Menü
Ereignisse
1934
Juni

Eltern fordern Garantie des Kirchbesuchs

Am 12. Juni richten zwei HJ-Führer aus Helmern, unter ihnen auch der Führer des Unterbanns VI, folgendes Schreiben an den Landrat in Warburg:

„Am 10.6. 1934 fand auf Befehl des Gebietsführers der HJ Gebiet Westfalen eine Führertagung der H.J.-Führer, vom Scharführer aufwärts, in Münster i.W. statt. Laut Befehl des Bannes 281 Paderborn-Höxter mussten die einzelnen Unterbanne morgens um 6 Uhr mit ihren Lastwagen vor dem Bannbüro in Paderborn sein, damit die Weiterfahrt nach Münster dann gemeinsam fortgesetzt werden konnte.

Sämtliche Teilnehmer des Unterbannes VI/281 legten den größten Wert darauf, vor der Abfahrt nach Münster ihrer Christenpflicht durch den Besuch einer Messe zu genügen. Da die Finanzierung einer solchen weiten Fahrt schon ohnehin erhebliche Schwierigkeiten bereitete, war es unsere vornehmste Aufgabe, alle weiteren . Schwierigkeiten von vornherein aus dem Wege zu räumen. Das .galt besonders in Bezug auf Besuch des Sonntagsgottesdienstes.

In Rücksprachen mit den Eltern verlangten dieselben von mir die Garantie, dass es den Jungen ermöglicht wurde, eine Messe zu besuchen. Ich gab das Versprechen und fühlte mich nun umso mehr veranlasst, dasselbe auch zu halten. Als unser Wagen in Paderborn eintraf, bot sich uns auch sofort Gelegenheit, eine Messe im Dome zu besuchen, die etwa 20 Minuten dauerte. Während der Messe kam ein Scharführer im Auftrage des Bannführers und forderte uns auf, sofort die Kirche zu verlassen. Es dauerte dann noch einige Minuten und die Messe war beendet.

Der Bannführer erwartete uns auf dem Domplatz. Ich machte ihm vorschriftsmäßige Meldung. Daraufhin machte er mir Vorhaltungen über den Besuch des Gottesdienstes. Unter anderem meinte er: ‚Es läge nur an der Führung, wenn die Jungen heute noch Wert darauf legten, den Sonntagsgottesdienst zu besuchen. Das wäre heute nur noch in unserem Unterbanne möglich.‘

Ich muss dem entgegenhalten, dass es für uns bis heute keinerlei Befehle gibt, die die Jungen bewusst von ihrer religiösen Überzeugung abbringen sollen. Würden solche Befehle erlassen, so wäre es mit der H.J. hier zu Ende. Wir selbst vermeiden jede Reiberei mit der Kirche, die wir jedoch auf der anderen Seite auch schärfste Frontstellung beziehen, wenn von irgendeiner konfessionellen Seite her die H.J. angegriffen wird. Wir nehmen absolut keinen konfessionellen Hetzer und Wühler in Schutz, sondern wissen denselben mit dem ganzen schneidigen Elan, der in unserer revolutionären Jugendbewegung steckt, abzutun. Wir ziehen die Grenzen zwischen Staat und Kirche so haarscharf, wie es der Führer befiehlt und wie es im Konkordat seinen Niederschlag findet. Auf der anderen Seite verlangen sowohl die Eltern als auch die Jungen, dass ihnen ihre religiöse Freiheit gewahrt bleibt.

Diese Forderung wird an jeden H.J.-Führer gestellt. Wir fassen den H. J.-Dienst als reinen Dienst am heutigen Staate auf, der mit Kirchendienst nicht das Geringste zu tun hat. Religiöse Themen stehen nicht in unserem Schulungsprogramm. Unsere Jungen sollen später bewusste Nationalsozialisten werden, mögen sie privatim auf religiösem Gebiete stehen, wo sie wollen. Wenn wir den H.J.-Dienst in dieser Richtung auffassen, so dürfte dieses für den Bannführer wohl auch richtiger sein. Ich kann also niemals die religiöse Freiheit der Jungen antasten, indem ich sie zwinge, ihren Gottesdienst zu versäumen. Wenn sie dienstlich in Ordnung sind, dürfte mir die Konfession des einzelnen einerlei sein.-

In Münster wurden dann meinem Abteilungsleiter E vom Bannführer weitere Vorhaltungen über den Kirchenbesuch gemacht.

