Streit um HJ-kritische Erklärung der Kölner Geistlichkeit
Die Gauleitung Köln-Aachen sendet Reichsinnenminister Frick am 6. Februar 1934 die Abschrift zweier Erklärungen, die am Sonntag, den 4. Februar 1934 von den Kanzeln zahlreicher katholischer Kirchen in Köln verlesen wurden. Einige Pfarrer hätten sich ausdrücklich geweigert, die Verlesung vorzunehmen mit der Begründung, „solche Anweisungen müssten vom Dekanat oder vom Generalvikariat ergehen, die Pfarrgeistlichkeit als solche könne dieses Verlangen nicht stellen“.
Der Gauleiter zweifelt jedoch an, dass „eine solche Ungeheuerlichkeit“ habe geschehen können, ohne dass sich die Geistlichen zuvor „einer Rückendeckung beim Erzbischof vergewissert“ hätten.
Die Pfarrer hätten die Kanzel zur „Bekämpfung der Hitlerjugend und zur Herabwürdigung der amtlichen Parteizeitung Westdeutscher Beobachter missbraucht“. Der Einwand der Kirche, es sei keine andere Möglichkeit, sich zu wehren, vorhanden gewesen, sei unhaltbar. Erstens seien nicht die Geistlichen, sondern die Verbandsvorsitzenden für die Vertretung der Verbandsinteressen zuständig, und zweitens seien verschiedenste Staats- und Reichsbehörden zur Entgegennahme von Beschwerden bereit.
Der Inhalt der Erklärungen sei zudem „völlig unwahr“. An dem Zusammenstoß sei nicht die HJ schuld gewesen. Die katholische Jugend habe vielmehr ein bestehendes Uniformverbot übertreten, was Anlass von Auseinandersetzungen gegeben habe. Der Westdeutsche Beobachter habe die Darstellung des Vorkommnisses in der Weise abgedruckt, wie sie ihm von der Gebietsführung der HJ gegeben worden sei. „Hier ist also die Kanzel zu einer verleumderischen Hetze politischer Art missbraucht worden.“
In der ersten Erklärung vom 4. Februar 1934 verwahrt sich die Pfarrgeistlichkeit gegen die Misshandlung und Provokation katholischer Jugend durch die HJ, die sich am 28. Januar 1934 in verschiedenen katholischen Kirchen Kölns abgespielt haben soll.
Die zweite Erklärung, die ebenfalls vom 4. Februar 1934 stammt, wendet sich gegen die Berichterstattung des Westdeutschen Beobachters:
„Im Gehorsam gegen den Heiligen Vater, in Übereinstimmung mit dem Reichskonkordat mühen wir katholischen Priester uns in unseren Jugendvereinen, die katholische Jugend zu Christus zu führen.
Das nennen Artikelschreiber im Westdeutschen Beobachter die letzten Tage ‚Schwarzen Verrat‘, das nennen sei ‚Missbrauch der Jugend zu dunklen Zwecken‘, das nennen sie ‚Machenschaften unlauterer Elemente‘, das nennen sie ‚Volksfremde Verhetzung‘, das nennen sie ‚Missbrauch von Priesterwürde und Kanzelrecht, Missbrauch von Kirchengewalt und Beichtstuhl‘.
Da wir keine andere Möglichkeit haben, erheben wir von der Kanzel aus vor dem Angesicht Gottes und vor der hier versammelten Gemeinde feierliche Anklage und legen entschiedene Verwahrung ein.
Das Wirken der katholischen Priester bei Eurer Jugend liegt offen vor Euer aller Augen. Gott, der Herr und auch ihr, Gläubige, gebt unserem Gewissen das Zeugnis, dass jene Verleumdungen, mögen sie auch bergehoch gehäuft werden, nicht an unsere Fußsohlen heranreichen.
Wir lassen uns nicht beirren und werden weiterwirken, dass deutsche katholische Jugend bleibe die Jugend Christi!
Köln, den 4. Februar 1934
Die Pfarrgeistlichkeit der Stadt Köln“
Als Reaktion auf das Schreiben der Gauleitung sendet der Kölner Erzbischof an Frick am 8. März 1934 ein Schreiben, in dem er die Darstellung der Gauleitung zu korrigieren sucht. Einleitend heißt es hier, dass die Kanzelerklärung ohne Vorkenntnis des Erzbischofs auf Veranlassung der Dechanten der Stadt Köln erfolgt sei. Diese würden auch sonst bei „Anlässen lokalen Charakters gemeinsame Kanzelverkündigungen“ herbeiführen. Die Darlegungen der Gauleitung über die Vorgänge, die zu der Kanzelerklärung geführt hätten, würden überdies „zu den hier zugegangenen Berichten in diametralem Gegensatz“ stehen.
Der Erzbischof wiederholt dann seine bereits am 7. Februar 1934 mündlich vorgetragene Bitte, dass die Reichsregierung möglichst bald einen „rechtskundigen Beauftragten“ entsenden möge, der unter Hinzuziehung eines durch den Erzbischof bestellten Geistlichen den gesamten Sachverhalt aufklärt.
„Schon jetzt“, so der Erzbischof, „fühle ich mich der Reichsregierung gegenüber zu dem Hinweis verpflichtet, dass die Erklärung der Pfarrgeistlichkeit die Stimmung getreu wiedergibt, welche infolge der fortgesetzten Bemühungen des Westdeutschen Beobachters, einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Nationalsozialismus und Christentum darzutun und den Abfall vom Christentum zu propagieren, wie infolge von aufreizenden Gewalttätigkeiten der hiesigen Hitlerjugend und der Entrechtung der katholischen Jugendvereine die weitesten Kriese der Katholiken Kölns, darunter auch viele ausgesprochen nationalsozialistischer Einstellung, erfasst hat.“