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Ereignisse
1934
März

HJ provoziert katholische Jugend in Bergisch Gladbach

In Bergisch Gladbach ergeht über die Lokalpresse am 10. März 1934 die Aufforderung an die Schülerinnen und Schüler der Berufs- und Handelsschule sowie der katholischen Volksschulen, an einer Kundgebung der Jugend am 11. März 1934 teilzunehmen. Mitglieder von HJ und BDM nehmen an der Veranstaltung in ihren Formationen teil.

Die Kundgebung beginnt mit einem Zug durch die Stadt, dem ein Schild mit der Aufschrift „Gegen den schwarzen Verrat! Hinein in die Hitler-Jugend!“ vorangetragen wird. Zudem stimmt die HJ ein bekanntes Lied mit dem Kehrreim „Wir fürchten Sturmschar und den Präses nicht“ [vermutlich eine Parodie von „Argonnerwald um Mitternacht“].

Als der Zug am Heim der Sturmschar vorbeikommt, vor dem zwei ältere Sturmscharführer stehen, die unter ihrer Jacke das Hemd der Sturmschar tragen, stürzt der Standortführer der HJ auf die beiden zu und verlangt, dass diese die Hemden wegen eines angeblich bestehenden Uniformverbots ausziehen. Als sich die beiden weigern, werden sie von etwa 30 weiteren Hitlerjungen aus dem Zug zusammengeschlagen und einem von beiden das Hemd vom Leib gerissen und „im Triumpf“ im Zug mitgeführt.

Zu dem angeblichen Uniformverbot bemerkt der Bericht der Kirche, dass im rheinisch-bergischen Kreis weder ein Kluft- noch ein Abzeichenverbot bestanden habe und auch jetzt nicht bestehe. Es sei jedoch im Westdeutschen Beobachter im Lokalteil am 10. März eine Rezension ohne Verfügung und Unterschrift gebracht worden, die ein solches Verbot im Gebiet des Bannes 16 behauptet habe. Daher sei die Sturmschar auch angewiesen worden, die Kluft nur unter dem Mantel zu tragen, um Konflikte zu vermeiden.

Als die Kirche um Aufklärung bei der politischen Polizei bittet, wird ihr beschieden, „die katholische Kirche solle mit ihrem Unfug endlich einmal aufhören, dann passiere so etwas nicht“. Auch die Bitte, das die Kirche umgebende Gelände von der HJ zu „säubern“, wird mit den Worten abgelehnt „Sie wollen doch nur Aufsehen erregen, gehen Sie doch nach Hause!“ Die Aufforderung, das Verbot der Sturmschar in schriftlicher Form nachzuweisen, wird mit Stillschweigen kommentiert.

Nach der Kundgebung kommt es zu weiteren Angriffen der HJ auf Sturmschärler, die sich daraufhin in die Kirche flüchten. Als der Präses die Hitlerjungen deswegen zur Rede stellt, verweisen diese auf ihren Befehl und auf die Mitteilung im Westdeutschen Beobachter.

Die Hitlerjungen werden dann von der Polizei vom kirchlichen Gelände gewiesen. Ein hinzukommendes Mitglied der politischen Polizei droht dem Präses mit den Worten: „Wenn Sie nicht da wären, dann wäre ruhe in unsrer Jugend. Und wenn Sie nicht sofort verschwinden, nehme ich Sie in Schutzhaft.“

Der Präses begibt sich daraufhin in die Kirche und bittet die dort befindlichen Sturmscharjungen, die Hemden auszuziehen und nach Hause zu gehen. Dies ist jedoch erst nach Abzug der HJ eine Stunde später möglich.

Nach der gesamten Veranstaltung werden noch verschiedenen anderen Mitgliedern von Sturm- und Jungschar von der HJ die Hemden und Abzeichen entwendet.

Zum Schluss des Berichts weist der Präses darauf hin, dass die Sturmschar am besagten Sonntag, den 11. März die Kluft nicht zur Provokation getragen habe, sondern weil dies am Kommunionssonntag stets so gewesen sei und bisher keine persönlichen Angriffe der HJ stattgefunden hätten.

 

Der Vorfall wird in der Lokalpresse (Bergische ?) in gänzlich anderer Form dargestellt. Hier heißt es unter der Überschrift „Uniformierte katholische Jugendliche provozieren die Staatsjugend“: Die nationalsozialistischen Jugendorganisationen demonstrierten gestern gegen jene Kreise, die sich noch unterfangen, das große Einigungs- und Aufbauwerk der HJ zu stören. […] An der Rommerscheider Straße wagten es Mitglieder einer katholischen Jugendorganisation, die vorbeimarschierende HJ in unerhörter Art und Weise zu provozieren. Obgleich ihnen das Tragen ihrer Uniform noch am Tage vorher laut Erlass des Regierungspräsidenten untersagt worden war, stand ein Grüppchen dieser Jugendbündler herausfordernd in seiner verbotenen uniform am Rande der Straße, um die jungen Kämpfer im Braunhemd zu provozieren. Sie fanden es auch nicht für nötig, unsern Fahnen den selbstverständlichen Gruß zu entbieten. Es war klar, dass sich die Hitlerjugend diese unglaubliche Provokation nicht bieten ließ und ihnen die gebührende Antwort erteilte.“

 

Nach den Vorfällen vom Sonntag kommt es am Montag, den 12. März zu weiteren Auseinandersetzungen mit der HJ. In der Turnhalle werden Mitglieder der DJK von Hitlerjungen auf Klufthemden untersucht. Gleiches geschieht beim abendlichen Messdienertreffen. Dabei habe sich, so ein Schreiben des Präses an das Erzbischöfliche Generalvikariat, ein Jg. Simson besonders hervorgetan.

Besagter HJ-Führer Simson provoziert dann am 18. März erneut, als er Kaplan Backhaus nach der Messe vor der Kirche ein Exemplar der von ihm zu verkaufenden „Fanfare“ mit den Worten überreicht: „Neueste Baseler Zeitung. Betrifft die Zustände in Bergisch Gladbach über Backhaus und Dr. Honecker. Nur 10 Pf.!“ Dabei nimmt er Bezug auf eine Anklage Honeckers, ausländische Zeitungen als Lektüre empfohlen zu haben.

Die Aufforderung von Backhaus an Simson, wegen der Beleidigung mit auf die Wache zu kommen, lehnt Simson ab. Ein herbeigerufener Polizist äußert sich zu der Sache nicht. Backhaus bemerkt dazu: „Ich befand mich also in priesterlicher Kleidung (Talar und Birett) und musste mir auf offener Straße diese unvorherzusehende Beleidigung gefallen lassen, ohne dass allerdings auch nur einer der vielen noch herumstehenden Kirchenbesucher etwas dazu gesagt hätte.“

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