ist weit grösser als z.Zt. in Deutschland. (Falls Sie hierüber etwas Näheres zu wissen wünschen, übersende ich Ihnen gern die Broschüre ‚Immer noch CVJM?‘ von G.A.Gedat.) - Wir nehmen es auch für uns in Anspruch, in mancher Beziehung bahnbrechend im deutschen Sportsleben gewesen zu sein. Wir dürfen daher im Interesse des Ansehens unseres Werkes in der Welt und zufolge unserer Tradition als Gestalter deutscher Menschen fordern, uns in der Ausübung unseres Sportbetriebes die gleichen Rechte zurückzugeben, die jeder DT.- oder DSB.-Verein hat, und wir geben Ihnen die Versicherung, unser Recht auch als unsere Pflicht anzusehen. ‚Dem Vaterlande gilt's, wenn wir zu spielen scheinen.‘

Haben sich aber einzelne Vereine oder einzelne Führer in irgendeiner Weise staatsschädigend gezeigt, dann bitte, heraus mit der Sprache! Entweder sind dieser Glieder oder Gliederungen unwürdig, dann müssen sie aufgelöst oder ausgemerzt werden, oder sie sind würdig zu leben, dann soll man ihnen aber auch volles Lebensrecht geben. Man sollte sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite den Mut aufbringen, der sich in dem kämpfenden SA-Mann wiederspiegelt, nämlich den Mut zur Wahrheit und zur Klarheit. Ich stehe auf dem Standpunkt, unser Staat kann sieh die Tat einer gerechten Zerstörung auf sich nehmen, er kann es sich aber nicht leisten, eine lebensfähige, lebensnotwendige und damit das Recht auf Leben besitzende Organisation auf die Dauer zu enttäuschen und in diesem Sinne zu bekämpfen. Wir wollen schaffen Männer der Kraft des Körpers, des Geistes und der Seele, die vor Gott, vor Deutschland und vor der Welt bestehen können.

Dem Herrn Reichsminister des Innern und dem Herrn Reichssportführer habe ich Abschrift dieses Schreibens übersandt.“

Baum wird geladen...