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Ereignisse
1934
August

Der Mindener Regierungspräsident berichtet

Am 6. September 1934 berichtet der Mindener Regierungspräsident über die Monate Juli und August:

„Die allgemeine innerpolitische läge im Berichtsmonat war durch den Tod des Herrn Reichspräsidenten und die Volksabstimmung vom 19. August 1934 beherrscht. Der Tod und die feierliche Beisetzung des Reichspräsidenten, woran das gesamte Volk auch äußerlich in stärkstem Maße Anteil nahm (Flaggenschmuck, stärkster Andrang zu den öffentlichen Rundfunkübertragungen der Beisetzungsfeierlichkeiten) , ließ die allgemeine Politik in den ersten Tagen des Berichtsmonats in den Hintergrund treten. Diese ruhige Linie hielt auch äußerlich während der Vorbereitungen für die Volksabstimmung an (…)

Im Norden meines Bezirks, der überwiegend evangelisch ist, hat der evangelische Kirchenstreit nachteilig auf das Abstimmungsergebnis eingewirkt. Hier liegt das Zentrum des Widerstandes der Bekenntnisfront gegen die Reichskirchenregierung. Die Anhängerschaft der Bekenntnisfront ist ständig im Wachsen.

Im südlichen, katholischen Teil des Regierungsbezirks ist die Zunahme der Neinstimmen ohne Zweifel zurückzuführen auf die Auseinandersetzungen, welche zur Zeit zwischen dem Staat und der katholischen Kirche geführt werden. Vor allem haben drei Umstände hier eine große Rolle gespielt: der Kampf um die katholischen Jugendverbände, die angeblich drohenden Gefahren eines neuen Heidentums (Mythos des XX. Jahrhunderts) und der Tod von Dr. Klausener und Probst.

Neben diesen Motiven allgemeiner Natur haben sich m.E. ganz besonders solche von überwiegend örtlichem Charakter sehr ungünstig ausgewirkt und zwar überall da, wo das Verhalten und Auftreten von Amtswaltern der P.O., der S.A. oder H.J.-Unterführern Anlass zu Unzufriedenheit und Verärgerung gegeben haben. Aus den bisher eingegangenen Berichten der nachgeordneten Behörden lässt sich ganz eindeutig erkennen, dass für das Ansehen der Bewegung gerade ein einwandfreies, vorbildliches bildliches Leben der Amtswalter sehr große Bedeutung hat und daß eine rücksichtslose Beseitigung nichtgeeigneter oder durch ihr Vorleben unwürdiger Amtswalter der Partei und ihrer Organisationen erfolgen muss.

Bei der Würdigung der Stimmzahlen darf m.E. nicht außeracht gelassen werden, dass die allgemeine Stimmungskrise noch nicht als überwunden betrachtet werden kann. Eine sehr viel größere Anzahl von Volksgenossen, als das Abstimmungsergebnis vom 19. August erscheinen lässt, dürfte dem Nationalsozialismus noch immer kritisch und zweifelnd gegenüber stehen. Wenn diese Menschen trotzdem ihre Bedenken zurückstellen und dem Führer ihre Stimme gaben, so dürften sie erkannt haben, dass mit Rücksicht auf das Ausland eine einheitliche Willenskundgebung des gesamten deutschen Volkes von der allergrößten Bedeutung war. Auch hat die schnelle und restlose Niederschlagung der Röhm-Revolte zweifelsohne dem Führer gerade in diesen Kreisen viele neue Sympathien gewonnen, aber man erwartet, dass die vom Führer angekündigte Säuberungsaktion in der Partei und ihren Organisationen auch weiter durchgeführt wird. Die so versöhnend gehaltene Rede des Führers nach der Volksabstimmung hat bisher - wenigstens teilweise - eine entsprechende versöhnende Haltung auch bei den Unterführern vermissen lassen.“

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