Überlegungen zur religiösen Betreuung von Evakuierten
Am 30. September 1943 wendet sich (vermutlich) Pfarrer Ohl mit folgendem Schreiben an Pfarrer Frick:
„Lieber Bruder Frick!
Nimm herzlichen Dank für die Übersendung des Briefes von Bruder D. von Bodelschwingh über die Versorgung der Evakuierten. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Die Maßnahmen, die Westfalen eingeleitet hat, sind vorbildlich und sollen auch uns helfen, die nicht geringen Schwierigkeiten zu überwinden, die der Betreuung der Evakuierten im Wege stehen. Nachstehend darf ich Dir sagen, wie wir die Aufgabe gesehen haben und anzufassen suchten.
1. Voraussetzung für die Betreuung der Evakuierten ist die Lösung zweierlei Fragen:
wie erfasse ich die Evakuierten?
und wie gewinne ich die Kräfte zu ihrer Betreuung?
2. Die erste Aufgabe ist, so will es mir scheinen, für uns schwieriger zu lösen, als für die Westfalen im Blick auf ihre in Pommern untergebrachten Evakuierten. Die Erfassung Ortsfremder ist in den ländlichen Bezirken Pommerns leichter und schneller durchzuführen als in Industriebezirken und Aufnahmebezirken städtischen Charakters. Unsere Aufnahmegaue für evakuierte Rheinländer sind der Freistaat Sachsen, Thüringen, Niederschlesien, Schwaben, Mainfranken, Oberdonau, Niederdonau. Dabei hören wir z.B. vom Freistaat Sachsen, dass lediglich die Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz nicht mit Evakuierten belegt worden sind, während man bei den Industriestädten und Mittelstädten keine Ausnahme gemacht hat. Im städtischen Bezirk ist aber der Ortsfremde viel schwerer auszufinden und zu erfassen als im ländlichen Bezirk.
Die ländlicheren Bezirke aus den oben genannten Gebieten, also Mainfranken, Oberdonau, Niederdonau, sind Gebiete evangelischer Diaspora und bieten darin noch besondere Schwierigkeiten für den Ansatz unserer Arbeit, zu der man ja doch immer einen Ansatzpunkt und möglichst einen kirchlichen Raum haben möchte. Wo Gemeinde und Gottesdienst sind, finden sich wenigstens einzelne der Evakuierten dazu und sind hier anzusprechen, auch auf Adressen anderer. Wo aber Kirche und Gottesdienst fehlen, fällt auch diese Möglichkeit fort.
3. Wir waren darum darauf angewiesen, zunächst auf anderem Weg Adressen von Evakuierten zu erreichen. Wir haben durch die religiöse Betreuung der Kinder, die durch die erweiterte Kinderlandverschickung evakuiert sind, seit Jahren sehr rege Beziehungen zu den Pfarrämtern der Gebiete, in denen jetzt auch die Erwachsenen untergebracht sind. Wir haben aus diesen Pfarrämtern zunächst 500 herausgesucht, die in der erweiterten Kinderlandverschickung rege mitgearbeitet haben. Ihnen haben wir ein Anschreiben übersandt, von dem ich Dir ein Stück beilege.
4. Gleichzeitig haben wir uns mit den Pfarrern in den Abgabegebieten, also hier in unseren zerstörten rheinischen Städten in Verbindung gesetzt und sie gebeten, uns Adressen zu sagen und zu schreiben von Gemeindegliedern, die evakuiert sind. In diesem Bemühen kamen uns die Amtsbrüder aus den zerstörten Städten vielfach mit ihrem dringenden Wunsch entgegen, an weitere Adressen ihrer verzogenen Gemeindeglieder zu kommen.
5. So kommen wir zu einer ersten, sicher noch nicht sehr umfangreichen Aufstellung von Namen Evakuierter. Bei ihnen können wir nun ansetzen, um durch sie neue Adressen ihrer Verwandten, Bekannten und Freunde zu bekommen.
6. An die auf den Weg über 3. und 5. erreichten Adressen wird versandt ein Gruß der Heimatkirche, den uns Herr Generalsuperintendent D. Stoltenhoff geschrieben hat. Auch von ihm lege ich ein Stück bei. Dieser Gruß ist gleichzeitig den unter 3. genannten 500 Pfarrern zugegangen in einer Reihe von Exemplaren und mit der Bitte, bei Bedarf nachzufordern.