Der Bannführer erklärte etwa folgendes: ‚Euer Unterbann ist ein Sauhaufen.‘ (Wir treten den Gegenbeweis jederzeit an!) Ich lasse es nicht ein drittes Mal zu, dass ihr die Kirche bei einer solchen Gelegenheit besucht.‘ (Für den Kirchenbesuch der H.J. im Anschluss an die große Jugendkundgebung am 1. Mai 34, wo in den Kirchen beider Konfessionen Gottesdienste zur Ehre der Arbeit stattfanden, erhielten wir den ersten Tadel). Eher werde ich alle Führer des Unterbannes VI einschließlich Unterbannführer absetzen. Alle anderen Unterbanne sind vernünftig gewesen und haben heute Morgen auf ihren Gottesdienst gesch...[schissen].‘

Wir fühlen uns im Interesse der H.J. verpflichtet, dem Herrn Landrat die Angelegenheit zu unterbreiten.“

Der nahm sich des Anliegens an und ließ NSDAP-Gauinspektor Homann in Paderborn sowie in Abschrift auch dem Regierungspräsidenten in Minden am 13. Juni 1934 folgendes Schreiben zukommen:

„Beifolgend überreiche ich eine Beschwerde des Unterbannführers der Hitler-Jugend des hiesigen Kreises mit der Bitte zu veranlassen, dass dem Bannführer ein derartiges Auftreten, wie es in der Beschwerde zum Ausdruck kommt, in Zukunft untersagt wird. Wenn die Katholiken verhindert werden, am Sonntag am Gottesdienst teilzunehmen, werden fast sämtliche Hitler-Jungen aus der Hitler-Jugend austreten, und es ist doch nicht der Wille des Führers, dass derartig in die religiösen Belange eingegriffen wird. Man ist hier im Kreise empört über ein derartiges Vorgehen, und wollen die Eltern ihre Jungens nicht mehr in die Hitler Jugend hineintun. - Ich wäre dankbar, wenn ich über das Veranlasste eine kurze Nachricht bekäme.“

Bannführer Willy Tefehne gibt am 20. Juni zu den Vorwürfen folgende Stellungnahme ab:

„Am 10. Juni fand auf Befehl der Gebietsführung Westfalen eine Führertagung in Münster statt. Um zu dieser Tagung pünktlich zu erscheinen, war es erforderlich, dass jeder Unterbann mit seinem .Lastwagen um 6 Uhr abfahrbereit vor dem Bannbüro stand. Ich gab dementsprechende Befehle an die Untergliederungen heraus.

Diese Befehle wurden von allen Unterbannen, außer dem Unterbann VI, Führer Junglehrer Justus Hergesell, eingehalten. Derselbe war wohl der Ansicht, er müsste mit seinen Leuten erst zur Messe, ehe er zur Führertagung kommen kann. Er besuchte dann auch im Dom um 6 Uhr die Messe und kam dadurch ½ Stunde zu spät und verzögerte dadurch die Abfahrt und Ankunft meines gesamten Bannes, sodass ich vom ganzen Gebiet Westfalen als letzter Bann in Münster eintraf und die Meldung verzögerte. Für mich als HJ-Führer gibt es, wenn meine Vorgesetzten rufen, nur die eine Pflicht, diesen Befehl auszuführen. Alles andere ist in diesem Augenblick Nebensache. Wenn wir leider verschiedene Unterführer haben, die diesen Gehorsam noch nicht kennen, so ist das Schuld der schnellen Entwicklung der Hitlerjugend. Ich habe den betr. Führern des Unterbannes VI meine Meinung klipp und klar zum Ausdruck gegeben.“

Baum wird geladen...