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Ereignisse
1934
März

HJ bekämpft katholische Jugend in Frechen

Am 19. März 1934 ergeht ein Verbot des Kölner Regierungspräsidenten, das u.a. den öffentlichen Vertrieb und das öffentliche Verteilen von Jugendzeitschriften konfessioneller Verbände untersagt. Um dieses Verbot entsteht am 23./24. März 1934 in Frechen ein Konflikt zwischen katholischer Jugend und HJ, da sich die katholische Jugend trotz des Verbots im Recht sieht, ihre Zeitschrift, die „Junge Front“, weiterhin innerhalb der Kirche und an Abonnenten verkaufen zu dürfen, während die HJ ein generelles Verbot daraus ableiten will.

Als am 23. März 162 Exemplare der neuen Ausgabe der „Jungen Front“ in Frechen angeliefert werden und Mitglieder des Jugend- und Jungmännervereins St. Audomar beginnen, diese zu verteilen, sucht die Polizei den Präfekten des Vereins, Joseph Hoff, gegen Mitternacht in dessen Wohnung auf, führt ihn zur Wache und befragt ihn über den Vertrieb der Zeitschrift. Obgleich Hoff die Polizei, darunter Polizeikommissar Weyer, über die Bestimmungen aufklärt, können sich die Polizisten über deren Auslegung nicht einigen. Daher verständigen sie alle erreichbaren Polizeibeamten und befehlen ihnen nachzusehen, wo im Dorf die „Junge Front“ unter den Türen bzw. in den Briefkästen liegt. Zudem werden alle „Frontposten“ (Jugendliche, die die „Junge Front“ verkauft haben“) zur Wache bestellt und deren verbliebene Zeitschriften beschlagnahmt. Auch aus dem Jugendheim St. Audomar werden verschiedene Zeitschriften, Bücher und dgl. von der Polizei mitgenommen.

Unter den „Frontposten“ befindet sich auch Matthias Görtz, zu dem bereits gegen 23 Uhr der Hitlerjunge Wieland gekommen war, um dessen Exemplare der „Jungen Front“ zu beschlagnahmen. Görtz, der seine 39 Exemplare eigentlich am nächsten Tag bei den Abonnenten hatte abliefern wollen, händigt diese aus, als Görtz mit Polizei droht.

Auf der Wache wird Görtz, Hoff und den übrigen „Frontposten“ nun von den Polizisten und dem Adjutanten des Landrates von Lövenich, Theodor Stumpf, vorgeworfen, die „Junge Front“ öffentlich vertrieben zu haben, da man Exemplare in Briefkästen und unter Türen gefunden habe, die nicht von Abonnenten seien.

Nach der Befragung werden alle entlassen, und Hoff besorgt sich am nächsten Tag die Verkaufsbelege sämtlicher „Frontposten“. Damit kann er nachweisen, dass sämtliche Exemplare, die dem Jugend- und Jungmännerverein geliefert worden waren, entweder beschlagnahmt oder aber an Abonnenten verkauft wurden. Die Exemplare, die angeblich öffentlich verteilt wurden, können damit nicht durch den Verein vertrieben worden sein. Hoff fordert daher die Herausgabe der beschlagnahmten Zeitschriften und eine Unterrichtung der für Frechen zuständigen Kreis- und Ortsbehörden einschließlich der NSDAP-Dienststellen, dass durch das Verbot des öffentlichen Vertriebs nicht der Absatz auf nicht öffentlichem Wege und erst recht nicht die Zeitschrift selbst betroffen sind.

 

