Widerstände gegen Schulverlegungen und Verschickungen
Am 25. Oktober 1943 berichtet der Sicherheitsdienstes der SS Folgendes „Zur Frage der Verlegung der Schulen aus den Luftkriegsgebieten“
„In den SD-Berichten zu Inlandsfragen vom 30.9.1943 wurde eine Übersicht über die Einstellung der Bevölkerung zu den eingeleiteten Maßnahmen zur Umquartierung der Schulen gegeben und an Hand einiger Beispiele der Stand der Schulverlegung aufgezeigt. Nach zahlreichen neuen Berichten aus vielen Teilen des Reiches ist die augenblickliche Situation durch folgende Momente gekennzeichnet:
1. In zunehmendem Maße macht sich ein immer stärker werdender Widerstand der Eltern gegen eine Verschickung ihrer Kinder bemerkbar.
,Trotz aller Werbeaktionen, die von der Schulverwaltung und der Gebietsführung der HJ gemeinsam unternommen wurden, besteht bei dem weitaus überwiegenden Teil der Elternschaft eine starke Ablehnung gegen die Kinderlandverschickung unter Trennung vom Elternhaus.'
,Die Werbung für die KLV hat im hiesigen Bereich nur einen sehr geringen Erfolg gehabt. Von den z.Zt. etwa 70.000 in Hamburg anwesenden Schulkindern haben sich nur 1.400 für eine Verschickung bereit erklärt.'
,Von 197 Schülern der Hauptschule in Düren/Rheinland haben sich nur 23 für eine Verschickung gemeldet.'
'Aus den Unterlagen der Schulabteilung beim Stadtpräsidenten in Berlin, Abteilung für Volks- und Mittelschulen, ist ein starkes Ansteigen der Zahl derjenigen Schüler zu ersehen, bei denen sich die Eltern standhaft weigern, die Erlaubnis zur Teilnahme an der Schulverlegung zu geben. Am 30.8.1943 weigerten sich die Eltern von 62.000, am 15.10.1943 die Eltern von 85.000 Kindern, ihre Einwilligung zur Verschickung zu erteilen.'
2. Die Gründe, die die Eltern zu dieser ablehnenden Haltung veranlassen, sind im Wesentlichen folgende:
,Eltern und Kinder wollen unter allen Umständen zusammenbleiben.'
,Man befürchtet eine Gefährdung der familiären Bindung und damit die Entfremdung der Kinder.'
,Man rechnet mit jahrelanger Trennung.'
,Die Unterbringung in weit entfernte Gebiete wird wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten zum Besuch der Kinder abgelehnt.'
,Die feindlichen Terrorangriffe würden jetzt auch auf die Aufnahmegaue ausgedehnt; wenn uns hier durch die Flieger etwas zustößt, dann sollen unsere Kinder nicht alleine dastehen.'
,Die Luftgefahr in Hamburg ist nicht größer als in anderen Teilen des Reiches. In Hamburg seien nur noch Ruinen, die keinen Angriff mehr lohnten.'
,Die Männer an der Front wünschen, dass Mutter und Kind zusammenbleiben.'
,Man befürchtet eine Beschlagnahme der durch die Verschickung der Kinder freiwerdenden Räume.'
,Ein Hauptgrund für die Ablehnung der Verschickung sind oft auch Gerüchte über mangelhafte Verpflegung, schlechte Unterbringung und Behandlung.'
,Mit Einbruch des Herbstes und Winters sorgen sich die Eltern, bei der oft behelfsmäßigen Unterbringung um die gesundheitliche Betreuung ihrer Kinder. Erkältungskrankheiten ließen sich sicher nicht vermeiden und bei dem gegenwärtigen Ärztemangel müssten dann zwangsläufig, selbst wenn sich die Lagerleitungen alle Mühe geben, ernstlichere Erkrankungen auftreten. Die Eltern und Mütter hätten die Möglichkeit, sich um jedes einzelne Kind schon beim Auftreten leichterer Erkältungen zu kümmern. Im Lager sei es unmöglich, auf jedes Kind ein gleich wachsames Auge zu haben, zumal die 10 – 14-Jährigen seien selbst noch so unerfahren, dass sie sich nicht durch entsprechende Kleidung vorsehen könnten.'
3. Es macht sich überall eine starke Tendenz bemerkbar, die Kinder in die Heimatorte zurückzuholen.
,In der Zeit vom 15.9.1943 sind 9.754 Kinder nach Berlin zurückgekehrt. Davon waren in KLV-Lagern, die bereits vor dem 1.8.1943 bestanden haben, 952 untergebracht. Einzeln verschickt waren 7.258, mit den Schulen verschickt 1.544 Kinder.'
