Verabschiedung der Abiturienten
Im März 1934 verabschiedet der Oberstudiendirektor die Abiturienten des Leopoldinums in Detmold mit folgenden Worten:
„Woher kommt es, dass gerade unser Volk ewig jung ist, dass gerade unser Volk das Volk des steten Wiederaufstiegs ist? Es muss doch wohl seit Urväterzeiten in unserem Volke eine seelische Kraft vorhanden sein, die sich in ihrer Stärke und wunderbaren Auswirkung von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag stets frisch und ungebrochen erhalten hat. Es ist dies die ungeheure seelische Kraft, die Kraft auch, die in dem tiefen Innern jedes einzelnen von uns Deutschen verborgen liegt, in den Tiefen auch unserer deutschen Seele, des Gemütes, das alle die geistigen und seelischen Werte umfasst, die, unbeeinflusst von der Außenwelt, den Menschen ganz auf sich selber stellen. Welches sind aber vor allen Dingen diese Urkräfte in unserem Volke? Vor allem ist dem Deutschen eine tief-religiöse Auffassung des Außenlebens zu eigen, die ihn alle Wirrnisse und Fährnisse des Lebens erfolgreich bestehen lässt. Wir finden es in unserer ganzen Geschichte bewahrheitet, dass jedes Mal, wenn der Deutsche abweicht von diesem seinen Urempfinden, auch ein Abstieg erfolgt in den äußeren Verhältnissen. Wir hatten in der Zeit vor Luther eine solche Zeit. Aber die Lutherzeit selbst, in der der Aufstieg von neuem begann, und dann vor allen Dingen die auf die Lutherzeit folgende Zeit der stillen Frömmigkeit des Pietismus beweisen uns, dass trotz politischen Wirrwarrs auch damals geistesgeschichtlich dem Ab ein Auf folgte. Ich darf Sie auch erinnern an den geistigen Umbruch vor 1813, an Männer wie Fichte und Stein; Fichte, den geistigen Reformator, Stein, den politischen Führer der damaligen Zeit. Sie, wie alle hervorragenden Männer der deutschen Geschichte, fanden die Wurzeln ihrer Kraft in diesem Idealismus, dem Glauben an ihr Volk, in der Begeisterungsfähigkeit, Opferwilligkeit. Und besonders wertvoll ist hier für uns Deutsche heute die Erkenntnis, dass auf diese geistige Erneuerung unseres Volkes die glänzenden Befreiungstaten von 1813 und die Befreiung von allen drückenden Fesseln erfolgten. Wiederum also ein herrlicher Aufstieg nach trostlosem Elend. Damals wie nach der Lutherzeit zugleich wieder ein Zeitalter, das in pflichttreuer Arbeitsamkeit für das deutsche Volk den Wert unseres menschlichen Daseins proklamierte.
Nicht anders ist es, wie auch Sie wissen, mit unserer heutigen Bewegung, die nach den Jahren des tiefsten sittlichen Niederbruchs wie ein Sturmwind alles Morsche, Undeutsche und Widernatürliche hinwegfegte, die weiter so lange all dem Minderwertigen und Zersetzenden gegenüber revolutionär bleiben muss, bis das letzte Ziel des Nationalsozialismus erreicht ist, das letzte Ziel, das man auch — zunächst bei dem einzelnen, dann zusammengefasst bei der Allgemeinheit — in die Worte kleiden kann: Nationalsozialismus ist das Höchstmaß inneren Anstandes. Jeder aber, der der Erreichung dieses Zieles Hinderliches tut, ist kein Nationalsozialist, sondern weiß noch nicht, dass man erst durch untadeliges Verhalten überall, wo man ist, wie Alfred Rosenberg sagt, sich den Ehrennamen Nationalsozialist erwerben kann. Ist doch Nationalsozialismus gerade das Gegenteil von dem elenden Materialismus, von Gottlosigkeit, Selbstsucht, Sittenlosigkeit. Er hat mit all dem nichts zu tun. Der Nationalsozialismus soll ja gerade gegenüber den eben geschilderten Zeiten des Niederbruchs, deren Kennzeichen Materialismus ohne Gottesglauben war, der Zeit gegenüber, die den Himmel den Spatzen und Engeln überließ, er soll, wie einst Luther und die frommen Männer des Pietismus oder wie die Erneuerer Deutschlands 1813, heute den im Volke trotz alles Leugnens tiefinnerlich verankerten Trieb zum wahrhaft Religiösen wieder zu Ehren bringen.
Sie, meine lieben Abiturienten, müssen das wissen. Denn letzten Endes geht es ja dem einzelnen nicht anders wie dem Volke. Wie im frommen Empfinden der einzelne Mensch sich unterordnet unter den Willen eines Höheren und in dieser Unterordnung sein eigenes Ich völlig aufgibt, so bewirken die deutsche Seele und das deutsche Gemüt im Verkehr der Menschen untereinander eine Weltauffassung, die allein das eine Ziel kennt, alle Selbstliebe und allen Eigenwillen aufzugeben und statt dessen das ganze Leben in den Dienst des anderen und schließlich des ganzen Volkes zu stellen. So muss auch Sie das Wort, das heutigen Tages unser ganzes deutsches Volk bis in seine innersten Tiefen erfüllt, und wo es noch nicht der Fall ist, noch erfüllen muss, völlig gefangen nehmen: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. An der Verbreitung einer derartigen Weltauffassung aber zu arbeiten, muss Sie mit höchstem Stolz erfüllen, ihr müssen Sie Ihre ganze Kraft zur Verfügung stellen. Einerseits also: Fromm sein, nicht im Sinne von muckerisch, oder sonstwie beengt, sondern in freudiger Betätigung des deutschen Sozialismus, andererseits auf diesem Wege hinstreben zu der großen Gemeinschaft „Volk”, zu der Gemeinschaft: „Deutsches Volk”, das die Gemeinschaft aller derer umfasst, die deutschen Geblütes und deutschen Gemütes sind. Tun Sie das, so erfüllen Sie Ihre Lebensaufgabe: Ihre ganze Kraft dem deutschen Volke zu widmen, auf dass es glücklich sei und frei, und durch das Wirken an diesem Volke in zweiter Linie dann auch der ganzen Welt zu dienen, dass an diesem deutschen Wesen doch noch einmal die Welt genesen.“