Bereits in den Wochen zuvor hatte die katholische Jugend unter Drangsalierungen zu leiden. So wurde im Januar 1934 am Jugendheim der Schriftzug „Das Christi-Stürmer-Haus“ und   zwei Chi-Rho-Abzeichen gestohlen. Am 31. Januar wurden 13 Angehörige der katholischen Jungschar von 150 Mitgliedern des Jungvolks unter Führung von Theodor Schumpf nach einer Wanderung überfallen. Die Jungvolkjungen versuchen den katholischen Jugendlichen – erfolglos – den Wimpel zu entwenden, beschimpfen sie als „katholische Hunde“ und bewerfen sie mit teils faustgroßen Steinen, was zu zahlreichen Verletzungen führt. Nachdem den katholischen Jugendlichen die Flucht gelungen ist, wird deren Führer Peter Koch, zu Polizeikommissar Weyer gerufen, der ihm vorwirft, die Wanderung durchgeführt zu haben, um das Jungvolk zu provozieren. Koch berichtet: „Pol-Kom. Weyer ließ mich nicht zu Wort kommen […], sondern überflutete mich in einem fort mit Vorwürfen und Anklagen, dass wir die Schuldigen seien, indem er unseren Spaziergang als Aufmarsch bezeichnete.“ Anschließend geht Weyer zusammen mit einem SS-Mann und einem Polizisten ins Jugendheim und beschlagnahmt den St. Georgs Wimpel.

Am 14. Februar versuchen mehrere Hitlerjungen in der Nacht, auf dem Sportplatz neben dem katholischen Jugendheim den Fahnenmast der DJK aus der Erde zu ziehen, werden dabei jedoch unterbrochen. Dafür entfernt die HJ am 18. Februar vom Dach des Jugendheims das kirchliche Banner mit dem Christusmonogramm, obwohl die Polizei ihr dies zuvor untersagt hatte, als die HJ die Beschlagnahmung beantragte.

 

Im April 1934 gehen die Konflikte weiter. So wird eine Wandergruppe der katholischen Jugend, alle in Zivil, am Ostermontag, den 2. April, in Hennef von einem Polizisten und mehreren HJ-Mitgliedern angehalten und durchsucht. Zwei Signalhörner, die persönliches Eigentum zweier Jungen sind, zwei Fahrtenmesser, die im Tornister waren, und eine schwarze Mütze, die angeblich eine Jungvolk-Mütze sei, werden beschlagnahmt. Eine Quittung wird den Jungen erst nach langem energischem Zureden ausgestellt.

 

Die Drangsalierungen erstrecken sich auch auf den Arbeitsplatz. Einem Angehörigen des Jungmännervereins, Lehrling bei der „Colonia“ in Köln, wird per Schreiben vom 7. April 1934 die Aufnahme in die Deutsche Angestelltenschaft (früher Deutscher Handlungsgehilfen-Verband) mit der Begründung verwehrt, dass nur HJ-Mitglieder aufgenommen werden.

 

Sämtliche Vorkommnisse werden am 14. April 1934 an das Erzbischöfliche Generalvikariat in Köln weitergeleitet. Beigefügt sind auch ein Rundschreiben des Bannes 161 vom 6. Januar 1934, die Abschrift eines Briefes des Bannführers des Bannes 16 (Bensberg) sowie eine Veröffentlichung der HJ Bergisch-Gladbach, die dort im Aushängekasten der katholischen Schule in der Wilhelmstraße hing. Aus diesen geht hervor, dass die Bekämpfung der konfessionellen Jugend Teil der Aktivitäten der HJ ist.

 

Das Rundschreiben des Bannes 161 stammt vom Propaganda- und Presseleiter des Bannes und Jungbannes 161 Düren und gibt eine zusammenfassende Aufstellung über die Ziele und Aufgaben der Presse- und Propagandaarbeit. Darin wird die Bekämpfung der konfessionellen Jugend ausdrücklich als ein Ziel der Arbeit genannt.

Eingangs wird zunächst die Hierarchie der Arbeit klargelegt: Alle Presse- und Propagandawarte unterstehen dem nächsthöheren Presse- und Propagandawart und damit beispielsweise der Scharpressewart dem Gefolgschaftspressewart.

Unter Punkt 2 heißt es: „Leider gibt es heute noch viele Volksgenossen, die unserer Jugendbewegung zum mindesten uninteressiert gegenüberstehen. Es gibt aber auch viele andere Volksgenossen, die uns auch heute noch glauben bekämpfen zu können. Daher muss all diesen Aufklärung gegeben werden über das Wesen der HJ, ihre Aufgaben und ihre Notwendigkeit zur Erreichung des 100-prozentigen nationalsozialistischen Staates. Selbstverständlich ist die Propaganda den Volksgenossen gegenüber, die auch heute noch kein Interesse für unsere Sache zeigen in anderem Maße anzuwenden, als gegen unsere heutigen Gegner.“