,In steigendem Maße werden die verschickten Kinder von den Eltern zurückgeholt; man schätzt die Zahl der zurückgekehrten Kinder in Gelsenkirchen-Buer auf 70 %, in Gladbeck auf 60 % und in Gelsenkirchen und Horst auf 50 %.'
,Von den 19.000 aus Stralsund verschickten Müttern und Kinder sind bereits 10.000 wieder zurückgekehrt.'
4. Von den Eltern der in luftgefährdeten Gebieten zurückgebliebenen Kinder wird verstärkt die `Wiederaufnahme des Schulunterrichts gefordert.
,Die Eltern, die ihre Kinder in Berlin zurückbehielten, berufen sich auf das ihnen zugestandene Bestimmungsrecht über den Aufenthalt ihrer Kinder und fragen mehr oder weniger ungeduldig, wann endlich wieder Schulunterricht in Berlin erteilt wird. Die Eltern der Mittel- und Oberschulen weisen darauf hin, dass sie Schulgeld zahlen müssten, ohne dass ihre Kinder unterrichtet würden. Die telefonischen Anrufe bei Partei und Staatsstellen nach dem Termin des Wiederbeginns des Schulunterrichts mehren sich in letzter Zeit stark und nehmen oft ultimativen Charakter an.'
,Ein Hauptgesprächsthema der Berliner Eltern ist z.Zt. die Frage der eventuellen Wiederaufnahme des Schulunterrichts. Nachdem nunmehr fast drei Monate seit Beginn der Evakuierungsmaßnahmen vergangen sind, beschäftigen sich die Eltern immer mehr mit der Möglichkeit einer Weiterbildung ihrer Kinder. Aus Sorge um die schulische Betreuung ihrer Kinder haben Eltern bereits mehrfach Sammeleingaben an die Schulleitung gemacht und darin die Wiederaufnahme des Unterrichts gefordert.'
5. Erschwerend für die Unterbringung geschlossener Schulen wirkt sich nunmehr auch die Tatsache aus, dass in den bisherigen Aufnahmegebieten die Umquartierung der Schüler aus den größeren Städten ebenfalls in Angriff genommen wird. Dadurch treten vielfältige Stauungen und Überschneidungen ein, die erneute Umverlagerungen erforderlich machen, die ursprünglichen Pläne über den Hausen werden und die Aufnahme einer geregelten Beschulung weiter hinausschieben. Zusammenfassend lässt sich aus dem umfangreichen Erfahrungsmaterial folgendes feststellen:
a) In den Städten, aus denen Kinder verschickt wurden und in denen die Beschulung während der Durchführung dieser Aktion aussetzte, wird von der Bevölkerung mit großer Einheitlichkeit die Wiederbeschulung der verbliebenen Kinder gewünscht. Die Kinder seien während eines großen Teils des Tages ohne jede Aufsicht und da sie in den vergangenen Kriegsjahren ohnehin schon viel zu wenig gelernt hätten, sei ein weiterer Schulausfall schwer zu verantworten. Verschiedene Städte sind bereits dabei, den Schulbetrieb wieder aufzunehmen.
b) Viele Eltern wären bereit, ihre Kinder zu verschicken, wenn sie in der unmittelbaren ländlichen Umgebung der Großstädte untergebracht werden könnten. Dann sei es möglich, wenigstens ab und zu nach den Kindern zu sehen. Die Sorgen und Bedenken, die gegen die KLV-Verschickung von Seiten der Eltern immer noch vorgebracht werden, würden in diesem Falle wenigstens auf ein gewisses Minimum herabgedrückt. Die Interessen des Staates, die Kinder den Gefahren des Luftkrieges zu entziehen und die Interessen der Eltern könnten auf diese Weise besser zur Deckung gebracht werden.
c) In den vom Luftterror betroffenen Städten hört man immer und immer wieder, dass die Familien eine Sicherung ihrer Kinder am liebsten in der Form durchgeführt hätten, dass die Mütter mit ihren Kindern in der Umgebung oder im Nachbargau dieser Städte untergebracht werden und dass dann die Kinder die örtlichen Schulen besuchen. Die Hauptschwierigkeit dabei war bisher der Umstand, dass an den örtlichen Schulen die vorhandenen Lehrkräfte nicht ausreichten, während in den Entsendestädten die Lehrer außerhalb ihrer Schulen in den Kartenstellen und in den Verwaltungsstellen die Städte eingesetzt seien. Es müsse erreicht werden, dass die Städte ihre Lehrer für diese Beschulung abgeben. Es könnte dann ein schichtweiser Unterricht eingerichtet werden, der auch größere Zahlen von Kindern bewältigt. Die bisherigen Erfahrungen gehen dahin, dass in den umliegenden Ortschaften dieser Städte durchaus Mütter mit ihren Kindern in großer Zahl untergebracht werden könnten.“