Wir lassen jetzt auch die Anregung herausgehen, diesen Gruß oder Teile von ihm von der Kanzel in den Aufnahmegebieten dort, wo man Evakuierte im Gottesdienst vermutet, von der Kanzel zu verlesen und daran anschließend die Evakuierten entweder nach dem Gottesdienst kurz zu sammeln oder sie ins Pfarrhaus zu laden oder zu einer besonderen Stunde zusammenzurufen.
7. Im Freistaat Sachsen setzen wir, im Einvernehmen mit dem Landesverein für Innere Mission, eine Fürsorgerin unseres Evangelischen Gemeindedienstes für Innere Mission in Düsseldorf ein. Sie soll sich zunächst der Gemeindeglieder annehmen, die daheim eine besondere Betreuung hatten, also der Alten und sonstiger Schützlinge. Wir rechnen aber damit, dass sie auf diesem Weg auch Verbindung findet mit einer ganzen Reihe von anderen, nicht fürsorgebedürftigen Rheinländern.
8. Auch der Kirchliche Dienst für die wandernde Gemeinde hat sich auf unsere Bitte hin eingeschaltet und an seine Landes- und Ortsvertretungen die Anregung herausgehen lassen, doch die Evakuierten in ihren Gemeinden zu erfassen, sie zur Teilnahme am Gemeindeleben ihres Aufnahmebezirks einzuladen und ihre Adressen auch uns oder dem Heimat-Pfarramt direkt zuzuleiten.
9. Ist so die erste Frage: wie komme ich an die Adressen der Evakuierten gefördert, so soll, natürlich nicht erst nach Abschluss dieser ganzen Bemühungen, sondern in gleichem Schritt mit ihnen, die schriftliche Verbindung zwischen dem Heimatpfarramt und den Evakuierten einsetzen.
10. Mit der Förderung dieser Verbindung ist die Möglichkeit gegeben, auch Besuchsdienst durch die Pfarrer der Heimatgemeinde durchführen zu lassen. Auch hier liegen erste Anfänge vor.
11. Wir sind uns bewusst, dass wir entsprechend dem westfälischen Vorgang außer der Entsendung von Pfarrern die Entsendung von Gemeindehelferinnen, Katechetinnen, Gemeindeschwestern, ins Auge fassen müssen. Wir müssen nur fürchten, dass die Kräftefrage bei uns sehr viel schwieriger zu lösen ist, als die Westfalen gelöst hat unter Rückgriff auf das große leistungsfähige Mutterhaus Sarepta. Wir haben in der Sorge um die Betreuung der kinderlandverschickten Katechumenen und Konfirmanden uns seit Jahren nur mit sehr geringem Erfolg bemüht, Kräfte für diesen wichtigen Dienst freizubekommen. Es mag sein, dass jetzt durch die Veränderung des Arbeitsstandes in der Heimat eine Auflockerung eingetreten ist und Kräfte frei werden. Es zeigt sich aber, dass der Umfang dieses Freiwerdens noch außerordentlich schwer abzuschätzen ist, weil auch die zerstörten und evakuierten Städte in einem Ausmaß, das niemand für möglich gehalten hätte, jetzt schon wieder von den Rückkehrern besiedelt werden. So ist es sehr schwer abzuschätzen, welche Kräfte wirklich frei werden. Vor allem sind auch die Kräfte selbst höchstens zu vorübergehendem Einsatz außerhalb ihres Heimatgebietes geneigt, weil sie alle erwarten, dass sie an Ort und Stelle, mit der Bevölkerung mit der sie verwachsen sind, auch weiter ihren Dienst wieder aufbauen müssen.
Wie schwer die Lage abzuschätzen ist, mag die eine Mitteilung zeigen, die uns in diesen Tagen zuging: Teile des Duisburger Gebietes sind plötzlich von der Gefahrenzone 1 in die Gefahrenzone 3 versetzt worden, während Aufnahmegebiete, in denen die Duisburger untergebracht waren, jetzt zur Gefahrenzone 1 erklärt worden sind. Effekt: die Duisburger kehren aus dem Aufnahmegebiet nach Duisburg zurück und bringen ihre Verwandten und Gastgeber aus dem Aufnahmegebiet mit nach Duisburg.
Ich fahre morgen nach Dresden, um mit dem Landesverein für Innere Mission eine Reihe der hier erörterten Fragen besprechen zu können. Wir finden fort allergrößte Bereitschaft, uns zu helfen. Vielleicht kann ich bei der Vorstandsitzung am Dienstag noch zusätzlich berichten.
Mit herzlichem Gruß
Dein“
[Namen fehlt im Original]