Die Zusammenarbeit mit der Presse läuft über die Unterbanne. Sämtliches Material, das von den Propagandawarten geliefert wird, geht an den Unterbannreferenten. Dabei sollen lokale und allgemeine Berichte verfasst werden:

„Unter lokaler Berichterstattung verstehe ich Angaben über Versammlungen, Aufmärsche und sonstige örtliche Veranstaltungen der HJ. Den einzelnen Scharpressewarten mache ich es hiermit zur unbedingten Pflicht, hiervon schnellstens und genauestens Berichte zu liefern. Dagegen sollen auch möglichst Berichte allgemeinen Inhalts von allen sich hierfür interessierenden Jungen geliefert werden.

Die allgemeine Berichterstattung: Den Leser der Tageszeitung kann natürlich bei der Fülle des vorhandenen Materials eine bloße Aufzählung unserer Veranstaltungen auf die Dauer nicht interessieren. Er muss vielmehr von uns erfahren, wie sich der Hitlerjunge zum neuen Staates stellt. Wir müssen Zeugnis darüber ablegen, was die HJ für das Fortbestehen und den Wiederaufbau des Vaterlandes bedeutet. Ich lege daher größten Wer darauf, dass mir Berichte weitergegeben werden, die unter andrem folgende Themen behandeln.

1. Der revolutionäre Kampf der HJ zur Erreichung des idealen Staates
2. Die Kameradschaft in der HJ
3. Warum haben wir in der HJ das Führerprinzip im Gegensatz zum Parlamentarismus in der früheren Jugendbewegung?
4. Was hat mich zur HJ hingezogen?
5. Wie denke ich mir meine spätere Betätigung im nat.-soz. Staate?
6. Warum bekämpfen wir die konfessionelle Jugend
7. Entstehung der HJ oder aus welchem Grund ist die HJ gegründet worden?“

Bei dem wöchentlichen Treffen der Propagandawarte im Dürener Schirachhaus soll Gelegenheit gegeben werden, weitere Fragen und Ziele zu klären. Wer diesen Treffen unentschuldigt fernbleibe, werde seines Amtes enthoben.

 

Ein Brief an alle Führer im Bann 16 vom 18. Januar 1934 bemerkt, dass der Eingang von Neuanmeldungen zur HJ in den letzten Wochen zu einem „gewissen Stillstand“ gekommen sei, den die verantwortlichen Führer nicht ohne weiteres hinnehmen dürften. Man wolle zwar nicht jeden nehmen, doch die Werbemöglichkeiten seien noch nicht erschöpft. Mancher „brauchbare Kerl“ stehe noch draußen und bedürfe vielleicht nur eines Anstoßes. „Hier sind es insbesondere die in den katholischen Organisationen erfassten Leute, die einer besonderen Bearbeitung bedürfen. Es ist festgestellt worden, dass oft nur deshalb der Übertritt einzelner noch nicht erfolgt ist, weil sie nicht den Anfang zur Sprengung eines gewissen Kameradschaftskreises machen wollen. Das also ist ein wunder Punkt, an dem wir jetzt angreifen müssen. Je eher, umso besser!“ Hier müssten überall „Werbe- und Stoßtrupps“ gebildet werden, um an „entscheidender Stelle“ einzusetzen. „Die Bresche in die katholische Mauer muss gewagt und gewonnen werden, koste es, was es wolle. Gelingen wird die Arbeit immer da, wo ein kämpferischer Wille und damit ein Weg vorhanden ist. Ersetzt den zu werbenden Leuten durch Eure Kameradschaftlichkeit das, was sie bisher entbehrt haben und was sie etwa mit dem Übertritt zu uns aufgeben. Veranstaltet besondere Werbeabende, zu denen die zu Werbenden besonders, möglichst persönlich eingeladen werden müssen. Der Erfolg wird dann nicht auf sich warten lassen!“

Unterschrieben ist das Rundschreiben von Arthur Möller, der mit der Führung des Bannes beauftragt ist, sowie von der Abteilung für Presse und Propaganda.

 

Zu dem Brief wird in dem Schreiben an das Erzbischöfliche Generalvikariat bemerkt, dass daraus hervorgehe, „dass die Werbearbeit in der HJ nur langsam vorangeht“. Dabei wird darauf hingewiesen, dass die neueste Nummer der „Fanfare“ mit der Schlagzeile „Herr Kardinal, wir wehren uns“ eine Notiz enthalte, wonach die Auflage der „Fanfare“ im Gebiet Mittelrhein nur 19.700 betrage. Der Katholische Jungmännerverband der Diözesen Köln und Aachen sei also mindestens ebenso stark wie die gesamte HJ. [Hier wird allerdings die Auflagehöhe mit der Mitgliedsstärke in eins gesetzt, was kaum Sinn ergibt.]

 

Das Schriftstück im Aushängekasten der HJ an der katholischen Schule in der Wilhelmstraße in Bergisch Gladbach lautet:

„Unerhörte Vorfälle an den Schulen Bergisch Gladbachs zwingen uns zu folgender Stellungnahme:

Es ist einzigartig, dass wir von manchen Leute so bewusst missverstanden werden. Wer sich heute noch abseits der großen Bewegung stellt, ist zur Jugenderziehung untauglich. Fast unglaublich erscheinen folgende Äußerungen eines Herrn Dr. H, Studienrat und Religionslehrer in Bergisch Gladbach. In der Religionsstunde wagte er es, Maßnahmen der Regierung zu kritisieren und in unverschämter Weise gegen die Hitlerjugend, die Jugend des Führers, zu hetzen. Er scheute sich nicht, seine seltsame Stellungnahme gegenüber der Regierung und ihren Maßnahmen auch seinen Schülern einzuimpfen, er, der doch von eben diesem Staat sein Gehalt bezieht. Folgende Äußerung des Herrn Dr. H. können wir nicht hinnehmen, ohne dazu öffentlich Stellung zu nehmen!

1. Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ
Die Eingliederung der evangelischen Jugend sei keine vollständige gewesen und der Reichsbischof sei dazu nicht befugt gewesen. Er habe gar nicht im Einverständnis mit der evangelischen Jugend gehandelt, die deutschen Zeitungen schwärmen von vollständiger Eingliederung, doch ‚Druckerschwärze schütze vor Lügen nicht‘, die Wahrheit lese man in der Baseler Zeitung. Denn
2. wolle man die Wahrheit über Vorgänge in Deutschland wissen, so müsse man auch ausländische Zeitungen lesen!
3. Die Kirche nehme in der Judenfrage die gleiche Stellung ein wie die Regierung, und zwar nicht erst seit einigen Jahren! Sie verbiete Mischehen zwischen Christen und Juden. Gegen getaufte Juden habe sie natürlich nichts einzuwenden (!). Bewusst stellen wir uns gegen eine solche Ansicht und dulden es nicht, dass unseren Junggenossen in der Schule gegen ihren Willen Ideen eingeimpft werden, die im schärfsten Gegensatze zu der Stellung der NSDAP zum Judentum und der Rassenfrage stehen.
4. Herr Dr. H. macht Elternbesuche, um diese vor der gefährlichen HJ zu warnen. Wir wollen nicht hoffen, dass hierbei auch gehetzt wird. Krasses Beispiel: Ein Mitglied des Bundes Neudeutschland findet den Weg zur HJ und will sich anmelden. Dr. H. erfährt hiervor, eilt zu dessen Eltern und bringt es fertig, dass der Vater seinem Jungen verbietet, in die HJ zu gehen und ihn zwingt, in Neudeutschland zu bleiben. Mit welchen Argumenten und Drohungen wird dies wohl gelungen sein? […]

Deutsche Eltern! Erkennt die große Gefahr, die hier Eurer Jugend und der Idee des Nationalsozialismus droht! Erkennt die Leute, die Zwiespalt in die Herzen Eurer Jungen säen und ihr Amt missbrauche. Nicht in breiter Öffentlichkeit geschieht dies, nein, im Religionsunterricht, wo keiner die Sache beobachten kann. Die Jugend kämpft für das Vaterland, für die große Idee unseres Volkskanzlers Adolf Hitler! Nur die Einheitsfront der Jugend garantiert die ewige Einigkeit, darum hinweg mit Verrat und Sabotage!

Deutsche Jugend, sei wachsam, erkenne deine Feinde!

HJ – Sturmriemen fester!"

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